Besprechung: Das Video „Diary of Swan“ von Bent Branderup und Bianca Grön

Dieses ist der Artikel 1 von 8 in der Serie Rezensionen

Diary of Swan Einen Dank an Bianca Grön, welche mir dieses Foto für den Artikel zur Verfügung gestellt hat. Den Link zum Trailer findet Ihr am Ende des Artikels

Diary of Swan
Einen Dank an Bianca Grön, welche mir dieses Foto für den Artikel zur Verfügung gestellt hat.
Den Link zum Trailer findet Ihr
am Ende des Artikels

Schon länger überlegte ich mir das Video „Diary of Swan“ von Bent Branderup und Bianca Grön anzuschaffen. „Anzuschaffen“ ist nicht der richtige Ausdruck, denn man bekommt nur einen Onlinezugang zum Video. Dies war auch der Punkt, der mich so lange zögern ließ. Dennoch konnte ich der Versuchung nicht widerstehen.

Bent Branderup zeigt in diesem Video von 2:20 Std. Länge die Ausbildung seines PRE-Hengstes, welchen er „Swan“ nach einem historischem, diesem ähnlichen Pferd, getauft hatte. Wir begleiten das erste Jahr, vom rohen Pferd bis zum eingerittenen Youngster.

Interessant sind zwei Vorgaben: erstens, Swan ist ein wirklich rohes Pferd, aufgewachsen mit Gleichaltrigen sozusagen in der Wildnis, wie es heute noch in Spanien häufig praktiziert wird. Und zweitens, Swan ist vier Jahre alt, als die Arbeit beginnt. Dies war früher übrigens das übliche Alter um mit der Ausbildung der Pferde anzufangen.

Die Ausbildung beginnt Branderup immer sorgfältig vom Boden aus. Erst wenn ein Schritt der Gymnastizierung geschafft ist, beginnt er mit dem nächsten. Ich sage „Gymnastizierung“, weil der Begriff „Übung“ hier irreführen kann. Es werden nicht, wie bei der FN, Übungen abgeritten, deren Zweck den Reitschülern längst nicht mehr bekannt ist, und das Pferd dabei mehr oder weniger zufällig gymnastiziert wird, sondern alle Übungen im Video dienen der Gymnastizierung der einzelnen Muskelgruppen. Auch muss Swan erst die Hilfen lernen und begreifen. Ganz besonders gefällt mir eine Stelle im Video, das mit einem Klavierstück unterlegt ist, welches das Lernen und Üben nochmals verdeutlicht.

Bent Branderup trainiert Swan über Schulterherein und Kruppeherein wie es auch Guérinière getan hat und vor diesem bestimmt auch bereits andere. Swan baut, wie man sehen kann, in dieser Zeit Muskel auf, wird geschmeidig und gewinnt an Selbstvertrauen.

Nun habe ich ja Príncipe, welcher demnächst 3 Jahre alt wird. Natürlich ist er schon in der „Ausbildung“ bei mir, was aber nicht einreiten und longieren bedeutet, sondern Freundschaft und Vertrauensaufbau – und Respekt, junge Hengste brauchen auch dies. „Vorarbeiten“ werde ich erst im Herbst, wenn er 3,5 Jahre alt ist, richtig anfangen dann mit 4 im nächsten Sommer. Leider sagt Bent Branderup nicht, wie oft und wie lange er mit Swan diese Gymnastik betreibt. Ich werde sie am Anfang nicht länger als 20 min halten, vielleicht zwei mal am Tag. Es wird Tage ohne Training geben, weil ich beruflich unterwegs bin. Aus meiner Erfahrung raus wird es jungen Pferden sehr bald langweilig, wenn man immer wieder zu lange das gleiche macht. Auch werde ich etwas anders vorgehen müssen, da ich keine Hilfe von unten habe und bei der Ausbildung der Pferde alleine bin. Ich weiß, das ist nicht ideal und eigentlich auch gefährlich. Doch habe ich meinen Schülern bisher immer sehr vertraut. Wie auch Bent Branderup im Video klar macht, ist das Halten auf Kommando fundamental.

Vertraut machen mit dem Sattel, immer alles erst mal vom Boden aus, biegen, entspannen. Dann vorsichtig das erste Reiten, vorerst noch an der Longe, bis zum Gymnastizieren vom Sattel aus. Ganz nebenbei lernt man was über den Sitz, die Hilfen, Einwirkung von Caveçon und Kandare.

Wir verlassen Branderup und Swan ein gutes Jahr später, Swan versteht die Hilfen und beherrscht im Schritt und Trab die Grundlagen der Seitengänge.

Haben sich die 49,00 € für mich gelohnt? Ja, auf jeden Fall. Ein Aha-Erlebnis für mich war der Gebrauch der Gerte als Verlängerung des Arms und als „Zeigestab“. Diese habe ich bisher zwar von Boden aus verwendet, aber beim Reiten weggelassen, da ich bisher sie nach FN nur als vorwärts treibende Komponente wahrgenommen habe und Vorwärtstreibend bei Vollblutarabern eher kontraproduktiv ist. Wie Branderup sie verwendet ist sie offensichtlich eine sehr große Hilfe, welche ich bei Príncipe verwenden werde. Ich bin sicher, jeder kann hier sein Aha-Erlebnis finden. Des weiteren ist das Video keine Schönmalerei, sondern ein realistisches Tagebuch. Mal geht es schnell vorwärts, mal sehr langsam. Doch das spielt keine Rolle, wenn jede Lehrstunde mit einer kleinen Verbesserung endet. Das Ziel ist nicht eine möglichst schnelle Ausbildung, sondern eine solide für viele Jahre mit dem Pferd in Freundschaft.

