Das Zungenbein ( lat.: Os hyoideum) – oder das Gleichgewicht liegt in aller Munde

Dieses ist der Artikel 1 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier, die Autorin dieses Artikels, mit ihrem bezaubernden Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight, genannt  Finn.

von Stefanie Niggemeier

Das Zungenbein ist ein Knochen im Körper des Pferdes, den viele Reiter nicht kennen, obwohl die meisten von ihnen täglich im Training direkten Einfluß darauf nehmen.

Es handelt sich um einen – von oben besehen- fast H-förmigen Knochen, es erinnert an einen Schlitten, und befindet sich , an Bändern aufgehängt, im Unterkiefer des Pferdes. Von unten ist es zwischen den Unterkieferästen zu ertasten und sollte auch beweglich sein.

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Ein Video, beim dem alle Teile benannt werden:

Ist es das nicht, kann das verheerende Folgen für das Pferd haben. Ein blockiertes Zungenbein führt zu Taktunreinheiten und sogar Lahmheiten, kann der Grund sein für Anlehungsfehler, Mängel in der Durchlässigkeit, Stellungsfehler, mangelnde Fähigkeit zu Beizäumung und mangelnde Versammlungsfähigkeit. Es kann der Grund für ein plötzliches Abmagern des Pferdes sein, für Koordinationsschwierigkeiten und auch Wesensveränderungen wie Teilnahmslosigkeit oder starkes Abwehrverhalten ( Buckeln, Durchgehen, Steigen).

Wie kommt es, dass die Fehlstellung eines einzelnen Knochens solche massiven Auswirkungen haben kann? Das Zungenbein ist maßgeblich relevant für den Gleichgewichtssinn, als auch die Stabilität. Jeder kennt den Ausdruck: “ Die Zähne zusammenbeißen“- das bedeutet nichts anderes, als die Muskulatur, die das Zungenbein umgibt, anzuspannen, um es in eine stabile Position zu bringen. Trägt man Lasten mit aufeinandergepressten Kiefern, so ist das Tragevermögen deutlich größer. Mit einer Umpositionierung des Zungenbeins wird die gesamte Körperachse verschoben, bei Pferden spricht man in solchen Fällen auch von Zügellahmheit: sobald Druck auf das Zungenbein kommt, verspannt das Pferd die umgebende Muskulatur , es kommt zu dysfunktionalen Bewegungsabläufen und falscher Belastung der Gelenke.

Beim Menschen wissen wir, dass eine Fehlstellung des Zungenbeins für vegetative Beschwerden wie Tinnitus, Schwindel, migräneartige Kopfschmerzen, Seh- und Hörstörungen , Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Gliedmaßen verantwortlich sein kann; es gibt keinen Grund, warum wir nicht annehmen können, dass das Beschwerdebild beim Pferd ähnlich oder deckungsgleich ist. Ebenfalls zu erwähnen sei hier die sogenannte Cranio-Mandibuläre Dysfunktion, die mit einer speziell angepassten Zahnschiene ( „Knirscherschiene“ ) in der Humanmedizin behandelt wird.

Der sogenannte „Polizeigriff“ wird bei renitenten Personen deswegen verwendet, weil bei festgestelltem Zungenbein ein Laufen nahezu unmöglich ist: Probieren Sie es ruhig einmal aus!

Die mit dem Zungenbein verbundene Muskulatur zieht sich durch den Hals bis zum Rücken des Pferdes und findet ihren Ansatz in den Sehen des Vorderbeins. Eine falsche Hufkorrektur oder ein mangelhafter Beschlag können also schon Einfluss auf die Position und frei bewegliche Funktion des Zungenbeins haben. Auch eine ungeschickte Zahnuntersuchung, bei der die Zunge zu stark seitlich aus dem Pferdemaul gezogen wird, kann zu einer Blockade in diesem Bereich führen.

Natürlich hat auch die ungleichmäßige Abnutzung des Gebisses und eventuelle Hakenbildung Einfluss auf die reguläre Position des Zungenbeins, weshalb eine mindestens jährliche Kontrolle jedem Pferdebesitzer Pflicht sein sollte.

