Die Balance Teil II – Versammlung

Dieses ist der Artikel 4 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Autorin Stefanie Niggemeier mit Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight in der modernen Pilarenarbeit.

Autorin Stefanie Niggemeier mit Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight in der modernen Pilarenarbeit.

Wir haben im ersten Teil dieser Reihe gesehen, wie wichtig es für das Reitpferd ist, eine Balance in seitlich- vorwärts schwingender Richtung zu finden. In diesem Artikel wollen wir uns mit einer weiteren Art der Balance beschäftigen, die ein jedes Reitpferd finden lernen sollte, mit der Versammlung. Wenn wir das Wort „Versammlung“ hören, dann assoziieren wir das schnell mit bestimmten Lektionen. Diese erscheinen uns als erstrebenswert, sehen wir sie doch auch in der Kunst abgebildet als das Optimum der Reitkunst. Leider sehen wir im Bestreben, eine bestimmte Optik nachzuahmen, oft auch eine Pervertierung derselben, weil der Ausüber offenbar nicht verstanden hat, warum eine Lektion nur in einer Weise gesund ist für das Reitpferd – nämlich der biomechanisch korrekten, die auf der natürlichen Bewegungsmöglichkeit jedes einzelnen Pferdes individuell basiert. Wir wollen uns zum Verstehen dieser biomechanischen Prozesse hier zum bildlichen Vergleich eine Reihe Domino-Steine vorstellen, die nur dann problemlos fallen kann, wenn jedes Steinchen an seinem Platz ist und nichts die Kette unterbricht. So ist allen versammelnden Übungen etwas gemeinsam: das Pferd wird von Schubkraft zu Tragkraft geschult. Zuerst geschieht das mit dem inneren Hinterbein und findet seinen Beginn im Reiten von Bahnfiguren wie Schlangenlinien, Volten oder Zirkeln, letztlich mündet diese Abkürzung des Schubes in einer vollen Lastaufnahme des Pferdes wie z.B. der Levade. Wenn man an Versammlung denkt, so muss der erste Blick auf die Tätigkeit der Hinterhand des Pferdes fallen. Hier wird die Kraft produziert, die zuerst das Pferd, dann das Pferd samt Reiter trägt. Das kann jedoch nur dann reibungslos vonstattengehen, wenn alle Gelenke der Hinterhand funktional aufeinander ausgerichtet sind – wir denken hier wieder an die oben beschriebene Kette Dominosteine. Ein weiterer wichtiger „Dreh-und Angelpunkt“ – im wahrsten Sinne des Wortes – ist der Übergang von der Hinterhand zum Rücken: das Kreuz-Darmbein-Gelenk (Iliosakralgelenk, kurz ISG) und dann die Lende des Pferdes. Doch besteht der Körper des Pferdes ja nicht nur aus Knochen und ihren Gelenkverbindungen, sondern auch Bindegewebsstrukturen und Muskeln. Diese, und zwar explizit, muss der Reiter bei seinem Pferd trainieren, will er es dauerhaft gesund und fit für seine Aufgabe erhalten, bzw. darauf vorbereiten. Wir kennen den Begriff „Form“ aus der Skala der Ausbildung. Die Formgebung des Pferdes, das Finden einer bestimmten Optik ist in der Reitkunst oft nur ein kurzer Moment und schnell vergangen. Reitkunst ist Kunst für den Augenblick. Doch ist es so, dass eine Wiederholung dieser Augenblicke dem Pferd auch im Ruhezustand eine bestimmte Form gibt, die neben einer entsprechenden Muskulatur