Das Fasziengewebe – das unbekannte Sinnesorgan

Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde - dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung. (Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde – dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung.
(Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Riechen, schmecken, hören, sehen, tasten – wer das kann, hat alle Sinne beisammen.

Doch darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Sinn, ein fast unbekanntes Sinnesorgan; größer, im Körper wahrscheinlich wichtiger als Augen, Nase oder Hände: das Fasziengewebe.

Die Faszie, eine Bindegewebsstruktur, die nicht nur jeden Knochen, Muskel, jedes Organ, Gelenk und jeden Nerv umhüllt, trennt, versorgt, ist im gesamten Körper vorhanden und erfüllt eine lebenswichtige Aufgabe. Wir können uns die Faszie als eine wabenförmige, in sich bewegliche Struktur vorstellen, die weder Anfang noch Ende im Körper hat und ihn in seiner Gesamtheit durchzieht. Sie stützt und löst, sie hält und bewegt, sie formt und ermöglicht, sie speichert und gibt frei – sie ist in ihrem Umfang lebenswichtig für jeden Organismus. Wir finden sie in Pflanzen ebenso wie in jedem Tier, ihre Bedeutung wird uns erst in den letzten Jahren immer klarer.

So wie ein Ameisenstaat ob seiner perfekten Abstimmung oftmals als ein Wesen mit vielen Gliedern angesehen wird, kann auch das Fasziengewebe mit seinen Millionen Nervenendungen als ein eigenständiges Organ, ein Sinnesorgan angesehen werden. Mit seiner direkten Verknüpfung mit dem Gehirn und den willkürlichen ( Bewegung),sowie unwillkürlichen ( Atmung, Herzschlag, Verdauung, etc.) Funktionen des Körpers, seiner kompletten Umhüllung von allen Strukturen des Körpers ist es von so großer Wichtigkeit für den gesunden Organismus, dass man es bei plötzlichen Veränderungen des gesundheitlichen Zustands auch immer als ursächlich im Auge behalten sollte.

Die Faszie kann im Körper hauchdünn oder bis zu mehreren Millimetern dick sein, sie wird von der Lymphe versorgt und eine gesunde, funktionale Bewegung des Körpers sorgt dafür, dass das Fasziengewebe beweglich und der Lymphfluss in Gang gehalten wird. In der Lymphflüssigkeit vorhandenes Fibrinogen kann unter bestimmten Umständen zu festem Fibrin werden, welches die Faszie unbeweglich werden lässt und sie verkleben kann. Ursache für solch einen Zustand kann Stress, Verletzungen (z.B. Sturz, Tritt- oder Bissverletzung), chirurgische Eingriffe ( z.B. Kastration) oder falsch erlernte und ausgeführte Bewegungsabläufe sein.

Eine weitere Eigenheit der Faszie ist ihre Fähigkeit, über die ihr innewohnenden Nervenendungen Einfluss auf das vegetative Nervensystem zu nehmen. So wirken sich nicht nur Stress und ein erhöhter Muskeltonus auf die Faszie aus, sondern eine verklebte, nicht mehr physiologisch funktionierende Faszie erzeugt Stresszustände im Körper. Entstandene Traumata können sich in der Faszie, quasi wie auf einer externen Speicherplatte des Computers, festsetzen und zum Teil erst Monate oder Jahre später , wenn eine normale Funktion wiederhergestellt ist, wieder ans Licht kommen – oftmals völlig unerwartet für den Reiter. Buckeln, Steigen, Durchgehen sind manchmal Reaktionen auf schon längst vergangene Erlebnisse, die sich aber erst jetzt lösen konnten – man spricht auch von der „Körpererinnerung“.

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen. (Johann Elias Ridinger, Galop gerade aus Rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen.
(Johann Elias Ridinger, Galop grad aus links – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Neben der psychologischen Bedeutung der Faszie ist ihre Bedeutung für den gesunden Bewegungsapparat des Pferdes nicht zu unterschätzen. Durch ihre Fähigkeit, Nervenimpulse schneller und effektiver als die Nerven an die Muskulatur und die Gelenke weiterzugeben – man stelle sich in etwa den Unterschied zwischen einem Kupferkabel und einem Glasfaserkabel vor – ist die Faszie für das effektive Training des Pferdes also unerlässlich, bzw. sind Störungen ihrer Tätigkeit so schnell wie möglich zu beseitigen und in Zukunft vorzubeugen. Dies kann durch verschiedene manuelle Tätigkeiten, wie z.B. bestimmte TTouches oder ostheotherapeutische Griffe, jedoch auch Tens-Therapie oder physiotherapeutische Behandlungen und Massagen („Black Roll“- Technik) erfolgen, man kann aber auch gezielt mit der Faszie arbeiten. Die in der humanen Sporttherapie neuerdings so wichtige und neudeutsch betitelte „Core“- Arbeit ( Arbeit mit der tiefen Rumpfmuskulatur zur Verbesserung von Haltung und Balance) wird in unserer Arbeit mit dem Pferd maßgeblich mit der Arbeit mit der Schulparade erreicht, die unter anderem das für das Reiten wichtige Faszialgewebe rings um die Wirbelsäule – übrigens der Grund, warum Pferde vom Reiten keinen Bandscheibenvorfall bekommen – und die Bauchfaszie kräftigt.

Verklebungen in der Bauchfaszie, ausgelöst z.B. durch falschen oder übermäßigen Einsatz von Sporn und/oder Schenkel, haben oft fatale Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Pferdes, seine Atmung ist oftmals flach, es kann unter Verdauungsbeschwerden leiden, ist nicht mehr in der Lage, sich zu biegen und kann keine gesunde Rückentätigkeit mehr zeigen. Dieser Zustand wird bei den alten Meistern oft als „Spornstätigkeit“ bezeichnet und, so rät schon Guérinière, darf keinesfalls durch noch mehr Engagement des Reiterbeins, sondern durch vermehrtes lockeres Gehen lassen des Pferdes kuriert werden. Ein erstes äußeres Anzeichen kann fehlendes Fell in der Schenkellage oder aber optisch enger anliegendes Fell in diesem Bereich sein.

Die faszialen Verklebungen, vor allem im Bereich der Gelenke, können einen arthrose- oder gichtartigen Schmerz verursachen, der von einer leichten „Fühligkeit“ bis zur Lahmheit des Pferdes führen kann – und auch das Lösen dieser Verklebungen kann unangenehm und schmerzhaft sein.