Warum also nutzt der Reiter schon seit Jahrtausenden ein Gebiss, um auf diese empfindliche Struktur einzuwirken? Wäre dann konsequentes gebissloses Ausbilden nicht deutlich pferdefreundlicher?

Tief eingebettet in die das Zungenbein umgebende Muskulatur ist ein Hormonpunkt, der direkt und indirekt für das Wohlbefinden verantwortlich ist. Bekommt so manch einer unter Stress “ so einen Hals“, bleibt uns in Prüfungssituationen „die Spucke weg“ oder „ein Kloss im Hals stecken“, so ist all das ein Zeichen für eine Anspannung und/oder Verspannung im Bereich der das Zungenbein umgebenden Muskulatur.

Was lässt ich dagegen tun? Um vom Sympathikusmodus , der für Flucht, Angst und Aggression, sowie allgemeines Unwohlsein verantwortlich ist, wieder zum Parasympathikusmodus zurückzufinden, weiß der Körper sich zu helfen: man gähnt, schluckt, singt, isst oder , bei kleinen Kindern besonders beliebt, lutscht am Schnuller oder Daumen. Schon lockert sich die Muskulatur, Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet, man befindet sich im „Wohlfühlmodus“. Diese Gefühl können wie mit Hilfe eines Gebisses leichter im Pferd erzeugen, wenn wir es denn in der richtigen Art und Weise gebrauchen. Wenn wir es nutzen, um das Pferd mit vorsichtigen Hilfen in der Muskulatur zu lockern, machen wir ihm das Reiten quasi auch hormonell gesehen angenehm .

Das Auslösen des Kau- und Schluckreflexes findet in den Lehren vieler Alter Meister Erwähnung, allen voran Francois Baucher, der sich intensiv mit verschiedenen Abkauübungen beschäftigt hat ( zum Beispiel dem „Cession des Mâchoirs“ , bei dem mit dem Gebiss oder Finger so lange in den Maulwinkel in Richtung Genick eingewirkt wird, bis das Pferd beginnt zu kauen und man es den Kopf danach direkt senken läßt) . Indirekt lässt sich das Zungenbein über eine entsprechende Positionierung des Schädels , auch Stellung genannt, auch gebisslos lockern. Wir sprechen dann vom „descente d`Encolure“, bei dem wir das Pferd am Kappzaum auffordern, auf eine stellende Parade hin den Kopf tief und in eine Stellung zu bringen. Diese Übung findet schon bei Newcastle Erwähnung, der für den Anfang rät, diesen Impuls mit einem Büschel Gras in die Tiefe lockend in der Hand des Reiters zu unterstützen.

Vor allem das in der Pferdeausbildung so wichtige Geraderichten hat mit der korrekten Ausrichtung von Zungenbein zu Unterkiefer, vom Unterkiefer zum Atlaswirbel und durch die Wirbelsäule , „über den Rücken“ , und in umgekehrter Richtung von der Ausrichtung der Hüfte und des tragenden Hinterbeins auf den Unterkiefer des Pferdes einen enormen Einfluss auf das mit zunehmender Versammlung immer fragiler werdende Gleichgewicht und sollte den Reiter in seinem ganzen Tun und Streben bewegen. Bei Xenophon finden wir dazu folgenden Satz: “ Die Schule aber welche „Pede“ ( Zirkel) heißt, ist sehr lobenswert, denn sie gewöhnt ein Pferd daran, sich auf beiden Kinnladen wenden zu lassen. Auch das Wechseln in dieser Schule ist gut, damit beide Kinnladen durch beide Arten der Schule gleich werden.“ Die schon im Kindesalter beim Ponyreiten geübten Volten und Zirkel finden also unter Anderem in der Arbeit mit dem Zungenbein ihre ursprüngliche Bestimmung.

Hier findet sich eine gute Möglichkeit, dem Pferd zu helfen, eine funktionelle Lage des Zungenbeins zu finden ; weitere nützliche Lektionen finden wir in den Seitengängen oder dem Karrée.

Obwohl sprichwörtlich in aller Munde, ist die gesunde Funktion des oft so unbekannten Zungenbeins also maßgeblich für die Skala der Ausbildung des Pferdes und das korrekte Beeinflussen dieses für gesundes Reiten so wichtigen Körperteils sollte stets behutsam und achtsam geschehen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

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