Das Fasziengewebe – das unbekannte Sinnesorgan

Dieses ist der Artikel 2 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde - dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung. (Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde – dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung.
(Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Riechen, schmecken, hören, sehen, tasten – wer das kann, hat alle Sinne beisammen.

Doch darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Sinn, ein fast unbekanntes Sinnesorgan; größer, im Körper wahrscheinlich wichtiger als Augen, Nase oder Hände: das Fasziengewebe.

Die Faszie, eine Bindegewebsstruktur, die nicht nur jeden Knochen, Muskel, jedes Organ, Gelenk und jeden Nerv umhüllt, trennt, versorgt, ist im gesamten Körper vorhanden und erfüllt eine lebenswichtige Aufgabe. Wir können uns die Faszie als eine wabenförmige, in sich bewegliche Struktur vorstellen, die weder Anfang noch Ende im Körper hat und ihn in seiner Gesamtheit durchzieht. Sie stützt und löst, sie hält und bewegt, sie formt und ermöglicht, sie speichert und gibt frei – sie ist in ihrem Umfang lebenswichtig für jeden Organismus. Wir finden sie in Pflanzen ebenso wie in jedem Tier, ihre Bedeutung wird uns erst in den letzten Jahren immer klarer.

So wie ein Ameisenstaat ob seiner perfekten Abstimmung oftmals als ein Wesen mit vielen Gliedern angesehen wird, kann auch das Fasziengewebe mit seinen Millionen Nervenendungen als ein eigenständiges Organ, ein Sinnesorgan angesehen werden. Mit seiner direkten Verknüpfung mit dem Gehirn und den willkürlichen ( Bewegung),sowie unwillkürlichen ( Atmung, Herzschlag, Verdauung, etc.) Funktionen des Körpers, seiner kompletten Umhüllung von allen Strukturen des Körpers ist es von so großer Wichtigkeit für den gesunden Organismus, dass man es bei plötzlichen Veränderungen des gesundheitlichen Zustands auch immer als ursächlich im Auge behalten sollte.

Die Faszie kann im Körper hauchdünn oder bis zu mehreren Millimetern dick sein, sie wird von der Lymphe versorgt und eine gesunde, funktionale Bewegung des Körpers sorgt dafür, dass das Fasziengewebe beweglich und der Lymphfluss in Gang gehalten wird. In der Lymphflüssigkeit vorhandenes Fibrinogen kann unter bestimmten Umständen zu festem Fibrin werden, welches die Faszie unbeweglich werden lässt und sie verkleben kann. Ursache für solch einen Zustand kann Stress, Verletzungen (z.B. Sturz, Tritt- oder Bissverletzung), chirurgische Eingriffe ( z.B. Kastration) oder falsch erlernte und ausgeführte Bewegungsabläufe sein.

Eine weitere Eigenheit der Faszie ist ihre Fähigkeit, über die ihr innewohnenden Nervenendungen Einfluss auf das vegetative Nervensystem zu nehmen. So wirken sich nicht nur Stress und ein erhöhter Muskeltonus auf die Faszie aus, sondern eine verklebte, nicht mehr physiologisch funktionierende Faszie erzeugt Stresszustände im Körper. Entstandene Traumata können sich in der Faszie, quasi wie auf einer externen Speicherplatte des Computers, festsetzen und zum Teil erst Monate oder Jahre später , wenn eine normale Funktion wiederhergestellt ist, wieder ans Licht kommen – oftmals völlig unerwartet für den Reiter. Buckeln, Steigen, Durchgehen sind manchmal Reaktionen auf schon längst vergangene Erlebnisse, die sich aber erst jetzt lösen konnten – man spricht auch von der „Körpererinnerung“.