Somit finde ich das Video nicht nur für erfahrene Ausbilder, welche reflektieren wollen, empfehlenswert, sondern auch für Anfänger, da man mit Swan ebenfalls die Hilfen erklärt bekommt. Nicht geeignet ist es wohl für Reiter, welche ihre Pferde als „Kracher“ reiten wollen. Viel zu fein und viel zu unspektakulär ist die Gymnastik. Für Umdenker ist das Video allerdings ein geeigneter Einstieg.

Was ich noch erwähnen sollte: das Video ist in einem sehr gut verständlichen Englisch.

Hier der Link für den Trailer:
http://www.bentbranderupshop.com/movieplayer/player/play/id/12/

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Medizinische Sattellehre – Kurs von Dr. Robert Stodulka

Dieses ist der Artikel 2 von 8 in der Serie Rezensionen
Dr. Stodulka erklärt uns die Anatomie und die Sattellage am lebenden Objekt

Dr. Stodulka erklärt uns die Anatomie und die Sattellage am lebenden Objekt

Príncipe ist nur 3,5 Jahre alt. Ich werden ihn nicht reiten, bevor er 4 ist. Dennoch möchte ich vorher für ihn einen Sattel haben, um ihn auf das Reiten vorzubreiten und mit den Übungen vom Boden aus und aus Hand daran zu gewöhnen. Alle Sättel aus meinem Fundus – 40 Jahre eigene Pferde – sind komplett ungeeignet, sie passen nicht mal annähernd. Der Malibaud könnte passen, wenn Príncipe die Rückenmuskulatur aufgebaut hat. Im Moment könnte die Wirbelsäule an die Kammer stoßen, wenn Belastung auf dem Sattel ist.

Also es muss ein passender Sattel her. Mein Problem: ich habe zurzeit kein Pferd, auf dem ich den Sattel probereiten könnte. Squire ist mir mit seinen 32 Jahren einfach zu alt, Príncipe – wie gesagt – zu jung. Also Hals über Kopf in das Sattelthema gestürzt, das Leben ist zu kurz für halbe Sache.

Und schon läuft mir der geeignete Kurs über den Weg: Medizinische Sattellehre von Dr. Robert Stodulka

Am 2.11.2013 wurde er auf dem Pegasus Hof bei Zolling im Norden Münchens angeboten.

Meine Navi führten mich und Sheldon, den süßen Quengelhund (der eigentlich sehr brav war), zu einem alten Gutshof, der mit Stallungen, Außenanlage und Reithalle alles hat, was man für Veranstaltungen und Fortbildungen braucht. Und als ich noch das liebevoll aufgebaute Buffet sah, von dem man sich beliebig bedienen konnte, wusste ich, hier bin ich goldrichtig. Es war alles da, damit ich meine Diätvorgaben nicht vernachlässigen musste.

Dr. Stodulka führte uns zuerst Mal in die Geschichte des Sattels ein. Hochinteressant, da hätte ich gerne noch mehr gehört. Dann kam die Anatomie des Pferdes dran. Er erklärte, wo der Sattel sitzen darf und wo nicht. Die Schulter muss genügend Bewegungsfreiraum haben und der Sattel darf hinten nicht über die Brustwirbel hinaus gehen. Soweit hatte ich es auch noch damals gelernt. Nur warum gehen dann viele Pferde so unentspannt, kurztrittig oder gar bockig? Und hier kam uns das Wissen von Dr. Stodulka entgegen: es gibt auch in dem Sattel- und Gurtbereich schmerzhafte Punkte für das Pferd. Es ist eine hohe Kunst der Sattlerei, die Punkte belastungsfrei zu halten. Es sind der untere, rückwärtige Rand und der rückwärtige Ansatz des Trapezmuskels. Und genau da liegt der Sattel drauf. Ein Sattelbaum muss also so gewölbt sein, dass er auf diese Punkte keine Belastung gibt.

Es wurde besprochen, wie das Kopfeisen zu liegen hat und wie man dies mit einer Handprobe, die an dieser Stelle noch einfach ist, prüfen kann. Schwierig wird es direkt unter dem Sattel, vor allem, wenn der Reiter darauf sitzt. Eine Prüfung scheint hier unmöglich – bisher. Zu diesem Zweck wurde von einem Team um Dr. Stodulka ein 3D-Satteldruckmesssystem entwickelt, das seine Daten kabellos überträgt. Damit kann dann endlich der Druck des Sattels unter realen Bedingungen gemessen und abgebildet werden. Auch wenn ein Sattel von außen betrachtet scheinbar korrekt sitzt, deckt dieses System auf, was unsere Pferde auf Dauer krank und lahm macht.

Doch auch die Lage des Bauchgurtes darf nicht vernachlässigt werden. Dr. Stodulka bevorzugt den guten, alten Schnurrgurt, einen Langgurt. Bekommt man den eigentlich noch?

Im Praxisteil in der Halle wurden dann verschiedene Pferde und Sättel besprochen, bei denen wir unser Wissen festigen konnten.

Im Kurs wurde vor allem der englische Sattel und seine Schwierigkeiten besprochen. Das ist für die meisten Reiter, vor allem, wenn sie auf Turniere gehen wollen, das Hauptthema.

Ich selber halte den englischen Sattel, außer fürs kurze Springreiten, für jegliche andere Art der Reiterei vollkommen ungeeignet. Bei Distanzen und Wanderritten sind englische Sättel ein No-Go, egal wie gut sie passen. Die Auflagefläche ist einfach zu klein. Auch für die Dressur sind sie, meiner Meinung nach, ungeeignet. Er wird immer als die letztendliche und logische Entwicklung der Sattelgeschichte dargestellt, dabei war es ein Spezialsattel für die Jagdreiterei, damit der Reiter beim Sturz des Pferde aus dem Sattel und damit nicht zu Tode kam. Allein schon mal einem „Sport“ zu frönen, bei dem man mit Stürzen und Verletzungen des Pferdes rechnet… der Reiter kann sich von mir aus gerne den Hals brechen, er nimmt daran ja freiwillig teil.

