Was mache ich nur mit der ständigen Kritik in meinem Stall?

Kraft und Wendigkeit auf der Stelle.  Aus dem Buch "L'instruction du roy en l'exercice de monter à cheval " von Antoine de la Baume Pluvinel (mit Dank an die Bayerische Staatsbibliothek)

Kraft und Wendigkeit auf der Stelle.
Aus dem Buch „L’instruction du roy en l’exercice de monter à cheval “ von Antoine de la Baume Pluvinel (mit Dank an die Bayerische Staatsbibliothek)

Immer wieder lese ich, dass Anhänger der Akademischen Reitweise von ihren Stallgenossen bekrittelt, belächelt oder gar beschimpft werden. Hierzu möchte ich in diesem Artikel eine Argumentationshilfe bieten.

Zuvor aber erst mal die Definition von „Kritik“.
Diese muss folgenden 3 Kriterien genügen:

Sie muss

1. berechtigt sein

Damit sind die Reitweisenkritiker schon mal komplett ausgeschossen. Sie haben keine Berechtigung zu dieser Kritik. Berechtigt wären sie, wenn es ihr Leben beträfe. Z. B. Wenn man seinen eigenen Dreck nicht wegräumt und es ein anderer machen muss. Die Reitweisen hingegen wirkten sich nicht auf das Leben der anderen aus.

2. wahr sein

Wenn der Akademischen Reitweise von FN-Reitern vorgeworfen wird, sie sei zu sehr auf der Stelle, dann ist dies wahr. Sie hat ein anderes Ziel, dessen Erörterung der Inhalt dieses Artikels ist.
Hier ist auch nochmal zwischen Wahrheit und Meinung zu unterscheiden. Wenn ich zu jemanden sage, dass dessen Frisur richtig – unvorteilhaft – aussieht, dann ist das meine Meinung und keine Wahrheit. Wahrheit ist messbar und belegbar. Schrittlängen kann man messen.

3. spezifisch sein

Aussagen wie: „Das ist der größte Schmarrn, den ich jemals gesehen habe.“ sind keine Kritik, sondern Unsinn. Der Kritiker muss sagen, was genau er meint.

Man kann nun daraufhin den Kritiker mit einer mehr oder weniger scharfen Erwiderung über die mangelnde Berechtigung unterrichten.

Doch da es meist die Akademischen Reiter sind, welche sich mehr Gedanken machen, hier nun Information, welche man an die FN-Reiter weitergeben kann. Aus Rücksicht auf die Länge des Artikels, habe ich stark vereinfacht.

Die Grundlage aller Reitweisen ist gleich, das Pferd soll mit dem Nacken-Rückenband tragen um lange geritten werden zu können, Taktreinheit und all das. Es gibt Ausnahmen bei einigen Völkern, welche dann aber oft die Pferde wechseln, so dass die Belastung des einzelnen Pferde in Grenzen bleibt.

Beide Reitweisen haben ihre Berechtigung, keine ist besser oder schlechter als die andere. Sie haben nur verschieden Zielsetzungen:

Die – originale – Barocke Reitweisen gehen von der Arbeit mit dem Pferd auf der Stelle aus, sei es nun Kampf, Stiere hüten, Rinder einfangen. All dies spielt sich, wenn es hochkommt, auf ein paar hundert Meter ab. Tragkraft und damit Wendigkeit mussten gefördert werden. Auch das Westernreiten zählt hinzu. Gangarten, welche hauptsächlich geritten werden, sind Schritt und Galopp. Getrabt wird selten, beim Westernreiten wird hier der berühmte Jog geritten. Geübt und trainiert wird deshalb sozusagen auf der Stelle.

Ganz anders die FN-Reiterei. Sie basiert auf der Strecke. Pferde sollen schnell möglichst viel Strecke machen können, egal bei welchem Gelände. Hauptgangart ist der Trab, wie er auch heute noch bei Distanzritten verwendet wird. Der Wendepunkt

Feldübung mit Überwinden schweren Geländes, Das Königlich Bayerische 1. Ulanen-Regiment "Kaiser Wilhelm II. König von Preußen"

Feldübung mit Überwinden schweren Geländes, Das Königlich Bayerische 1. Ulanen-Regiment „Kaiser Wilhelm II. König von Preußen“

hierzu war in Europa wohl Waterloo, als der Herzog von Wellington Copenhagen ritt, einen englischen Vollblüter mit einer arabischen Großmutter. (Vielleicht war er deshalb so erfolglos als Rennpferde und so durchhaltefähig in der Schlacht. Wellington saß 15 Stunden auf Copenhagen in der Schlacht von Waterloo. Wer mehr oder bessere Informationen hat, darf mich gerne anschreiben.) Es gab hierdurch einen Wechsel im Pferdetyp.

Das Reitsystem, welches sich hieraus entwickelte, war auf Vorwärts, weite Schritte und Strecke bedacht. Immer wieder kann man lesen, wie die verschiedenen Reitmeister die Reiterei auf der Stelle als Gezappel und für das Pferd verderbend beschimpften. Diese Worte sind es ja, die man immer noch in den Reitställen zu hören bekommt. Sie mag auch berechtigt sein, wenn man nicht mehr vom Pferde aus in Einzelkämpfen kämpft, und der Transport von Truppen und Material im Vordergrund steht, wie man am Beispiel der Dragoner sehen kann. (Auch hier gibt es bestimmt Spezialisten, welche noch tiefer im Thema sind.) Beide Reitweisen üben auf dem Platz und in der Halle ihre Grundlagen und gymnastizieren ihre Pferde. Beide haben damals und heutzutage die Gesunderhaltung der Pferde im Vordergrund. Doch beide haben andere Ziele. Darüber kann man seine „Kritiker“ aufklären.

Ironisch ist es nur, dass gerade die „Streckenreiter“ nicht mehr Strecke reiten. Das Pferd pendelt zwischen Box und Halle. Dressur und Springreiten waren ursprünglich Übung und Vorbereitung für ein zuverlässiges Geländepferd, mit welchem man durch Dick und Dünn reiten konnte.
Hier ein schönes Beispiel:

Die Gymnastik ist zum Selbstzweck geworden. Doch diese Gefahr belauert jede Art der Reiterei. Ausgleich ist hier gefragt, und wenn es nur in Form von langen Spazierritten im fleißigem Schritt ist.

Es ist nie falsch, Wissen weiter zu geben und den „Kritikern“ gelassen und ruhig zu begegnen. Möglich dass dann der eine oder andere über die unterschiedlichen Ziele nachdenkt.

Links:
http://www.reitverein-guenzburg.de/geschichte_1__bayr__ulanenregiment.htm

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