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen. (Johann Elias Ridinger, Galop gerade aus Rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen.
(Johann Elias Ridinger, Galop grad aus links – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Neben der psychologischen Bedeutung der Faszie ist ihre Bedeutung für den gesunden Bewegungsapparat des Pferdes nicht zu unterschätzen. Durch ihre Fähigkeit, Nervenimpulse schneller und effektiver als die Nerven an die Muskulatur und die Gelenke weiterzugeben – man stelle sich in etwa den Unterschied zwischen einem Kupferkabel und einem Glasfaserkabel vor – ist die Faszie für das effektive Training des Pferdes also unerlässlich, bzw. sind Störungen ihrer Tätigkeit so schnell wie möglich zu beseitigen und in Zukunft vorzubeugen. Dies kann durch verschiedene manuelle Tätigkeiten, wie z.B. bestimmte TTouches oder ostheotherapeutische Griffe, jedoch auch Tens-Therapie oder physiotherapeutische Behandlungen und Massagen („Black Roll“- Technik) erfolgen, man kann aber auch gezielt mit der Faszie arbeiten. Die in der humanen Sporttherapie neuerdings so wichtige und neudeutsch betitelte „Core“- Arbeit ( Arbeit mit der tiefen Rumpfmuskulatur zur Verbesserung von Haltung und Balance) wird in unserer Arbeit mit dem Pferd maßgeblich mit der Arbeit mit der Schulparade erreicht, die unter anderem das für das Reiten wichtige Faszialgewebe rings um die Wirbelsäule – übrigens der Grund, warum Pferde vom Reiten keinen Bandscheibenvorfall bekommen – und die Bauchfaszie kräftigt.

Verklebungen in der Bauchfaszie, ausgelöst z.B. durch falschen oder übermäßigen Einsatz von Sporn und/oder Schenkel, haben oft fatale Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Pferdes, seine Atmung ist oftmals flach, es kann unter Verdauungsbeschwerden leiden, ist nicht mehr in der Lage, sich zu biegen und kann keine gesunde Rückentätigkeit mehr zeigen. Dieser Zustand wird bei den alten Meistern oft als „Spornstätigkeit“ bezeichnet und, so rät schon Guérinière, darf keinesfalls durch noch mehr Engagement des Reiterbeins, sondern durch vermehrtes lockeres Gehen lassen des Pferdes kuriert werden. Ein erstes äußeres Anzeichen kann fehlendes Fell in der Schenkellage oder aber optisch enger anliegendes Fell in diesem Bereich sein.

Die faszialen Verklebungen, vor allem im Bereich der Gelenke, können einen arthrose- oder gichtartigen Schmerz verursachen, der von einer leichten „Fühligkeit“ bis zur Lahmheit des Pferdes führen kann – und auch das Lösen dieser Verklebungen kann unangenehm und schmerzhaft sein.

Verknotungen im Gewebe, Löcher in der Muskulatur, Atrophien von Muskeln gehen immer auch einher von pathologischen Veränderungen im Faszialgewebe. Diese müssen sorgfältig, langsam und behutsam gelöst werden – auch diesen Rat finden wir in etlichen Werken der alten Meister von Xenophon bis Seunig, die jede Exaltiertheit und plötzliche Bewegung ablehnen, die die Qualität der Bewegung in ihrer Langsamkeit und Formbarkeit sehen, um den maximalen gymnastischen Benefit und den größten Schulungseffekt zu erhalten.

Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight.

Moderne Pilarenarbeit- die Arbeit am stehenden Pferd und in Versammlung Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt „Finn“.

Die optimale Arbeit mit der Faszie schafft uns die moderne Pilarenarbeit, bei der der Mensch an der Hand und später eventuell auch unter dem Sattel mit dem stehenden Pferd arbeitet. En detail und in aller Ruhe werden dem Pferd die Hilfen von Hand, Körper/Sitz, Gerte und Schenkel erklärt, es gibt keine Möglichkeit zu Ausweichbewegungen. So kann schon am stehenden Pferd geübt werden, den Brustkorb schulterhereinartig (versal) oder kruppehereinartig (traversal) aus der Hinterhand zu heben oder aber das Gewicht des Pferdes in Richtung Hankenbeugung (Schulparade) auf die Hinterhand zu verlagern. Hier haben wir die Reitkunst sozusagen auf das Absolute konzentriert, der „Brühwürfel“ der Pferdeausbildung. Diese Methode, ersonnen von Bent Branderup („Akademische Reitkunst- eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter“ Cadmos Verlag, 2013), ist vor allem deswegen so empfehlenswert, weil sie deutlich weniger Gefahrenpotential birgt als das Fixieren des Pferdes in den fest installierten Pilaren.