Auch die Kavallerie hatte für die langen Stecken Bocksättel. Welcher Doddel kam nur auf die Idee, den englischen Sattel zum Standard zu machen? Aber wir haben das Teil nun mal als FN-Standard definiert, daher kann ich deren Benutzer nur raten, diesen auf dem eigenen Pferd zu untersuchen, damit man nicht still und leise seinem geliebten Tier Schäden anreitet.

Mein Sattelthema sind die Barocksättel und der Vaquero. Dr. Stodulka behandelte auch diese Fragen. Leider gab er mir keine Sattelempfehlung, egal, wie ich ihn nervte.

Was nahm ich für meine Sattelsuche mit? Erst Mal die Erkenntnis, wie komplex das Thema ist. Zweitens, wie viel Wissen ein Sattelmacher – und Verkäufer – haben muss, und ich bezweifle dies bei vielen mittlerweile. Und drittens, dass man selber gar nicht genug Wissen haben kann. Meine Pferde sind sehr alt geworden und sind immer frei gelaufen, doch es hätte anders kommen können. Wir haben Glück gehabt, doch ich will dies nicht mehr dem Glück überlassen.

 

Dr. Robert Stodulka: http://www.pferdepraxis.co.at

Pegasus Hof: http://www.hofgut-pegasus.de/

Satteldruckmessung: http://www.pferdepraxis.co.at/dualreha/sattelmessung.html

 

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Besprechung der Überarbeitung: Akademische Reitkunst: Eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 3 von 8 in der Serie Rezensionen
Bent Branderup stellt seine komplett überarbeitete Ausgabe der "Akademischen Reitkunst" vor.

Bent Branderup stellt seine komplett überarbeitete Ausgabe der „Akademischen Reitkunst“ vor.

Die Ausgabe „Akademische Reitkunst: Eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter“ ist 2013 überarbeitet worden. Naja, denkt man, na und? Lohnt es sich überhaupt die neue Ausgabe anzuschaffen?

Gleich vorneweg: es ist ein komplett anderes Buch, mit vielen neuen Ansätzen und Erklärungen. Schritt für Schritt wird der Leser nicht nur in die Welt der akademischen Reiterei eingeführt, sondern kann diese für sein Pferd umsetzen. All das, was in der ersten Ausgabe angeschnitten wurde, ist nun präziser ausgearbeitet worden.

Zuerst werden die Grundlagen besprochen, Ausrüstung und Handwerkszeug, der Sitz, Schenkelhilfen und Zügel. Dann führt uns Bent Branderup durch die akademische Ausbildung der Pferde, zunächst vom Boden aus, später zusammen mit Reitlektionen. Wir begeben uns also auf eine Reise, welche Jahre dauert. Sie beginnt im Stand ohne Reiter mit den ersten – richtigen – Biegeübungen und endet bei der Kapriole. Alles geschieht am lockeren Zügel, ohne Hilfszügel, in ruhiger Selbsthaltung. Gerade dies kommt in diesem Buch besonders zur Geltung.

Es wird definiert, was zum Beispiel Balance, Durchlässigkeit und Schwung ist. Ich hätte mir gewünscht, dass Bent Branderup auch das Geraderichten einmal klar in seinem Buch erklärt hätte, so wie er es bei den Kursen macht, denn es gibt bezüglich diesem besonders viele Missverständnisse, welche zu blendendem und taktunreinem „Vorderhandtrab“ führen. Tatsächlich sind alle Lektionen dafür da, das Pferd geradezurichten und somit Reiten auf eine gesundheitlich wichtige Basis zu stellen. Doch ein anderes, mit Missverständnissen belastetes Thema, wird angesprochen: die Leichtigkeit. Suchende, welche sich von der kraftfordernden Zügelhand der FN abwenden, verfangen sich hier in anderen gesundheitsschädlichen Fallen.

Neu am Buch sind die Links zu den Videos, welche auf der Homepage von Bent Branderup zur Verfügung stehen. Die alte Ausgabe hatte eine DVD mit dabei, in welcher die Lektionen teilweise nochmals erklärt wurden. Nun sind die Trailer zu weiteren Videos, welche das jeweilige Thema behandeln, direkt im Buch über QR-Code abrufbar. Zurzeit der Erstellung dieses Artikels ist zwar das Video, zu welchem der Code auf dem Umschlag auf Youtube leitet, per iPhone abrufbar, die anderen im Buch leider nicht. Hierzu muss man den gefundenden Link noch in den Computer eintippen und dabei das htm am Ende durch html ersetzen. Es wurde mir versichert, dass man allerdings daran arbeitet, dass diese links auch auf dem iPhone funktionieren. Daher ist dieser Artikel auch so lange nach dem Erscheinen des Buchs veröffentlicht, ich wollte ursprünglich auf die Lösung warten. Wenn diese dann kommt, werde ich dies mitteilen und die Zeilen hier ändern. Nun sind auch die anderen Videos im Buch mit dem iPhone abrufbar, das Team hat das Problem gelöst.

Vergleiche ich die Videos mit der in der alten Ausgabe enthaltenen DVD, dann empfinde ich diese als Rückschritt. Allerdings kenne ich kein bisher einziges anderes Buch über Reiterei, welches überhaupt die Möglichkeit bietet, das Gelesene in bewegten Bildern zu sehen. Und obwohl die Videos Trailer und damit Werbung für die entsprechende Video-Kurs-Reihe ist, sind sie eine wichtige Ergänzung für die geschriebenen Erklärungen. Auf meiner Reise mit Príncipe werden ich mir diese Videokurse nach und nach freischalten, sie kommen meiner Art als Autodidakt und Besserwisser, mit dem jeder Lehrer so seine Schwierigkeiten hat, sehr entgegen.