vor allem auf die Formgebung der Faszien zurückzuführen ist. Die Fascia profunda, die „allumfassende“ Faszie, die den gesamten Körper gleich einer zweiten Haut umschließt, ist nur an wenigen Punkten direkt mit dem Skelett verbunden. Zwei dieser Punkte sind die Hüften und das Hinterhauptbein. Über diese Struktur , sowie über das Zusammenspiel der Muskulatur von Zungenbein und Hüftbeuger ( m. Psoas ) ist die Tätigkeit der Hinterhand direkt am Kopf des Pferdes ablesbar. Wenn das Pferd seine Hinterhandgelenke gleichmäßig beugt, die so erzeugte Kraft über das ISG , die Lende und den Rücken , zwischen den Schultern hindurch, über die Halswirbelsäule und deren Übergang in den Schädel, das Cranio-Sacral-Gelenk ( Okzipitalgelenk) in das Hinterhauptbein mittels Muskelkraft und in Faszien gespeicherter Energie überträgt, dann wird das Pferd von alleine – und diese Freiwilligkeit ist elementar für echte Versammlung – in eine Beizäumung kommen, was bedeutet, dass der Schädel aus dem Genick ganz locker pendelt und das Kinn des Pferdes sich ein wenig dem Hals nähert, es wird ein wenig enger in der Ganasche. Wenn das geschieht, dann verlängert sich die Oberlinie des Pferdes, während die Unterlinie sich verkürzt – das Pferd nimmt eine andere Form an. Wird dieser Prozess jedoch mit der Hand erzwungen, dann fällt der hintere Teil der Zunge vor den Kehldeckel, das Pferd kommt in Luftnot und resultierend aus der künstlich erzeugten Spannung im Kopf-Hals-Bereich und auf dem Zungenbein werden auch die Gelenke der Hinterhand nicht mehr funktional arbeiten können – eben weil der gesamte Pferdekörper eine Einheit ist. Die durch die Versammlung erlangte Balance bringt dem Pferd in seiner Aufgabe als Reitpferd einen großen Profit, da es gelernt hat, nicht nur sein eigenes Gewicht , sondern zusätzlich auch das Gewicht des Reiters in einer für das Pferd gesunden Weise zu tragen, nämlich aus dem Motor Hinterhand. Diese Fähigkeit herzustellen, damit haben sich alle Alten Meister von Xenophon bis zu den letzten Reitakademien vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beschäftigt. Sie alle haben verschiedene Formulierungen für diese Arbeit gefunden, haben bestimmte Lektionen oder Ausbildungstechniken bevorzugt, um dieses Ziel zu erreichen und die ihnen zur Verfügung stehenden Pferde optimal zu fördern. Auch die modernen Reitlehren sehen ganz klar ein Ziel der Ausbildung: pferdegesunde Versammlung, um optimale Gesunderhaltung des Pferdes zu bekommen. Seit über 2000 Jahren bemühen sich Reiter aller Epochen darum, den Zustand zu erreichen, den Xenophon folgendermaßen beschreibt: „Wenn man das Pferd mit dem Zügel durchhält, während es die Hinterhand nach vorne untersetzt, so beugt es die Hinterbeine in den Hanken, die Vorhand aber hebt es in die Höhe, so dass dem Gegenüberstehenden Bauch und Schamteile sichtbar werden.“ Dabei sollte nicht eine bestimmte Lektion das Ziel sein, sondern allein der Weg zur Versammlung und die Arbeit mit versammelnden Lektionen bringt unseren Pferden einen größten Benefit. Gemäß dem Motto: “ Der Weg ist das Ziel“ machen wir uns also auf die Reise!