Verknotungen im Gewebe, Löcher in der Muskulatur, Atrophien von Muskeln gehen immer auch einher von pathologischen Veränderungen im Faszialgewebe. Diese müssen sorgfältig, langsam und behutsam gelöst werden – auch diesen Rat finden wir in etlichen Werken der alten Meister von Xenophon bis Seunig, die jede Exaltiertheit und plötzliche Bewegung ablehnen, die die Qualität der Bewegung in ihrer Langsamkeit und Formbarkeit sehen, um den maximalen gymnastischen Benefit und den größten Schulungseffekt zu erhalten.

Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight.

Moderne Pilarenarbeit- die Arbeit am stehenden Pferd und in Versammlung Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt „Finn“.

Die optimale Arbeit mit der Faszie schafft uns die moderne Pilarenarbeit, bei der der Mensch an der Hand und später eventuell auch unter dem Sattel mit dem stehenden Pferd arbeitet. En detail und in aller Ruhe werden dem Pferd die Hilfen von Hand, Körper/Sitz, Gerte und Schenkel erklärt, es gibt keine Möglichkeit zu Ausweichbewegungen. So kann schon am stehenden Pferd geübt werden, den Brustkorb schulterhereinartig (versal) oder kruppehereinartig (traversal) aus der Hinterhand zu heben oder aber das Gewicht des Pferdes in Richtung Hankenbeugung (Schulparade) auf die Hinterhand zu verlagern. Hier haben wir die Reitkunst sozusagen auf das Absolute konzentriert, der „Brühwürfel“ der Pferdeausbildung. Diese Methode, ersonnen von Bent Branderup („Akademische Reitkunst- eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter“ Cadmos Verlag, 2013), ist vor allem deswegen so empfehlenswert, weil sie deutlich weniger Gefahrenpotential birgt als das Fixieren des Pferdes in den fest installierten Pilaren.

Im Gegensatz zur traditionellen Arbeit an den oder dem Pilaren haben wir bei dieser Art der Arbeit jederzeit die Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes ins Vorwärts zu lösen, falls das notwendig werden sollte – sie könnten ja auch in diese Richtung verklebt sein.

So sehen wir schon eine andere Möglichkeit, die Faszien rund um die Gelenke, vor allem der Hinterhand und im Schulter-/Widerristbereich zu lösen: Seitengänge wie das Schulterherein, Kruppeherein , Renvers und die Traversale können helfen, den Pferdekörper wieder in den Fluss zu bringen und Schlackenstoffe abzutransportieren, während Sauerstoff und Nährstoffe in Muskulatur und Gelenke transportiert wird.

Der Schulschritt - ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Der Schulschritt – ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Eine weitere Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes zu lösen, ist die Arbeit mit der Piaffe oder dem Schulschritt, bei entsprechender Ausbildung des Pferdes auch der Schulgalopp oder das Terre-à-Terre. Fällt hierbei auf, dass noch Steifheiten vorhanden sind, sollte man dazu zurückgehen, mit den oben beschriebenen Techniken die Faszie rund um das entsprechende Gelenk oder die Muskulatur zu bearbeiten.

So lösen die Seitengänge in eine Richtung, die Schulparade in einer weiteren Weise und die versammelnde Arbeit in Bewegung auf eine andere Art und Weise die Gelenke der Hinterhand des Pferdes, die aufgrund ihrer Bauweise als Motor des Pferdes gelten und dafür sorgen, in funktionaler Weise gearbeitet, dass das Pferd den Reiter auf Dauer gesund und auch bequem tragen kann.

Durch die Fähigkeit der Faszie, Bewegungsenergie zu speichern, nehmen gesunde Faszien den Muskeln einen großen Teil der Belastung ab oder können ihre Kraft um ein Vielfaches verstärken. Dabei gilt: je gleitfähiger sie sind, je höher ihr Anteil an Elastin und je geringer ihr Anteil an dem festen Kollagen, desto größer ihre Fähigkeit, große Kräfte schnell freizusetzen – die Carrière gilt bei Manoel C. de Andrade („Die edle Reitkunst- Luz da liberal e Nobre Arte da Cavalleria“) als die erstrebenswerteste Lektion, die ein geschultes Pferd lernen sollte. Auch die Arbeit mit den Passaden oder letztlich den Schulsprüngen erfordert ein schnelles, kraftvolles Entfalten des Könnens des Pferdes. In der französischen Reittradition finden wir diese körperliche Bereitschaft, die allerdings ebenso einen mentalen Zustand beschreibt, mit dem Begriff „l’Impulsion“ beschrieben – ins Deutsche oft als „Schwungkraft“ übersetzt.

Mit der Zeit wird das Pferd immer mehr auch im Ruhezustand in einer optischen Form sein, die wir ihm mit Hilfe von Muskulatur, vor allem aber der Faszien entsprechend seiner Arbeit gegeben haben. Hier zeigt sich das Können des Reiters: Ist die Form physiologisch? Ist das Pferd an den richtigen Stellen gerundet, an den richtigen Stellen formbar? Sieht es athletisch, fit und kraftvoll aus? Würde man nun nur die Faszien ansehen, könnte man sie aus dem Körper „herausbeamen“, würden wir wieder das von uns geformte Pferd sehen können. Sie sind dafür verantwortlich, welche Form der Körper annimmt, wo er sich streckt, wie die Organe in ihm zu liegen kommen, welche Partien straff und welche locker sind – und das mehr noch als die Muskulatur.

Da alle Faszien im Körper miteinander verbunden sind, ist eine Störung in einem Teilbereich des Körpers immer mit Auswirkungen auf den restlichen Körper verbunden. Man kann nicht einen Teil des Körpers vom anderen trennen, eine Form, die wir dem Pferdehals geben, findet immer ihren Niederschlag im Rücken und der Hinterhand des Pferdes, die Beine müssen entsprechend bewegt werden; Verspannungen oder mit Hilfszügeln erzwungene Haltungen führen zu körperlichem und auch emotionalem Stress – wir arbeiten immer mit dem ganzen Pferd. Ob nun eine Muskelgruppe, der Hals, der Rücken, die Hinterhand oder ein Organ, immer ist der gesamte Körper UND der Geist des Pferdes miteinbezogen, wenn wir arbeiten.