Geeignet ist das Buch – und auch die Akademische Reitkunst – für alle, welche mit ihrem Pferd eine schöne Zeit verbringen, ohne falschen Ehrgeiz sich und sein Tier weiterbilden und nicht zuletzt gymnastizieren und gesund erhalten möchten. Nachdem, was ich so in Hallen und auf Reitplätzen sehe, könnte so eine fundierte Grundausbildung von Reiter und Pferd keinem schaden, auch wenn später Springturniere das Ziel der Reiterei sein sollen.

„Akademische Reitkunst“ hört sich sehr hochtrabend und unverständlich an und steht im Gegensatz zu den einfachen Grundregeln, welche sehr verständlich im Buch mit Wort, Bild und Videos erklärt sind. Man muss sich nicht das Gehirn verrenken, Zeitgeschichte bezüglich der Pferde studiert haben oder Textinterpretationstechniken oder Sekundärliteratur zu Rate ziehen, um zu verstehen, was der Autor meint. Von meiner umfangreichen Reitliteratur gehört dieses Buch zu den am meisten an der Praxis orientierten.

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Rezension: „Meilensteine österreichischer Reitkunst“ von Werner Poscharnigg

Dieses ist der Artikel 4 von 8 in der Serie Rezensionen
Isabellfarbener Hengst der kaiserlichen Reitschule J.G. Hamilton ca. 1702 Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Isabellfarbener Hengst der kaiserlichen Reitschule J.G. Hamilton ca. 1702
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Der Titel lässt ein eingeschränktes Thema vermuten, doch dem ist nicht so. Tatsächlich handelt es sich hierbei um die Geschichte der europäischen Reitkunst. Erst am Schluss wird es etwas österreichischer. Doch selbst hier werden Querverweise auf die Entwicklung in Deutschland gezogen.

In der ersten Hälfte des Buches erörtert Dr. Werner Poscharnigg die wichtigsten Meilensteine der Reitkunst in Europa. Er beginnt zwar im 15. Jahrhundert, schlägt aber den Bogen zurück zu Xenophon, um dann im Turniergetümmel der Ritter zu landen. In Wort und Bild wird das Letztere so plastisch geschildert, dass man vermeint dabei zu sein und es hören und riechen zu können. Doch schnell geht die Reise weiter, schon tauchen Pluvinel auf und Guérinière. Beides alte Bekannte. Doch, was ist das? Sägt er da nicht an Guérinières Thron als Erfinder des Schulterherein, so wie es allgemein dargestellt ist? Tatsächlich war es ein anderer, welcher diese Übung zuerst formulierte: Galiberto um 1635. Galiberto? Dann taucht ein Johann Christoph Regner, Edler von Regenthal, auf. Zitat: „Er reite, „ohne dass man die geringste Bewegung seitens des Reiters bemerkt. Das Pferd muss unter ihm in perfekter Einheit und völliger Freiheit arbeiten“… “ und „Es finden sich unter meinem dressierten Pferden viele, die sich fast nach des Reiters Gedanken führen und regieren lassen. Mann sieht keine Zaumzügel angezogen oder angespannt, sondern völlig flattern, als wären sie von nichts gehalten, und dennoch stehen die Pferde in ihrer schönsten Haltung mit dem Kopf perfekt senkrecht.“ So habe ich es damals – vor Ewigkeiten – auch gelernt.

Weiter geht die Reise in die Gegenwart über bekannte und unbekannte Reitmeister. Die schöne Kaiserin Elisabeth reitet tollkühn an uns vorbei. Dann führt uns Poscharnigg in die traurige und nicht ruhmreiche Geschichte der Kavallerie. Doch schon taucht Hoffnung auf am Himmel der Wiener Hofreitschule in Form von Podhajsky, deren Historie uns durch die behandelten Zeiten begleitet.

Angekommen in der Gegenwart gibt es eine Retrospektive unserer Reise auf die Meister am Ende des Buches.

All die bekannten und unbekannten Meister werden nicht nur im Hinblick auf ihre Reitkunst und deren Einfluss besprochen, sondern auch ihr Umgang mit dem Pferd als fühlendes Lebewesen.

Ich hätte gerne noch viel mehr gelesen und gewusst, doch es ist erstaunlich, wieviel Information Poscharnigg in die knapp 200 Seiten verpackt. Für mich als Reitgeschichtsinteressierte ein Schlüsselwerk für weitere Nachforschungen. Die Quellenangaben am Ende des Buches zeichnen den wissenschaftlichen Ansatz des Autors aus.

Somit ist dies Buch nicht nur spannend zu lesen, sondern auch ein Nachschlagewerk und Wegweiser für weitere Forschungen.

„Meilensteine österreichischer Reitkunst“ von Werner Poscharnigg
ISBN-13: 978-1481930093
ISBN-10: 1481930095

Alois Podhajsky 1934 Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alois Podhajsky 1934
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Rezension: Bodenarbeit – ein Videokurs von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 5 von 8 in der Serie Rezensionen
Veranschaulichen und erklären, was "Biegen" eigentlich ist. Hier das Führen der Schulter als Vorbereitung zum Kruppeherein. Das Schulterherein als Grundlage zum Kruppeherein.

Veranschaulichen und erklären, was „Biegen“ eigentlich ist. Hier das Führen der Schulter als Vorbereitung zum Kruppeherein. Das Schulterherein als Grundlage zum Kruppeherein.