Im Gegensatz zur traditionellen Arbeit an den oder dem Pilaren haben wir bei dieser Art der Arbeit jederzeit die Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes ins Vorwärts zu lösen, falls das notwendig werden sollte – sie könnten ja auch in diese Richtung verklebt sein.

So sehen wir schon eine andere Möglichkeit, die Faszien rund um die Gelenke, vor allem der Hinterhand und im Schulter-/Widerristbereich zu lösen: Seitengänge wie das Schulterherein, Kruppeherein , Renvers und die Traversale können helfen, den Pferdekörper wieder in den Fluss zu bringen und Schlackenstoffe abzutransportieren, während Sauerstoff und Nährstoffe in Muskulatur und Gelenke transportiert wird.

Der Schulschritt - ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Der Schulschritt – ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Eine weitere Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes zu lösen, ist die Arbeit mit der Piaffe oder dem Schulschritt, bei entsprechender Ausbildung des Pferdes auch der Schulgalopp oder das Terre-à-Terre. Fällt hierbei auf, dass noch Steifheiten vorhanden sind, sollte man dazu zurückgehen, mit den oben beschriebenen Techniken die Faszie rund um das entsprechende Gelenk oder die Muskulatur zu bearbeiten.

So lösen die Seitengänge in eine Richtung, die Schulparade in einer weiteren Weise und die versammelnde Arbeit in Bewegung auf eine andere Art und Weise die Gelenke der Hinterhand des Pferdes, die aufgrund ihrer Bauweise als Motor des Pferdes gelten und dafür sorgen, in funktionaler Weise gearbeitet, dass das Pferd den Reiter auf Dauer gesund und auch bequem tragen kann.

Durch die Fähigkeit der Faszie, Bewegungsenergie zu speichern, nehmen gesunde Faszien den Muskeln einen großen Teil der Belastung ab oder können ihre Kraft um ein Vielfaches verstärken. Dabei gilt: je gleitfähiger sie sind, je höher ihr Anteil an Elastin und je geringer ihr Anteil an dem festen Kollagen, desto größer ihre Fähigkeit, große Kräfte schnell freizusetzen – die Carrière gilt bei Manoel C. de Andrade („Die edle Reitkunst- Luz da liberal e Nobre Arte da Cavalleria“) als die erstrebenswerteste Lektion, die ein geschultes Pferd lernen sollte. Auch die Arbeit mit den Passaden oder letztlich den Schulsprüngen erfordert ein schnelles, kraftvolles Entfalten des Könnens des Pferdes. In der französischen Reittradition finden wir diese körperliche Bereitschaft, die allerdings ebenso einen mentalen Zustand beschreibt, mit dem Begriff „l’Impulsion“ beschrieben – ins Deutsche oft als „Schwungkraft“ übersetzt.

Mit der Zeit wird das Pferd immer mehr auch im Ruhezustand in einer optischen Form sein, die wir ihm mit Hilfe von Muskulatur, vor allem aber der Faszien entsprechend seiner Arbeit gegeben haben. Hier zeigt sich das Können des Reiters: Ist die Form physiologisch? Ist das Pferd an den richtigen Stellen gerundet, an den richtigen Stellen formbar? Sieht es athletisch, fit und kraftvoll aus? Würde man nun nur die Faszien ansehen, könnte man sie aus dem Körper „herausbeamen“, würden wir wieder das von uns geformte Pferd sehen können. Sie sind dafür verantwortlich, welche Form der Körper annimmt, wo er sich streckt, wie die Organe in ihm zu liegen kommen, welche Partien straff und welche locker sind – und das mehr noch als die Muskulatur.

Da alle Faszien im Körper miteinander verbunden sind, ist eine Störung in einem Teilbereich des Körpers immer mit Auswirkungen auf den restlichen Körper verbunden. Man kann nicht einen Teil des Körpers vom anderen trennen, eine Form, die wir dem Pferdehals geben, findet immer ihren Niederschlag im Rücken und der Hinterhand des Pferdes, die Beine müssen entsprechend bewegt werden; Verspannungen oder mit Hilfszügeln erzwungene Haltungen führen zu körperlichem und auch emotionalem Stress – wir arbeiten immer mit dem ganzen Pferd. Ob nun eine Muskelgruppe, der Hals, der Rücken, die Hinterhand oder ein Organ, immer ist der gesamte Körper UND der Geist des Pferdes miteinbezogen, wenn wir arbeiten.