Unter den inneren Organen für die Faszie besonders bedeutend ist die Milz, da sie unter anderem für den Lymphfluss verantwortlich ist. Sie liegt anatomisch gesehen genau unter dem Sitz des Reiters und/oder dem hinteren Ende des Sattels und ist von den Rippen geschützt. Ein nicht passender Sattel oder ungeschickt sitzender Reiter kann zu Wirbelblockaden in diesem Bereich führen, was die Versorgung der Faszien im Körper durch eine gestörte Tätigkeit der Milz beeinträchtigen und behindern kann. Hier sollte neben entsprechender Schulung des Könnens des Reiters auch unbedingt Wert auf passendes Sattelzeug gelegt werden.

Wie wir sehen, ist die Arbeit mit dem Fasziengewebe so umfassend, dass wir jede Gelegenheit nutzen sollten, mit ihr zu arbeiten, um unsere Pferde noch beweglicher, noch geschmeidiger, noch stärker – und noch zufriedener zu machen.

Der Schlüssel hierzu liegt für uns in der Reitkunst, deren verschiedene Lektionen darauf abzielen, das Pferd langfristig gesund zu erhalten – weil die Erfahrung die Alten Meister diese Erkenntnis gelehrt hat.

Stefanie Niggemeier
Barocke Pferdeausbildung

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Links:
Stefanie Niggemeier: http://www.barocke-pferdeausbildung.de/

und wer die Autorin live erleben möchte, zum Beispiel am
12. Oktober Kurs „Schulparade“
26. Oktober Kurs „Moderne Pilarenarbeit“
http://www.barocke-pferdeausbildung.de/termine.html

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Alte italienische und französische Gewaltreiterei?

Mal eine Zwischenbemerkung.

Grisone-1558-1355  F. Grisone. Ordini di cavalcare, 1558 Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek

Grisone-1558-1355
F. Grisone. Ordini di cavalcare, 1558
Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek

Gerade recherchiere ich für meinen neuen Artikel. Dabei sind mir die Aussagen von Wikipedia – welche ich auch schon in Büchern gelesen habe – über den Weg gelaufen:

„Giovanni Pignatelli (* etwa 1540; † etwa 1600) war Reitmeister und Nachfolger von Federigo Griso, genannt Grisone, an der 1532 gegründeten und damals in Westeuropa einflussreichen Neapolitanischen Reitschule; nach ihm ist die von ihm verwendete extrem scharfe und schwere Kandare, Pignatelle, benannt, die das Pferd zu ständiger Beizäumung zwang.“ Wikipedia, Stand 14.8.14

Die Kandarenbäume waren damals so lang, damit sie, wenn der Reiter vom Gegner nach hinten gestoßen wurde, an der Brust aufsetzen und somit ein Brechen des Unterkiefers verhindert wird. Die Bäume waren miteinander verbunden, damit sie nicht auseinander gespreizt werden und sauber aufliegen konnten. Die Pferde waren damals anders gebaut als die heutigen Warmblüter. Bei diesen wendet man wirklich heutzutage Gewalt an, um offensichtlich die Kandarenbäume an die Brust zu ziehen, siehe „Rollkur“.

Oftmals wurden die Kandaren damals nicht nur mit Garnitur zum Spielen mit der Zunge versehen, sondern auch mit Honig oder Gewürzen. Allein daran kann man sehen, dass die natürlichen Funktionen des Mauls aufrechterhalten werden sollten. Das Pferd konnte nicht nur, sondern sollte sogar auch die Zunge bewegen. Seit dem wundervollen Artikel hier von Stefanie Niggemeier: http://www.reit-kultur.de/?p=472 wissen wir, wie wichtig das für das Pferd und das gute Reiten ist. Auch die Funktion des Schluckens konnte ausgeführt werden. Jeder, der seinem Pferd ein Leckerli mit einem Gebiss im Maul gibt, weiß das dies tatsächlich geht.

Und wie sieht es heute aus? Ich wette um eine Pizza, dass in 80 % aller Fälle in FN-Reitställen, der Nasenriemen so eng geschnallt ist und zugleich die Zunge des Pferdes durch die ach so milde Trense so sehr durch die falsch verstandene Anlehnung gequetscht wird, dass das Pferd weder die Zunge bewegen, geschweige denn schlucken kann. Es gibt ganze Universitätsstudien und Forschungsbericht darüber, dass dies am Gebiss alleine liegt. Nein, Reiter, das liegt ausschließlich an Euch!

Darin liegt auch der Irrtum über die alten Meister: es wird von der heutigen Handhabung der Kandare ausgegangen. Mit Sicherheit gab es, ebenso wie heute, sehr unschöne Szenen in der Reiterei. Dennoch, ein heutiger Reiter ist mit einer solchen Kandare wie ein Affe mit einem Rasiermesser, die alten Meister waren es nicht. Man soll nie anderen unterstellen, was man selber machen würde.

Ausschnitt: L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval

Ausschnitt:
A. de Pluvinel, L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval 1629

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Das Pferd muss die Lösung selbst finden.

Michaela Lieblein mit Sirius, ihrem 18 Jahre alten Hannoveraner. Seit über zwei Jahren sehe ich nun dieses Paar, welches Schüler bei Sabine Oettel sind. Welch eine unglaubliche Wandlung in dieser Zeit - und Wolfgang Krischke brachte sie zum Strahlen.

Michaela Lieblein mit Sirius, ihrem 18 Jahre alten Hannoveraner.
Seit über zwei Jahren sehe ich nun dieses Paar, welches Schüler bei Sabine Oettel ist. Welch eine unglaubliche Wandlung in dieser Zeit von beiden – und Wolfgang Krischke brachte sie zum Strahlen.

Dies war für uns das Motto des Kurses vom 2. und 3. August 2014 mit Wolfgang Krischke von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg zu dem Sabine Oettel, Meisterin der akademischen Reitkunst, einlud. Wieder versammelten sich die Lernenden mit und ohne Pferd in Wendlmuth, besser: im Waffengarten von Wendlmuth. Aber dazu mehr später.