„Das Pferd muss zuhören wollen.“ Mit dieser Aussage begrüßt uns Bent Branderup und verrät uns damit sein erstes Geheimnis der akademischen Reitkunst. Eine freundschaftliche Schüler-Lehrer-Beziehung, basierend auf gegenseitigen Respekt und Sympathie, ist die Grundlage allen weiteren Vorgehens. Horsemanship mit Ruhe und Gelassenheit (mein Lieblingsgefühl) ohne Longengefuchtel, Showeinlagen oder Dominanzrechtfertigungen. Lieber Herr Branderup, falls Sie dies lesen, machen Sie doch mal eine kleine Videoreihe über dieses Thema.

Erst, wenn die Beziehung zwischen Pferd und Mensch stimmt, können wir mit der „Arbeit“ beginnen. Im Bodenarbeitteil der Videoreihe des Kurses lernen wir, wie wir mit unserem Pferd zusammen Schritt für Schritt seine Balance, Geschmeidigkeit und Taktreinheit aufbauen. Im ersten Teil? Ja, Überraschung: der Kurs besteht aus 2 Teilen, Bodenarbeit und Longenarbeit, mit insgesamt 27 Lehrvideos , 4 Bonusvideos und einem Skript, welches man sich downloaden kann. Ich habe mir daraus ein kleines DIN A5-Handbuch gedruckt. Auf einen Theoriepart folgen praktische Beispiele und Anwendungen mit verschiedenen Pferden unterschiedlichen Ausbildungsstandes und Talentes demonstriert, so dass man den Blick für das eigene Pferd schulen kann.

Der "kleine Cara" zeigt und demonstriert uns die Übungen für ein Pferd seines Ausbildungsstandes.

Der „kleine Cara“ zeigt und demonstriert uns die Übungen für ein Pferd seines Ausbildungsstandes.

Der Kurs ist in Deutsch und wurde in Zusammenarbeit mit Marc Lubetzki, dem bekannten Tierfilmer, erstellt. Er steht online zur Verfügung, man kauft den Zugang zu den Videos. Für mich ist das ein kleiner Wehrmutstropfen, da auch die – in meinem Fall – Telekom mit daran verdient. Wichtig finde ich: ich kann die Videos mit meinen iDingern, iPhone und iPad, auf dem Sofa oder im Stall ansehen. Tipp: auch wenn die Videos den Ausbildungsfortschritt der Pferde begleiten, ist es von Vorteil alle vorher mehrmals anzusehen, da sich dann der Zweck der Basisarbeit wesentlich besser erschließt. „Die Basis muss eine Basis für etwas sein, sonst ist sie keine Basis.“ – Bent Branderup. Und dann werden Sie auch diesen Satz verstehen.

Im Vergleich dazu der ältere Corazon.

Im Vergleich dazu der ältere Corazon.

Zuallererst lernen wir die gemeinsame Mensch-Pferd-Pferd-Mensch-Sprache. Diese Grundlage kann man gar nicht oft genug erwähnen.

In der Bodenarbeit stehen wir direkt am Pferd und verwenden einen Kappzaum. Wir bitten das Pferd sich richtig zu biegen, unterzutreten und die Grundbewegungsabläufe zu lernen. Ziel ist es, dass unser Pferd das von sich aus macht und nicht auf unseren Zug hin. Ziehen wir das Pferd, so haben wir immer von ihm einen Gegenzug, welcher die falschen Muskel zum Anspannen bringt, und wir damit das Gegenteil von dem, was wir wollen, erreicht haben. Dies ist das zweite Geheimnis der akademischen Reitkunst. Das Pferd trägt sich selbst. Erst wenn es dies kann, kann es später auch den Reiter mittragen. Es ist immer in Balance.

Die Longenarbeit baut logisch darauf auf. Somit ist sie in der akademischen Reitkunst mehr als ein Herumtreiben im Kreis, wie ich es leider immer noch so oft sehe. Das Pferd lernt ohne Hilfszügel sich selbst zu tragen, seine Balance zu finden, geschmeidig zu werden. Um dies zu erreichen, werden die Übungen an der Longe zu einem abwechslungsreichen und interessanten Ballett des Pferdes. Als ich vor über tausend Jahren mit dem Reiten angefangen habe, haben unsere Lehrer uns noch erklärt, wozu man dies oder jenes macht. Irgendwann gab es dann einen Bruch, und das Wissen schien verloren. Ich habe mal nachgerechnet: mein ältester Reitlehrer hat um 1900 als junger Mann das Reiten gelernt. Ich war damals sehr jung und er sehr alt. Er kam immer wieder an den kleinen Reitplatz, auf dem ich übte und es entwickelt sich eine Freundschaft. Wir beide bezogen uns auf Steinbrecht. Er erzählte von der Kavallerie, und wie das damals war. Ich schweife ab…

Gebogenes Gerade, Blickschulung, Positionierung, alles Themen, die heute nicht mehr in Reitschulen gelehrt werden. Hier steht das Wissen wieder zur Verfügung und ich meine, dass jeder Pferdemensch es nützlich finden kann, es in seine eigene Reitweise einzufügen, sei es im Spring-, Westernreiten oder auch der Doma Vaquera.