Unter den inneren Organen für die Faszie besonders bedeutend ist die Milz, da sie unter anderem für den Lymphfluss verantwortlich ist. Sie liegt anatomisch gesehen genau unter dem Sitz des Reiters und/oder dem hinteren Ende des Sattels und ist von den Rippen geschützt. Ein nicht passender Sattel oder ungeschickt sitzender Reiter kann zu Wirbelblockaden in diesem Bereich führen, was die Versorgung der Faszien im Körper durch eine gestörte Tätigkeit der Milz beeinträchtigen und behindern kann. Hier sollte neben entsprechender Schulung des Könnens des Reiters auch unbedingt Wert auf passendes Sattelzeug gelegt werden.

Wie wir sehen, ist die Arbeit mit dem Fasziengewebe so umfassend, dass wir jede Gelegenheit nutzen sollten, mit ihr zu arbeiten, um unsere Pferde noch beweglicher, noch geschmeidiger, noch stärker – und noch zufriedener zu machen.

Der Schlüssel hierzu liegt für uns in der Reitkunst, deren verschiedene Lektionen darauf abzielen, das Pferd langfristig gesund zu erhalten – weil die Erfahrung die Alten Meister diese Erkenntnis gelehrt hat.

Stefanie Niggemeier
Barocke Pferdeausbildung

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Links:
Stefanie Niggemeier: http://www.barocke-pferdeausbildung.de/

und wer die Autorin live erleben möchte, zum Beispiel am
12. Oktober Kurs „Schulparade“
26. Oktober Kurs „Moderne Pilarenarbeit“
http://www.barocke-pferdeausbildung.de/termine.html

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Meine Geschichte der Pilaren oder: so könnte es gewesen sein.

Auch zu Pluvinels Zeiten wurde für den Schwertkampf zu Pferde ausgebildet.

Auch zu Pluvinels Zeiten wurde für den Schwertkampf zu Pferde ausgebildet.

„Nein, nein, nein, so geht das nicht!“

Die jungen Männer rumpelten mit ihren Pferden zusammen, immer wieder versuchte der eine den anderen irgendwie zu treffen. Das war ein Geziehe und Gezerre, die Pferde wurden schon langsam bockig.

Der Blick des Lehrers schweifte umher und

fiel auf einen pilum – einen Wurfspeer[1]. Diesen nahm er und steckte ihn fest in den Boden.

„So, das ist euer Feind! Reitet vorbei und versucht ihn zu treffen.“

Für den nächsten Tag grub der Lehrer eine festere Stange tief in den Boden ein und steckte auf das obere Ende eine große Rübe.

Die jungen Männer übten nun Schlagen, Wenden, Schlagen, Wenden. Auch viele Jahrhunderte später wurde dieser Bewegungsablauf trainiert, auch trocken, ohne Pilum.

„So und nun umkreist euren Feind!“

„Euer Pferd muss dabei den Feind angucken, sonst könnte ihr doch dabei gar nicht vorwärts zustoßen!“

Und schon wieder begann das Geziehe und Gezerre. Zwei fielen sogar herunter.

Der Lehrer seufzte. „Alle erstmal absteigen!“ Nacheinander nahm er sich die Pferde vor und ließ sie das Pilum an deiner langen Leine umkreisen. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Pferde nach innen sahen. Dies trainierten die Reiter mit ihren Pferden die nächsten Wochen.

Diese neue Art des Kämpfens vom Pferd aus ist nötig, wenn man mit einer festen Waffe, wie Lanze oder Schwert anstatt mit einer „Fliegenden“ wie einem Speer oder Pfeil und Bogen kämpfen will. Auch möchte ich hier nochmal auf den Unterschied des Kampfes mit Lanze und Schwert hinweisen. Die Lanze ist eine Waffe für das Reiten im Galopp am Feind vorbei. Mit dem Schwert oder einer anderen Schlagwaffe sieht das schon anders aus. Hier braucht das Pferd große Beweglichkeit um diese Art zu kämpfen überhaupt zu ermöglichen. Umkreisen, Zustechen, Ausweichen. Aber weiter in unserer Geschichte:

Mittlerweile hat man aus der Longierhilfe einen festen Stamm im Boden gemacht, um den die Pferde ausgebildet wurden. Er war immer noch der Stellvertreter des Anzugreifenden.