Mit unnachahmlicher Geduld ging Wolfgang Krischke auf die Wünsche der Teilnehmer ein. Zuvor beurteilte er das Reiter-Pferd-Paar und sah mit einem Blick, wo das Problem sitzt, sei es sozusagen eine mentale Blockade, sei es aber auch einfach nur die Handhaltung oder auch der Sitz. Das Pferd spiegelt dabei den Reiter wider, denn das Pferd kann das alles, wie wir gesehen haben. Kaum hat der Reiter sein Problem im Griff, macht das Pferd alles richtig. Das sollte man sich immer bewusst machen. Nachdem dies geregelt war, ging es ans Neue. Mehrere Teilnehmer wollten gern mit ihren Pferden das Piaffieren lernen. Hier zeigte sich Wolfgang Krischke in seiner Genialität des richtigen Timings. In dem Moment, in dem das Pferd den richtigen Lösungsansatz zeigt: nachgeben, entspannen, loben. Ich habe den Eindruck, dass dies das Selbstvertrauen der Pferde stärkt, obwohl der Weg dahin für das Tier sehr aufregend ist. Fehlversuche werden einfach ignoriert und gelassen hingenommen. Gelassenheit seitens des Lehrers ist hierfür meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung. Die Pferde wurden in diesem Kurs zu aktiven Kursteilnehmern und nicht nur zum Werkzeug. Sie fanden die Lösung und zeigten die ersten Ansätze einer schön gesetzten Piaffe.

Hier sucht Sirius noch nach der Lösung. Die Beinfolge stimmt noch nicht für die Piaffe. Doch mal sieht hier besonders schön seine Entwicklung, Das ehemalige, eckige Springpferd wurde rund und zeigt eine wundervolle Hankenbeugung. Man beachte seinen Gesichtsausdruck, er ist ganz bei der Sache.

Hier sucht Sirius noch nach der Lösung. Die Beinfolge stimmt noch nicht für die Piaffe. Doch man sieht hier besonders schön seine Entwicklung, das ehemalige, eckige Springpferd wurde rund und zeigt eine wundervolle Hankenbeugung. Man beachte seinen Gesichtsausdruck, er ist ganz bei der Sache.

Das Zweite, was ich aus diesem Kurs mitnahm, ist die Beschäftigung mit der Fillis-Zügelführung. James Fillis (1834-1913) war ein Schüler Bauchers. Mir selbst gefällt es nicht, wie er auf dem berühmten Foto von ihm zu Pferd sitzt (Spohr sitzt ganz ähnlich), dennoch hat mir Wolfgang Krischke einen Weg für mich und Príncipe gezeigt, welchen ich die nächsten Tage ausprobieren will. Bei der Zügelführung nach Fillis wird beidhändig geritten, die rechten Zügel in die rechte Hand, die Linken in die Linke. Dabei wird der Zügel von Caveçon/Trense über den Zeigefinger durch die Hand nach unten geführt, der Kandarenzügel kommt von unter dem kleinen Finger entgegensetzt nach oben raus. Damit kann sehr leicht nur das Caveçon oder die Kandare allein angesprochen werden, oder beide zugleich. Mit dem Caveçon kann man den Kopf des Pferdes wieder hochnehmen, wenn dieser zu tief ist, mit der Kandare runter. Geht das Pferd in Selbsthaltung, so ist keine Einwirkung nötig. [Anmerkung: An dieser Stelle will ich eindringlich darauf hinweisen, dass es bei dieser Reiterei Ziel ist, mit sozusagen durchhängendem Zügel zu reiten, in Selbsthaltung des Pferdes. Diese zweihändige Zügelführung hat so überhaupt nichts mit der heutigen – falsch verstandenen Art – der „Anlehnung“ zu tun. Es wird keine Kraft in der Zügelhand, so wie es heutzutage üblich ist, angewendet. Und noch ein Unterschied zur heutigen Fahrradlenkstangenart: Das

Lehrer und Schüler, Wolfgang Krischke, Michaela Lieblein und Sirius

Lehrer und Schüler, Wolfgang Krischke, Michaela Lieblein und Sirius

Pferd wird nicht im Maul gelenkt, sondern mit den Zügeln am Hals.] Gerade für ein junges Pferd, welches die Grundhilfen des Reiters noch lernt, kann daher diese Art der Zügelführung einfacher zu verstehen sein. Ich hatte sie bisher verworfen, weil ich, einfach gesagt, kein Baucherist bin. Doch Wolfgang Krischke hat mich in diesem Kurs von der Zweckmäßigkeit dieser Führung überzeugt. Mal sehen, was Príncipe dazu sagt.

Im Theorieteil wurde auf die Fragen der teilnehmenden Reiter eingegangen. Ein hochinteressanter Blickwinkel, denn wir als Zuschauer sehen ähnlich wie der Lehrer von außen. Das Reitgefühl der Reiter kann da natürlich nicht vermittelt werden. Dies nun auch aus Reiterperspektive zu hören, erklärte manches noch eindringlicher.

Die Familie Andraschko, die Hausherren der wunderschönen Anlage, versorgte uns, unter anderem mit fantastischem Kuchen, Kaffee und Bratwürstchen. Und ich nehme an, dass die Utensilien für den Waffengarten von Herrn Andraschko gebaut wurden.

Der Waffengarten. Am Ende der beiden Tage ging es dann endlich in den Waffengarten. Er wurde in der Halle aufgebaut, zwei Stelen mit je einem Blumenstrauß oben eingesteckt und ein Galgen, der geschickterweise an der Hallenwand befestigt war, damit kein Ständer in der Halle und damit den Pferden im Weg steht. Alle Reiter nahmen daran natürlich teil. Zuerst die Stichwaffe (Florett/Degen?), es wurde ein Blumenstrauß aus einer Säule durchbohrt und gehoben, dann die Lanze, welche durch einen Ring gestoßen wurde, um diesen vom Galgen zu holen. Es war fantastisch zu sehen, wie es bei den Pferden „Klick“ machte. Todesmutig hielt Herr Krischke dann, nach einigen Übungsläufen, beim Abschlusslauf durch den gesamten Garten den auf ihn zu galoppierende  Reitern die einzelnen Waffen zum Aufnehmen  hin. Reiter und Pferd sind zu einer Einheit geworden, welche ein gemeinsames Ziel haben. AAATTTAAACCCKKKKKEEEEEE!

Ach wie schnell waren doch die Tage schon wieder vorbei.

 

Michaela und Sirius auf dem Weg zum Kriegspferd.

Michaela und Sirius auf dem Weg zum Kriegspferd.

Alle Fotos: Oliver Oettel – Danke dafür!