Links: Wer Stefanie Niggemeier persönlich erleben will, Termine findet Ihr hier: http://barocke-pferdeausbildung.jimdo.com/termine/

Monsieur de Kraut (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Monsieur de Kraut
(mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

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Die Balance – das Alpha und Omega der Pferdeausbildung Teil 1

Dieses ist der Artikel 3 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier

Das „Croupe au Mur“ wurde mit dem geschulten Pferd über vier Hufschläge gearbeitet. Wichtig auch hierbei: das Pferd fußt vorwärts und seitwärts auf. (Johann Elias Ridinger, – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Wenn wir über Balance sprechen, kommt mir immer das Bild eines Seiltänzers in den Sinn. Stets bemüht, die Balance in der Bewegung in jedem Moment neu zu finden, nutzt er Tempo, Takt und Schwung, sowie ein Ausrichten seines Körpers. Je näher er die Beine zusammenbringt, die Arme an den Körper nimmt, desto schwieriger wird es, die Balance zu halten. Schon eine kleine Gewichtsverlagerung kann diesen empfindlichen Zustand stören.

So geht es auch unseren Pferden.

Auf der Suche nach der Balance haben Pferdeausbilder über die Jahrhunderte ausführliche Beobachtungen gemacht und ihre Erfahrungen in bestimmte Bewegungsabläufe umgesetzt, die als besonders förderlich galten, um Balance zu erreichen. Diese Bewegungsabläufe, in denen das Pferd seine Beine in einer bestimmten Weise bewegt, eine bestimmte Rückentätigkeit ausführt, einen bestimmten Schwung entwickelt oder Gelenke in bestimmter Weise beugt und streckt, wurden früher „Schulen“ genannt, wir kennen sie heute unter dem Begriff „Lektionen“.

Niemand hat den Begriff „Schwung“ bisher so treffend beschrieben wie der Oberbereiter der Kavallerieschule Hannover, von Holleuffer. Für ihn ist die Tätigkeit der Wirbelsäule eine Bewegung in drei Dimensionen: vorwärts-rückwärts, hoch-runter und recht-links. Er sagt: „Die Schwingungen sind sichtbar, fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen. […] Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger. Die letzten verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule. („Die Bearbeitung des Reit-und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“, Hannover, 1882).

Wenn wir mit der Pferdeausbildung beginnen, fangen wir zuerst mit der Herstellung des Gleichgewichts in Bewegungsrichtung an. Wir wollen das Pferd sozusagen seitlich stabilisieren. Diesen Prozess nennen wir Geraderichten. Wir bedienen uns dabei den Hilfsmitteln „Stellung“ und „Biegung“, indem wir zuerst Einfluss nehmen auf den Schädel und das Genick, um einen Zugang zu bekommen zur Wirbelsäule des Pferdes. Sehen wir im Verlauf der Wirbelsäule die selbe Tätigkeit wie in der Stellung von Kopf und Genick, so sprechen wir von einer Biegung, bei der sich das Pferd zwar nicht in den Rippen biegt, aber in der Wirbelsäule eine Rotationsbewegung ausführt, die auf der einen Seite zu einer Verlängerung der Linie, auf der anderen Seite zum Verkürzen der Linie führt.

Unser erstes Ziel muss so sein, die Beine des Pferdes seitlich aneinander anzunähern und das sowohl auf der rechten, als auch der linken Hand. Was sich so einfach und logisch anhört, ist eine große Herausforderung, denn ähnlich wie bei uns Menschen, haben auch Pferde eine angeborene Händigkeit. Wenn wir jetzt von ihnen verlangen, gleiche Bewegungsabläufe auf beiden Händen auszuführen, dann ist das so, als wenn man Grundschüler ganz selbstverständlich mal mit der rechten, mal der linken Hand schreiben lassen würde. Was dem Kind schon auf einer Hand schwer genug fällt und viel Übung erfordert, erwarten wir von unseren Pferden ganz selbstverständlich auf beiden Seiten und zwar von Anfang an.

Wir sollten also dem Pferd zuerst vom Boden aus erklären, wie es nun in einer Vorwärts- Seitwärts -Bewegung seine Balance finden kann, wie der Schwung der Wirbelsäule sein soll.

Hierzu dienen uns die Seitengänge Schulterherein (versale Arbeit), Kruppeherein(traversale Arbeit) und Kruppeheraus (renversale Arbeit).

Diese Lektionen helfen dem Pferd, eine gesunde dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule zu erhalten oder wiederherzustellen.