Damals war ich teilweise schon Autodidakt, heute bin ich es zur Gänze. Und hier greift der Kurs von Bent Branderup ein. Ich halte ihn dafür geeignet, mich und mein junges Pferd auf das Reiten vorzubereiten, so ich es mir vorstelle. Ich habe zwar das Glück in meiner Nähe eine Meisterin der akademischen Reitkunst zu haben, dennoch, selbst wenn ich es nutzen würde, würde ich doch die allermeist Zeit alleine arbeiten. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Branderup-Videokurse alleine ausreichen, um sich und sein Pferd auszubilden. Für mich selbst denke ich ja – arrogant, wie ich bin – , und könnte ich es mal tatsächlich so durchführen und Príncipe und mich später zur Überprüfung Herrn Branderup vorstellen.

http://www.marc-lubetzki.com/8961

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Rezension: Videokurs „Academic Hand“ von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 6 von 8 in der Serie Rezensionen
Was einfach aussieht, ist auch einfach - wenn man es verstanden hat. Foto: Lotte Lekholm

Was einfach aussieht, ist auch einfach – wenn man es verstanden hat.
Foto: Lotte Lekholm

Möchte jemand wissen, mit welchem der Videos von Bent Branderup er beginnen soll, so empfehle ich dieses hier. „Aber der Sitz ist doch die primäre Hilfe“ mag man nun sagen, wieso nicht mit dem Video über den Sitz beginnen? Ja, die Hand gibt nur sekundäre Hilfen, dennoch ist es die Hand, mit der man am meisten falsch macht. Das ist der eine Grund, dieses Video an den Anfang zu stellen. Der andere ist, dass in diesem Video das Reiten von Grund auf erklärt wird. Nirgendwo sonst habe ich den akademischen und historischen Gedanken der Reiterei auf Basis und im Einklang der neusten Erkenntnisse der Biomechanik des Pferdes so gut erklärt gesehen. Daher setzte ich dieses Video auf eine Schlüsselstelle. In der Hand liegt auch der am besten wahrnehmbare Unterschied zwischen der Reiterei – fast mag ich sagen – des letzten Jahrzehnts und den Tausenden von Jahren zuvor. Damit meine ich nicht die verdammungswürdigen Auswüchse wie „Rollkur“ und Co., sondern die Methode das Pferd mit der Einwirkung auf das Maul zu wenden. Dies ist neu – was viele erstaunen mag. Gewendet wurde das Pferd zuvor mit den Zügeln, „und wenn ich ‚Zügel‘ sage, meine ich ‚Zügel'“ definiert Bent Branderup, am Hals über die Schulter, denn das „Maul hat keine Beine“.

Weiter wird dargestellt und erklärt, wie man in der Hand spürt, ob der Schub der Hinterhand nach hinten heraus oder ihr Vorgriff dominiert. Wir lesen bücherweise über dieses Thema, und bekommen es hier so einfach in ein paar Minuten dargestellt – denn im Grunde ist es auch einfach, was so viele Reitmeister uns eigentlich sagen wollen und mit so vielen missverstandenen Begriffen umschreiben. Der ansonsten so sehr wortreiche Bent Branderup bringt es mit einer einfachen Erklärung mittels der Biomechanik auf den Punkt.

Natürlich werden ebenso die verschiedenen Arten der Zügelführung erklärt, ihre Vor- und Nachteile, so dass man situationsbedingt die beste für diesen Moment wählen kann. Von der Haltung der Zügel, wenn man nur das Caveçon/Trense verwendet, über alle Zwischenschritte bis hin zur Kandare blank, wird das Greifen und Sortieren der Zügel erklärt, ohne dass man in die Zügel oder Finger einen Knoten bekommt.

Ein sehr wichtiges – und akademisches – Kapitel ist ebenso, dass man dem Pferd vom Boden aus erstmal beibringt, was die Signale auf der Nase und im Maul bedeuten, so dass es ihnen mit Durchlässigkeit folgen kann. Hierin sehe ich den sichtbarsten Unterschied zu anderen Reitweisen. Die Kandare ist ein Sensor und kein Druckmittel. Und wir können bereits vom Boden aus üben, die Signale der Pferdes richtig zu verstehen und daraufhin die Richtung unserer Ausbildung lenken. Vertieft wird dies dann an Hand von praktischen Beispielen, welche auch das Auge für das eigene Pferd schulen.

Diesen Videokurs empfehle ich auch allen Reitern, welche nicht den Weg der akademischen Reitweise einschlagen möchten. Das Wissen, welches hier vermittelt wird, empfinde ich als so wichtig und grundlegend, dass es für jeden Reiter ein Aha-Erlebnis ist und er seine eigene Vorgehensweise bewerten und verbessern kann.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 9 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:18h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:

http://www.bentbranderupshop.com/the-hand.html

Foto:
Lotte Lekholm, http://www.facebook.com/lotte.lekholm

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Rezension: Videokurs „Academic use of the whip“ von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 7 von 8 in der Serie Rezensionen
Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte. Foto: Lotte Lekholm

Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte.
Foto: Lotte Lekholm

Woran erkennt man den akademischen Reiter? Er hält die Gerte so komisch. Und außerdem: kann er sich nicht mal eine richtige leisten und schneidet sich einen Stecken vom Busch ab?

Wie viel ist doch von dem Wissen um die Gerte und ihre Anwendung verloren gegangen. Selbst meine Lehrer kannten diese komplexe Art der Verwendung nicht mehr. Standardgemäß liegt die Dressurgerte auf dem Oberschenkel der inneren Seite der Bahn und wird dort kurz hinter der Ferse ans Pferd getippt, falls das nötig sein sollte. So kennen wir das alle.

Doch die Gerte kann viel mehr. Bent Branderup entführt uns in seinem Video zuerst in die Vergangenheit und erörtert an alten Bildern, wie damals die Gerte angewendet worden ist. Sie unterstütze die primären Hilfen des Sitzes. Dabei wird sie dem Pferd oftmals einfach nur an der richtigen Stelle gezeigt. Das Pferd weiß, was damit gemeint ist. Bent Branderup erklärt dann, wie wir dem Pferd die Bedeutung der Deutungen mit der Gerte lehren. Sie ist einerseits von Boden aus der verlängerte Arm des Ausbilders und kann daher nicht nur die Schenkeleinwirkung vorbereiten, sondern auch die angelegten Zügel, die Position der Schulter bestimmen und, bei Fortgeschrittenen, die Beugung der Hanken. Andererseits ist sie das Bindeglied zwischen Boden- und Handarbeit und dem Reiten. Sie ist die Übersetzerin der Hilfen des Reiters, wenn das junge Pferd den Sitz zu verstehen lernt.