Links:

Wolfgang Krischke: http://www.hofreitschule.de/

Sabine Oettel: http://www.akademische-reitkunst.at

Familie Andraschko: http://www.pferdesportartikel-andraschko.de/

https://www.facebook.com/pages/Sabine-Oettel-Akademische-Reitkunst/340448562678208?ref=ts&fref=ts

 

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¡Salud! Garrocha

Claudia Nitzinger mit Tschaklin - dem Knappstruber von Wolfgang Rubner. Das "Üben" sieht doch schon richtig gut aus, nicht wahr?

Claudia Nitzinger mit Tschaklin – dem Knabstrupper von Wolfgang Rubner. Olé Claudia!

Ein Wochenendkurs auf der Finca Montana Ventoso, welche von Iris Ambros und Wolfgang Rubner geführt wird.

Um mich weiter zu üben und wieder richtig ins Reiten reinzukommen, durfte ich ein Wochenende mit der hinreißenden Elena verbringen, Ihr seht sie unten im Bild. Doch mein Trainingszustand ist schlechter, als ich befürchtet hatte. Ich habe mir durch meine vielen Operationen eine Schonhaltung der Bauchmuskulatur angewöhnt, letztere ich zurzeit heftig aufbaue.

Darum geht dieser Artikel über Interessanteres als meine Bemühungen, nämlich:

¡Salud! Garrocha

Meine Mitteilnehmerin Claudia Nitzinger übte sich unter Anleitung von Wolfgang Rubner in der Führung der Garrocha. In diesem haben wir einen echten Meister vor uns, welcher mit spielender Leichtigkeit die Stange handhabt, so dass Reiter und Pferd uns einen spanischen Tanz zeigen. Die Garrocha ist eine lange Stange zum Rinderhüten und wird ausschließlich mit der rechten Hand geführt, die Linke darf sie noch nicht einmal berühren.

Zuerst ging es langsam im Schritt um die Bewegungsabläufe einzuüben. Das Umgreifen ist der Knackpunkt, wenn die Garrocha sich sozusagen über den Kopf hinweg dreht. Claudia ritt den edlen Tschaklin, ein Knabstrupper und Routinier an der Garrocha. Immer wieder drehen, umgreifen, drehen. Dabei werden mit der linken Hand die Zügel einhändig geführt. Auch sehr schwierig für jemanden, der dies nicht gewohnt ist. Die zweihändige Zügelführung ist nach der Anfangsphase der Pferdeausbildung eine moderne Erfindung. Alle Arbeiter zu Pferd reiten ausschließlich einhändig. Mit der rechten Hand wird dann das Arbeitsgerät geführt, sei es nun das Lasso, das Schwert, die Lanze oder, wie an diesem Wochenende, die Garrocha.

Ich ritt Elena und wir wollten das Angaloppieren üben, eine meiner Schwächen bei fremden Pferden. Mit meinen Arabern war das nie ein Problem, ich musste nur „Galopp“ denken und sie galoppierten an, auch aus dem Stand. So richtig überlegte und vorbereitete Galopphilfen zum richtigen Zeitpunkt waren daher nie nötig. Wenn ich auf einem fremden Pferd sitze, versuche ich – weiß der Geier, woher ich das habe – das Pferd mit dem Kreuz anzuschieben. Das war unser Thema in diesem Kurs. Ich musste mich mehr entspannen, nicht so viel nachdenken und einfach machen. Und noch etwas merkte ich sehr: wenn ich Zuschauer habe, bin ich nicht ich selbst. Eine beruflich erfolgreiche Frau, mitten im Leben, welche Unternehmern sagt, wie sie ihre Firma besser führen können und ihre Prozesse in den Griff bekommen, damit alles viele einfacher und leichter wird, wird in ihren Hilfen auf dem Pferd unsicher, wenn Zuschauer da sind. Also daran muss ich wirklich noch arbeiten. Nichtsdestotrotz hat mich Wolfgang Rubner mit einer Engelsgeduld bei den Galopphilfen auf den richtigen Weg gebracht – die Geduld von Elena nicht zu vergessen.

Seufzend sah ich dann also Claudia zu, wie sie mit jedem Male besser und besser wurde. Schon bald machten sie und Tschaklin das Ganze in Galopp. Das sah dann schon mal sehr gut aus. Sie dreht und wendete ihr Pferd im Galopp unter der Garrocha hinweg. Das ist gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass die Garrocha auch schon Profis vom Sattel gehebelt hat. Wolfgang Rubner erzählte da so einiges aus dem Nähkästchen. Also lieber die Stange fallen lassen, bevor man selber fällt. Der Kurs war gespickt mit Tipps und Tricks. Claudia bekam so viel Rüstzeug mit, dass sie später zuhause mit ihren eigenen Pferden weitermachen konnte. Es war spannend, dies auf Facebook zu verfolgen.

Natürlich wurde auch für das leibliche Wohl gesorgt – es gab sogar Kuchen ohne Kalorien! Am Sonntag wurde gegrillt. Schade, die Zeit ging viel zu schnell vorbei.

Ich freue mich, wenn ich dann so weit bin mit der Garrocha zu üben, doch diesmal ging ich mit einem Muskelkater nach Hause – das sind dann meine Hausaufgaben, Muskelaufbau, alte Angewohnheiten ablegen, Gelassenheit vor Zuschauern.

Meine Wenigkeit und Elena. Fix und fertig bin ich - aber glücklich.

Meine Wenigkeit und Elena. Fix und fertig bin ich – aber glücklich.