„Die Pferde sind immer noch zu unbeweglich. Bis sie gewendet haben, dauert es viel zu lange. Sie müssten einfach sich wie spielende Hengste auf der Hinterhand wenden lassen.“ Der Lehrer nahm sich eines der besseren Tiere und versuchte es auf der Stelle traben zu lassen. Es wich mit der Hinterhand mal zu dieser, mal zu der anderen Seite aus. Also ließ er das Pferd von zwei Schülern halten, links und rechts und stellte noch einen dritten auf die andere Seite der Hinterhand, damit das Pferd nicht dorthin auswich. Das Pferd schien nun auch zu verstehen, was es sollte und trabte langsam vorwärts, während sich der ganze Zug langsam nach vorne bewegte.

„Sehr umständlich!“ Der Lehrer nahm ein zweites Pilum und grub dieses neben dem ersten ebenso tief in den Boden. Das Pferd band er dazwischen fest. Nun konnte er von hinten das Tier korrigieren. Wenn es zur Seite wollte, ließ er ihm mehr Leine, so dass die Pila an der Höhe der Flanken waren. Neben der Einzelstange, gab es für die Gymnastizierung der Pferde nun die Doppelstange, die Pila.

Hier verlassen wir unseren Lehrer und hoffen, dass er ein friedliches Ende fand.

Natürlich ist das nicht in wenigen Monaten entstanden, sondern vielleicht über Jahrhunderte und unser Lehrer, war nicht einer, sondern viele. Die Entwicklung fand wahrscheinlich in vielen Reitervölkern unabhängig von einander statt. Ich bin der Meinung, dass zumindest das Pilum, die Einzelstange, schon sehr alt sein muss, da es eine ideale Trainingsmethode vom Pferd aus für einen Kurzwaffenkampf ist. Und es ist wahrscheinlich wesentlich älter als die in der Fußnote erwähnten Salier, sowie der Wortstamm des Wortes „Pilum“ wesentlich älter ist als das römische Reich. Aus ihm entstanden unter anderem auch das Lehnwort „Pfeil“. „Pilum“ scheint einer der Urwörter für Stange, Stock zu sein und wurde erst später spezialisiert wie bei den Römern zum Wurfspieß.

Das war meine Geschichte, warum die Pilaren „Pilaren“ heißen: das ist ganz einfach aus dem uralten Wort für Stange – pilum. So wenig Zauber ist dahinter, keine Legende, einfach nur eine Beschreibung dessen, was ist.

Kraft und Wendigkeit auf der Stelle.  Aus dem Buch "L'instruction du roy en l'exercice de monter à cheval " von Antoine de la Baume Pluvinel (mit Dank an die Bayerische Staatsbibliothek)

Kraft und Wendigkeit auf der Stelle.
Aus dem Buch „L’instruction du roy en l’exercice de monter à cheval “ von Antoine de la Baume Pluvinel (mit Dank an die Bayerische Staatsbibliothek)

Quellen:
[1]Römische Geburtsriten von Thomas Köves-Zulauf, 175-176:

405 E. Meyer 2,253 Vgl. Probert. 4,1,98-91: geminos…natos…ad patrios sua Pila referre Penatis. Angesichts der sonderbaren Form der „Salierlanzen“, angesichts des Umstande, dass die Salier als Abbild des ältesten römischen Heeres zu gelten haben, liegt es nahe, auch in den Saliern selbst eine Darstellung des Pilumnus populus zu sehen. Zu den Salierlanzen s. U.W.Scholz, Marskultur, 28: „ihr Aussehen entsprach offenbar nicht der später üblichen Lanzenform, es waren Lanzen einer höchst altertümlichen Zeit … Stab aus Holz, welcher sich vielleicht an beiden Enden knaufartig verdickte“ = archaisches pilum.

Bilder:
A. de Pluvinel. L’instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval, 1629

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