Richtig ausgeführt, werden keine Seitwärts- oder Drehbewegungen in den Gelenken der Beine produziert, weil die Gelenke über ihnen, in der Wirbelsäule des Pferdes, diese Arbeit ausführen. Die Seitengänge dienen dazu, dem Pferde das „Gerade“ zu erleichtern, weil es sich seitwärts balancieren gelernt hat.

Diese Arbeit wurde über Jahrhunderte zuerst mit dem stehenden Pferd in den Pilaren oder an einem Pilaren geübt, bevor man sich traute, die kinetische Energie, die Bewegungsenergie hinzuzufügen. Leider werden heute allzu oft die Seitengänge sofort unter dem Reiter ausprobiert, welcher der mangelnden Balance des Pferdes auch noch sein eigenes Ungleichgewicht hinzufügt. Statt also dem Pferd zu helfen, im Gleichgewicht zu bleiben, wird durch ungeschickte Hilfengebung von Sitz, Schenkel und Hand eine Balance völlig unmöglich (siehe Artikel Zungenbein).

Auch heute kommen wir wieder dahin, die Seitengänge zuerst mit dem stehenden Pferd zu üben, einfach deshalb, weil die Arbeit dem Pferd so effektiv dabei hilft, seine Balance zu finden. Wir nehmen dabei Abstand von den fest installierten Pilaren und arbeiten das Pferd an der Hand. Wir lassen das Pferd im Stand den Brustkorb aus der Hinterhand in versaler und traversaler Richtung heben. Wir beeinflussen das Zungenbein des Pferdes einmal in die eine, dann in die andere Richtung. Wir beeinflussen darüber den damit verbundenen Hüftbeuger (m. Psoas), der die Hinterhand sozusagen „an den Körper heranholt“, der die Hüfte in ihren Bewegungsrichtungen einstellt, der bei der Biegung und somit beim Finden des Gleichgewichts in seitlicher Richtung des Pferdes eine elementare Rolle spielt.

Kommen wir zurück auf unseren Seiltänzer am Anfang, so sehen wir, dass die ersten Schritte ganz ruhig und im Gleichgewicht beginnen mögen, er zum Ende der Seils aber seinem Gleichgewicht immer mehr hinterher läuft- und dabei immer schneller wird. So ist es auch mit vielen Reitpferden, die Runde um Runde immer unbalancierter werden, dafür aber immer schneller unter dem Reiter laufen. Vor allem die Qualität des Galopps leidet enorm unter diesem Umstand.

Neben dem pädagogischen Verständnis für eine Hilfe, die das Pferd durch unsere detaillierte Arbeit gewinnt, wird auch die tiefe Muskulatur aufgebaut, das Pferd gewinnt an Tragkraft. Ähnlich wie bei Techniken wie Pilates, Yoga oder Tai-Chi gewinnt die Qualität unserer Arbeit mit der Langsamkeit, mit dem Ausharren. Dann lassen wir das Pferd antreten, zuerst im Schritt und nicht übereilt. Lieber einige wenige Schritte langsam und richtig, als viele Schritte schnell und falsch. Diese Langsamkeit darf vom Reiter jedoch nicht mit einem „untertourigen“ Arbeiten verwechselt werden, bei dem das Pferd in den Gelenken eher steif wird, als sie in Ruhe beugen und strecken zu können.

Wir trainieren die tiefliegenden Bänder und Muskeln, kräftigen und elastizieren die Faszien, wir machen die Gelenke des Pferdes in alle Richtungen geschmeidig, so dass es den Brustkorb in verschiedene Richtungen heben kann, die Beine nah zueinander bringt und sein Gleichgewicht in einer Vorwärts-Seitwärts-Bewegung findet.

Hier haben wir das erste wichtige Element zum Finden der Balance erarbeitet.

Über das Gleichgewicht in anderen für die Pferdeausbildung wichtigen Richtungen, auch Versammlung genannt, wollen wir im zweiten Teil unserer Beobachtungen zum Thema Balance sprechen.

Fortsetzung folgt.

Renvers (im langen Rahmen) Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

Renvers (im langen Rahmen)
Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

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