Links:
https://www.facebook.com/finca.montanaventoso

 

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Rezension: Videokurs „Academic Hand“ von Bent Branderup

Was einfach aussieht, ist auch einfach - wenn man es verstanden hat. Foto: Lotte Lekholm

Was einfach aussieht, ist auch einfach – wenn man es verstanden hat.
Foto: Lotte Lekholm

Möchte jemand wissen, mit welchem der Videos von Bent Branderup er beginnen soll, so empfehle ich dieses hier. „Aber der Sitz ist doch die primäre Hilfe“ mag man nun sagen, wieso nicht mit dem Video über den Sitz beginnen? Ja, die Hand gibt nur sekundäre Hilfen, dennoch ist es die Hand, mit der man am meisten falsch macht. Das ist der eine Grund, dieses Video an den Anfang zu stellen. Der andere ist, dass in diesem Video das Reiten von Grund auf erklärt wird. Nirgendwo sonst habe ich den akademischen und historischen Gedanken der Reiterei auf Basis und im Einklang der neusten Erkenntnisse der Biomechanik des Pferdes so gut erklärt gesehen. Daher setzte ich dieses Video auf eine Schlüsselstelle. In der Hand liegt auch der am besten wahrnehmbare Unterschied zwischen der Reiterei – fast mag ich sagen – des letzten Jahrzehnts und den Tausenden von Jahren zuvor. Damit meine ich nicht die verdammungswürdigen Auswüchse wie „Rollkur“ und Co., sondern die Methode das Pferd mit der Einwirkung auf das Maul zu wenden. Dies ist neu – was viele erstaunen mag. Gewendet wurde das Pferd zuvor mit den Zügeln, „und wenn ich ‚Zügel‘ sage, meine ich ‚Zügel'“ definiert Bent Branderup, am Hals über die Schulter, denn das „Maul hat keine Beine“.

Weiter wird dargestellt und erklärt, wie man in der Hand spürt, ob der Schub der Hinterhand nach hinten heraus oder ihr Vorgriff dominiert. Wir lesen bücherweise über dieses Thema, und bekommen es hier so einfach in ein paar Minuten dargestellt – denn im Grunde ist es auch einfach, was so viele Reitmeister uns eigentlich sagen wollen und mit so vielen missverstandenen Begriffen umschreiben. Der ansonsten so sehr wortreiche Bent Branderup bringt es mit einer einfachen Erklärung mittels der Biomechanik auf den Punkt.

Natürlich werden ebenso die verschiedenen Arten der Zügelführung erklärt, ihre Vor- und Nachteile, so dass man situationsbedingt die beste für diesen Moment wählen kann. Von der Haltung der Zügel, wenn man nur das Caveçon/Trense verwendet, über alle Zwischenschritte bis hin zur Kandare blank, wird das Greifen und Sortieren der Zügel erklärt, ohne dass man in die Zügel oder Finger einen Knoten bekommt.

Ein sehr wichtiges – und akademisches – Kapitel ist ebenso, dass man dem Pferd vom Boden aus erstmal beibringt, was die Signale auf der Nase und im Maul bedeuten, so dass es ihnen mit Durchlässigkeit folgen kann. Hierin sehe ich den sichtbarsten Unterschied zu anderen Reitweisen. Die Kandare ist ein Sensor und kein Druckmittel. Und wir können bereits vom Boden aus üben, die Signale der Pferdes richtig zu verstehen und daraufhin die Richtung unserer Ausbildung lenken. Vertieft wird dies dann an Hand von praktischen Beispielen, welche auch das Auge für das eigene Pferd schulen.

Diesen Videokurs empfehle ich auch allen Reitern, welche nicht den Weg der akademischen Reitweise einschlagen möchten. Das Wissen, welches hier vermittelt wird, empfinde ich als so wichtig und grundlegend, dass es für jeden Reiter ein Aha-Erlebnis ist und er seine eigene Vorgehensweise bewerten und verbessern kann.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 9 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:18h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:

http://www.bentbranderupshop.com/the-hand.html

Foto:
Lotte Lekholm, http://www.facebook.com/lotte.lekholm

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Das Zungenbein ( lat.: Os hyoideum) – oder das Gleichgewicht liegt in aller Munde

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier, die Autorin dieses Artikels, mit ihrem bezaubernden Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight, genannt  Finn.

von Stefanie Niggemeier

Das Zungenbein ist ein Knochen im Körper des Pferdes, den viele Reiter nicht kennen, obwohl die meisten von ihnen täglich im Training direkten Einfluß darauf nehmen.

Es handelt sich um einen – von oben besehen- fast H-förmigen Knochen, es erinnert an einen Schlitten, und befindet sich , an Bändern aufgehängt, im Unterkiefer des Pferdes. Von unten ist es zwischen den Unterkieferästen zu ertasten und sollte auch beweglich sein.

http://www.vetanat.uzh.ch/Praeparatorium/Shop/Zungenbein/Zungenbeinpferd-gros.jpg

Ein Video, beim dem alle Teile benannt werden:

Ist es das nicht, kann das verheerende Folgen für das Pferd haben. Ein blockiertes Zungenbein führt zu Taktunreinheiten und sogar Lahmheiten, kann der Grund sein für Anlehungsfehler, Mängel in der Durchlässigkeit, Stellungsfehler, mangelnde Fähigkeit zu Beizäumung und mangelnde Versammlungsfähigkeit. Es kann der Grund für ein plötzliches Abmagern des Pferdes sein, für Koordinationsschwierigkeiten und auch Wesensveränderungen wie Teilnahmslosigkeit oder starkes Abwehrverhalten ( Buckeln, Durchgehen, Steigen).

Wie kommt es, dass die Fehlstellung eines einzelnen Knochens solche massiven Auswirkungen haben kann? Das Zungenbein ist maßgeblich relevant für den Gleichgewichtssinn, als auch die Stabilität. Jeder kennt den Ausdruck: “ Die Zähne zusammenbeißen“- das bedeutet nichts anderes, als die Muskulatur, die das Zungenbein umgibt, anzuspannen, um es in eine stabile Position zu bringen. Trägt man Lasten mit aufeinandergepressten Kiefern, so ist das Tragevermögen deutlich größer. Mit einer Umpositionierung des Zungenbeins wird die gesamte Körperachse verschoben, bei Pferden spricht man in solchen Fällen auch von Zügellahmheit: sobald Druck auf das Zungenbein kommt, verspannt das Pferd die umgebende Muskulatur , es kommt zu dysfunktionalen Bewegungsabläufen und falscher Belastung der Gelenke.

Beim Menschen wissen wir, dass eine Fehlstellung des Zungenbeins für vegetative Beschwerden wie Tinnitus, Schwindel, migräneartige Kopfschmerzen, Seh- und Hörstörungen , Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Gliedmaßen verantwortlich sein kann; es gibt keinen Grund, warum wir nicht annehmen können, dass das Beschwerdebild beim Pferd ähnlich oder deckungsgleich ist. Ebenfalls zu erwähnen sei hier die sogenannte Cranio-Mandibuläre Dysfunktion, die mit einer speziell angepassten Zahnschiene ( „Knirscherschiene“ ) in der Humanmedizin behandelt wird.