Dazu verdeutlicht Bent Branderup die Ethik der akademischen Reitweise. Mit der Gerte wird niemals geschlagen. Darum ist sie auch aus Holz, der trockene, dürre Stecken bricht beim Schlag sofort – im Gegensatz zu den Kunststoffgerten. Das Pferd gehorcht nicht aus Angst, sondern weil es verstanden hat, was gemeint ist, und weil ihm die Arbeit Freude bereitet.

Wie man so eine Gerte aus Holz selbst herstellen, vom Schneiden bis zum „Geraderichten“, wird anschaulich gezeigt. Ich habe mittlerweile auch so eine kleine Gertensammlung, benutze aber immer noch die erste, welche ich in die Finger bekam. Diese macht an ihrem Ende einen leichten Knick, den ich sehr praktisch finde, um Príncipe im Kruppeherein auf mich zukommen zu lassen. Es macht richtig Spaß, mit verschiedenen Hölzern zu experimentieren. Bent Branderup bevorzugt Obstgehölz, wie er uns erzählt.

Dann bekommt man auch noch Hausaufgaben auf: Fechtübungen. Nein, wir müssen niemanden ins Herz treffen, sondern unsere Körperbeherrschung und das Rhythmusgefühl trainieren. Damit wir nicht nur wissen, was wir dem Pferd mitteilen wollen, sondern es auch mitteilen können.

Für mich war dieser Videolehrgang ein wichtiger Meilenstein um zu verstehen, was mit der Gerte in den anderen Videos und Seminaren, welche ich besuche, gemacht wird. Dahinter ist so viel Wissen verborgen, welches heute einem Reitschüler schon langen nicht mehr gelehrt wird. Daher bezeichne ich ihn als einen der wichtigen Bausteine, um die akademische Reitweise zu verstehen.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 8 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:04h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:
http://www.bentbranderupshop.com/videos/academic-whip.html

Foto:
Lotte Lekholm, https://www.facebook.com/lotte.lekholm

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter

Rezension: DVD „Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli“

Dieses ist der Artikel 8 von 8 in der Serie Rezensionen
Cover der DVD "Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli" - mit freundlicher Genehmigung des Kosmos-Verlags. Bei diesem Erscheint diese DVD nun.

Cover der DVD „Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli“ – mit freundlicher Genehmigung des Kosmos-Verlags. Bei diesem erscheint diese DVD nun.

Wie fange ich nur an? ALLES!
„Geballtes Wissen in Theorie und Praxis der Pferdeausbildung“, so der Untertitel. Stimmt!

Aber erstmal von vorne: Auf dem Landesgestüt Schwaiganger fand im Mai 2011 ein Seminar statt, welches der WuWei-Verlag initiierte und zu dem er Dr. Gerd Heuschmann und Jean-Claude Dysli eingeladen hatte. Auf den beiden DVDs ist ein Ausschnitt dieses Seminars aufgezeichnet. Auf der ersten DVD ist der theoretische Teil, mit dem Vortrag von Heuschmann und einem Gespräch zwischen ihm und Dysli. Auf der zweiten dann der praktische, mit verschiedenen Reitern und Dysli selbst auf dem Pferd, seinem zu diesem Zeitpunkt 26 jährigem Hengst Okie. Ich empfehle die zweite DVD vor der ersten anzusehen, weil man dann einen leichteren Einstieg in die Theorie hat, die nach Forenkritik über diese DVD vielen doch sehr langatmig erscheint.

Wie wir wissen kommt Heuschmann aus der Ecke der FN-Reiterei und Dysli aus der des Westernreitens. Wir sind ja „akademisch“ also kümmern wir uns nicht darum… und verpassen die einfachsten und grundlegendsten Wahrheiten über das Reiten. Heuschmann sagt in seinem Vortrag, dass sein vermitteltes Wissen aus uns keine besseren Reiter macht, es wäre nur eine interessante Zusatzinformation. Dem möchte ich hier heftig wiedersprechen. Ohne dieses Wissen kann man noch nicht mal ein guter Reiter werden.

Wenn man sich heutzutage Turniere der FN/FEI, als auch des „Westernreitens“ ansieht, wird der unabhängige, erwachsene Mensch dieses Reiten nicht zu seinem Ziel erklären. Beide Szenen sind in eine Sackgasse gelaufen. Dies hat mit freudigem Reiten, seelischer und körperlicher Gesundheit des Pferdes und, ich möchte hinzufügen, charakterlicher Integrität des Reiters nichts mehr zu tun. Und das ist das Tragische. Das Wissen, welches uns Heuschmann vermittelt, hat jeder. Es wurde nur abgetan, zugedeckt, verschlimmbessert oder gar als pferdeverderbend verteufelt.

Worum ging es in diesem Seminar? Erstmal um den langen Rückenmuskel des Pferdes, musculus longissimus dorsi, und seine zentrale Rolle für dessen Gesunderhaltung beim Reiten. In witzigen Worten und bildlich dargestellten Szenen erklärt Heuschmann, welche Funktion dieser hat, und wie diese vom falsch verstanden Reiten regelrecht torpediert wird.