Der sogenannte „Polizeigriff“ wird bei renitenten Personen deswegen verwendet, weil bei festgestelltem Zungenbein ein Laufen nahezu unmöglich ist: Probieren Sie es ruhig einmal aus!

Die mit dem Zungenbein verbundene Muskulatur zieht sich durch den Hals bis zum Rücken des Pferdes und findet ihren Ansatz in den Sehen des Vorderbeins. Eine falsche Hufkorrektur oder ein mangelhafter Beschlag können also schon Einfluss auf die Position und frei bewegliche Funktion des Zungenbeins haben. Auch eine ungeschickte Zahnuntersuchung, bei der die Zunge zu stark seitlich aus dem Pferdemaul gezogen wird, kann zu einer Blockade in diesem Bereich führen.

Natürlich hat auch die ungleichmäßige Abnutzung des Gebisses und eventuelle Hakenbildung Einfluss auf die reguläre Position des Zungenbeins, weshalb eine mindestens jährliche Kontrolle jedem Pferdebesitzer Pflicht sein sollte.

Warum also nutzt der Reiter schon seit Jahrtausenden ein Gebiss, um auf diese empfindliche Struktur einzuwirken? Wäre dann konsequentes gebissloses Ausbilden nicht deutlich pferdefreundlicher?

Tief eingebettet in die das Zungenbein umgebende Muskulatur ist ein Hormonpunkt, der direkt und indirekt für das Wohlbefinden verantwortlich ist. Bekommt so manch einer unter Stress “ so einen Hals“, bleibt uns in Prüfungssituationen „die Spucke weg“ oder „ein Kloss im Hals stecken“, so ist all das ein Zeichen für eine Anspannung und/oder Verspannung im Bereich der das Zungenbein umgebenden Muskulatur.

Was lässt ich dagegen tun? Um vom Sympathikusmodus , der für Flucht, Angst und Aggression, sowie allgemeines Unwohlsein verantwortlich ist, wieder zum Parasympathikusmodus zurückzufinden, weiß der Körper sich zu helfen: man gähnt, schluckt, singt, isst oder , bei kleinen Kindern besonders beliebt, lutscht am Schnuller oder Daumen. Schon lockert sich die Muskulatur, Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet, man befindet sich im „Wohlfühlmodus“. Diese Gefühl können wie mit Hilfe eines Gebisses leichter im Pferd erzeugen, wenn wir es denn in der richtigen Art und Weise gebrauchen. Wenn wir es nutzen, um das Pferd mit vorsichtigen Hilfen in der Muskulatur zu lockern, machen wir ihm das Reiten quasi auch hormonell gesehen angenehm .

Das Auslösen des Kau- und Schluckreflexes findet in den Lehren vieler Alter Meister Erwähnung, allen voran Francois Baucher, der sich intensiv mit verschiedenen Abkauübungen beschäftigt hat ( zum Beispiel dem „Cession des Mâchoirs“ , bei dem mit dem Gebiss oder Finger so lange in den Maulwinkel in Richtung Genick eingewirkt wird, bis das Pferd beginnt zu kauen und man es den Kopf danach direkt senken läßt) . Indirekt lässt sich das Zungenbein über eine entsprechende Positionierung des Schädels , auch Stellung genannt, auch gebisslos lockern. Wir sprechen dann vom „descente d`Encolure“, bei dem wir das Pferd am Kappzaum auffordern, auf eine stellende Parade hin den Kopf tief und in eine Stellung zu bringen. Diese Übung findet schon bei Newcastle Erwähnung, der für den Anfang rät, diesen Impuls mit einem Büschel Gras in die Tiefe lockend in der Hand des Reiters zu unterstützen.

Vor allem das in der Pferdeausbildung so wichtige Geraderichten hat mit der korrekten Ausrichtung von Zungenbein zu Unterkiefer, vom Unterkiefer zum Atlaswirbel und durch die Wirbelsäule , „über den Rücken“ , und in umgekehrter Richtung von der Ausrichtung der Hüfte und des tragenden Hinterbeins auf den Unterkiefer des Pferdes einen enormen Einfluss auf das mit zunehmender Versammlung immer fragiler werdende Gleichgewicht und sollte den Reiter in seinem ganzen Tun und Streben bewegen. Bei Xenophon finden wir dazu folgenden Satz: “ Die Schule aber welche „Pede“ ( Zirkel) heißt, ist sehr lobenswert, denn sie gewöhnt ein Pferd daran, sich auf beiden Kinnladen wenden zu lassen. Auch das Wechseln in dieser Schule ist gut, damit beide Kinnladen durch beide Arten der Schule gleich werden.“ Die schon im Kindesalter beim Ponyreiten geübten Volten und Zirkel finden also unter Anderem in der Arbeit mit dem Zungenbein ihre ursprüngliche Bestimmung.

Hier findet sich eine gute Möglichkeit, dem Pferd zu helfen, eine funktionelle Lage des Zungenbeins zu finden ; weitere nützliche Lektionen finden wir in den Seitengängen oder dem Karrée.

Obwohl sprichwörtlich in aller Munde, ist die gesunde Funktion des oft so unbekannten Zungenbeins also maßgeblich für die Skala der Ausbildung des Pferdes und das korrekte Beeinflussen dieses für gesundes Reiten so wichtigen Körperteils sollte stets behutsam und achtsam geschehen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

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Das Reiten ist ein Produkt deiner Gedanken!

So wie es hier Sabine Oettel mit ihrem Jarl zeigt, übten die Teilnehmer ihr Geschick mit dem Florett.

So wie es hier Sabine Oettel mit ihrem Jarl zeigt, übten die Teilnehmer ihr Geschick mit dem Florett.

Unter dieses Zitat frei nach Marc Aurel stelle ich das Seminar von Wolfgang und Christin Krischke, welches in Wendlmuth bei Bad Füssing am 17.5. und 18.05.2014 in der Akademie für Barocke Reitkunst von Sabine Oettel stattfand.

Christin Krischke hielt den theoretischen Teil zu Anfang des Seminars. Sie erklärte und zeigte die Schäden, welche die Pferde durch falsches Reiten bekommen, so wie es zurzeit leider in der „FN-Reiterei“ um sich greift. Ihrer Meinung nach sind es finanzielle Interessen, welche hier ein effektives Eingreifen der Verantwortlichen verhindern. Ich selbst bin mir hier nicht so sicher und berufe mich auf meine Beobachtung: „Siehe keine Verschwörung, wo sich das Ganze durch Dummheit erklären lässt.“ (Danke Holger Klein), doch manchmal beschleicht mich die Vermutung, dass dies eben doch beabsichtig ist, denn so inkompetent kann man gar nicht sein.