Danach gibt er uns das Wissen an die Hand, wie wir es richtig machen können. Hier kommt Dysli mit ins Spiel. Was Heuschmann aus wissenschaftlicher Sicht erklärt, setzt die gute alte – kalifornische – Westernreitweise aus Empirik um. Beide sagen dasselbe: Hände weg vom Pferdemaul. Beide betonen, wie wichtig es ist, dass ein Pferd frisch mit einem Reiter auf seinem Rücken erstmal seine Balance wiederfinden muss. Wenn dabei im Maul angenommen wird, wird sich der Rückenmuskel verspannen. Für ein neu gerittenes Pferd eine schmerzhafte Erfahrung. Für ein verrittenes Pferd gilt dies natürlich ebenso. Durch die verschiedenen Umstände, die Ihr kennt, bin ich mit Príncipe nicht viel weitergekommen, wobei mir dieser Winter mal wieder sehr hinderlich ist, mein geliebtes Reitplätzchen ist trotz Entwässerung eine rutschige Angelegenheit. Er befindet sich meiner Meinung nach immer noch in der Balancephase. Bei Cortes ist der Körperumbau im vollen Gange, alleine schon davon, dass ich ihn richtig auf seine Hufe gestellt habe. Auch er findet sogar für sich selber eine neue Balance. So traf natürlich diese DVD bei mir auf fruchtbaren Boden. Ich habe es gut. Allein meine Pferde sind der Maßstab ihrer Ausbildung. Ich habe keinen Reitlehrer, keine Stall“kollegen“, keine Bekrittelung, kein Heulen mit den Wölfen. Und genau dies hält uns ja davon ab, das hier vermittelte Wissen anzuwenden.

Auch in der akademischen Reitweise geht die Behauptung rum, Heuschmann stelle die Pferde zu tief ein. Dies stimmt definitiv nicht, er warnt in der DVD sogar ausdrücklich davor und begründet dies – vor allem beim jungen Pferd. Auch die Anlehnung, wie sie die FN verlangt, wird hier beim ausgebildeten Pferd soweit verzartet, dass es wirklich eine Anlehnung ist, welche vom Pferd aus angeboten wird. Andererseits, kann ich das, was Dysli zeigt, auch mit „Anlehnung“ beschreiben, wenn auch nicht per Zügel, so doch geistig vom Pferd. Diese Art der Westernreiterei reitet ausschließlich vom Sitz aus, auch die „Paraden“. Es tut mir gut, zu sehen, dass der arbeitende Reiter, zum Beispiel mit „Lasso“, gar keine Maulanlehnung haben kann, ohne durch diese Arbeitsbewegungen das Pferd im Maul zu stören. Und ich stelle – auch mal wieder an dieser Stelle – die Behauptung auf, Pluvinel ging es genauso. Damit sind wir schon beim zweiten Thema der DVD, dem Sitz. Heuschmann setzt eine seiner Schülerinnen, und bei weitem keine Anfängerin, im praktischen Teil des Kurses richtig hin und lässt sie den Bewegungen des Pferdes folgen. Man kann schon nach kurzer Zeit die positive Veränderung im Pferd sehen. Auch bei Dyslis Schülern ist der Sitz das Thema. Offensichtlich – und das entspricht auch meinen eigenen Beobachtungen – wird das richtige Sitzen nicht mehr gelehrt. Wir als Betrachter der DVD profitieren vom Wissen beider Dozenten. Und dies ist der Vorteil einer Aufzeichnung, man kann sie immer wieder ansehen und entdeckt neue Informationen, neue Sichtweisen und Ansatzpunkte. Es darf nicht unerwähnt bleiben, das Dysli auf der DVD uns die höchste Schule auf dem seinem Hengst Okie zeigt, sogar eine Galopp-Pirouette um die Vorhand. Das verwirrte das Publikum hielt den Atem an, was dies denn wohl solle. Dysli löste es auf mit einer korrekten Galopp-Pirouette auf der Hinterhand. Erst dann wurde den Zuschauern klar, welch Außergewöhnliches hier gezeigt wurde.

Mir persönlich hat diese DVD unglaublich viel gebracht. Bestätigt sie mich in meinem Weg und knüpft an das an, was ich vor über vierzig Jahren gelernt habe und geritten bin. Auch hilft sie mir dabei, wieder über meine FN-Brille, welche ich leider immer noch aufhabe, bewusst zu werden. Wo habe ich sie mir nur eingefangen?

In den Foren habe ich mir natürlich diverse Kritiken vorher angesehen, auch von Leuten, welche beim Seminar damals dabei waren. Am Schluss dieses Tages tauschten die FN-Reiterin mit dem Westernreiterschüler die Pferde. Ich war schon gespannt, wie der Warmblüter damit zurechtkäme, mit freiem Hals zu gehen. Es ist schade, dass der Westerntyp nur Galopp in Wildwestmanier gezeigte – was das Pferd allerdings gerne mitgemacht hat – und damit leider eine Diskussion auslöste. Der eigentliche, wertvolle Inhalt wurde somit in den Foren nicht besprochen. Die Krittelfraktion war mal wieder voll in ihrem Element. Auch hier ein wunderschönes Schulbeispiel, dass nur die Klugen durch das Internet klüger werden, die Dummen aber da bleiben wo sie sind und sich darin auch noch gegenseitig bestärken.

Auch wenn wir weder FN reiten, noch Western, so finden wir hier doch die Grundprinzipien des guten Reitens, welche natürlich auch für uns gelten. Auch als „Akademiker“ dürfen wir nicht vergessen, dass wir immer noch die FN-Brille aufhaben. Es gilt, die eigenen Werte immer wieder in Frage zu stellen um zu sehen, ob man auf dem richtigen Weg ist.

In zukünftigen Artikeln hier werde ich mich immer wieder auf dieses aufgezeichnete Seminar berufen können, da hier mit wunderbaren Worten ausgedrückt ist, was „Reiten“ bedeutet. Daher oben das „ALLES“!

Am 15.12.2013 verstarb Jean-Claude Dysli und folgte seinem Hengst Okie Isma Dad († 08.12.2013). Vielleicht kann ich hier einen kleinen Beitrag leisten, dass sein Pferdewissen und seine Intensionen nicht verloren gehen.

Share this:
Share this page via Email Share this page via Stumble Upon Share this page via Digg this Share this page via Facebook Share this page via Twitter