Dann führte sie uns durch den Niedergang der Reitkunst, durch die beiden Weltkriege sind alle guten Reiter vernichtet worden. Meiner Meinung nach fing das schon mit der Französischen Revolution und vor allem durch Napoleon an, durch den die französischen Barockpferderassen ausgerottet wurden. Eine Kriegsführung durch Masse statt durch Strategie. Die beiden Weltkriege gaben der letzten noch lebenden Reitkultur den Rest. Wie schade, dass Christin Krischke uns danach aus terminlichen Gründen verlassen musste. Ich hätte so gerne mit ihr darüber diskutiert. Aber das hole ich mit Sicherheit noch nach.

Einer der Schlüsse aus diesem Teil: Hände weg vom Pferdemaul, leicht in der Hand und wie bei allen guten Reitweisen: Der Hals des Pferdes trägt sich aus der Hinterhand und nicht durch die Kraft des Reiters in den Armen.

Wolfgang Krischke übernahm den praktischen Teil. Die Teilnehmer zu Pferd konnten sich wünschen an was sie arbeiten wollten und zeigten, woran sie hängen geblieben sind. Mit sehr viel Fachkenntnis und Erfahrung traf Herr Krischke den Knackpunkt und zeigte ihnen wie sie es besser machen konnten. Die Pferde reagierten sofort, entspannten sich und gingen lässig die Lektionen. Mir hüpft immer das Herz vor Freude, wenn ich sehe, wie sich so ein Knoten in Luft auflöst. Und hierin bestand für mich auch der eigentliche Inhalt des Seminars: die Blockade ist immer im Kopf des Reiters. Wenn man denkt: „Das kann ich nicht.“, dann kann man es nicht. So einfach ist das. Das Pferd kann es, wie wir gesehen haben. Mit Leichtigkeit und Freude gingen sie nun unter ihren Reitern. Ich war beeindruckt.

Dennoch ich musste mich zurückziehen, mir war nicht wohl und es begannen rasende Kopfschmerzen. Wie war das? Alle guten Reiter sind tot? Doch keine Sorge, ich habe überlebt. Die Familie Andraschko versorgte uns – wie immer – mit einfachen, aber wunderbaren Speisen. Warmer Kartoffelsalat. Gibt es was Besseres? Und dann noch ein Stück Sachertorte, selbstgemacht, welche ich zu meinem Geburtstagskuchen erklärte. Diät ist halt doch was doofes, wenn man in Unterzucker kommt.

Nach dem Mahl war alles wieder gut und ich konnte begeistert dem Ritt von Sabine Oettel folgen. Ja, ich gebe Herrn Krischke recht, welcher Lehrer lässt sich sonst noch vor seinen Schülern weiterbilden oder gar korrigieren? Sehr mutig!

„Denke daran, wo du hinwillst, und nicht daran, wo du nicht hinwillst, denn da wirst du enden.“ Eigentlich wissen wir das alle, doch wir vergessen es. In diesem Seminar haben wir die Wirkungen des Denkens in seiner Sekunde des Auftretens gesehen.

Der Höhepunkt war für mich der Nachmittag des zweiten Tages. Das, was so trocken geübt wurde, bekam nun einen Sinn: es wurde mit der Lanze und dem Florett geübt. Die „Feinde“ waren ein Ring und ein Blumenstrauß. „Konzentriere dich auf den Ring, nicht auf das Pferd.“ Herrlich zu sehen, wie die Pferde mitmachten, als sie merkten, um was es ging. Richtige Naturtalente kamen da zum Vorschein. Die Pferde hatten Spaß, dadurch die Reiter und wir Zuschauer auch. Die Anwendung der trockenen Lektionen war ein richtiges Aha-Erlebnis.

Zu schnell war die Zeit um und der Nachmittag vorbei.

Zum Schluss übergab Wolfgang Krischke Sabine Oettel noch ein wundervolles Geschenk: die Übungslanze! Meine Zuschauernachbarin meinte: „Bei anderen hängen Cavalettistangen an der Hallenwand, bei uns sind es jetzt Lanzen!“ – Da kann ich nur sagen: wie geil ist das denn?

Was für wundervolle Trainingstage!

Wolfgang Krischke und Sabine Oettel in einer wohlverdienten Pause.

Wolfgang Krischke und Sabine Oettel in einer wohlverdienten Pause.

 

Links:

Christin und Wolfgang Krischke: http://www.hofreitschule.de/

Sabine Oettel: http://www.akademische-reitkunst.at

Fam. Andraschko http://www.der-barockreiter.de/

 

 

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Rezension: Videokurs „Academic use of the whip“ von Bent Branderup

Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte. Foto: Lotte Lekholm

Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte.
Foto: Lotte Lekholm

Woran erkennt man den akademischen Reiter? Er hält die Gerte so komisch. Und außerdem: kann er sich nicht mal eine richtige leisten und schneidet sich einen Stecken vom Busch ab?

Wie viel ist doch von dem Wissen um die Gerte und ihre Anwendung verloren gegangen. Selbst meine Lehrer kannten diese komplexe Art der Verwendung nicht mehr. Standardgemäß liegt die Dressurgerte auf dem Oberschenkel der inneren Seite der Bahn und wird dort kurz hinter der Ferse ans Pferd getippt, falls das nötig sein sollte. So kennen wir das alle.

Doch die Gerte kann viel mehr. Bent Branderup entführt uns in seinem Video zuerst in die Vergangenheit und erörtert an alten Bildern, wie damals die Gerte angewendet worden ist. Sie unterstütze die primären Hilfen des Sitzes. Dabei wird sie dem Pferd oftmals einfach nur an der richtigen Stelle gezeigt. Das Pferd weiß, was damit gemeint ist. Bent Branderup erklärt dann, wie wir dem Pferd die Bedeutung der Deutungen mit der Gerte lehren. Sie ist einerseits von Boden aus der verlängerte Arm des Ausbilders und kann daher nicht nur die Schenkeleinwirkung vorbereiten, sondern auch die angelegten Zügel, die Position der Schulter bestimmen und, bei Fortgeschrittenen, die Beugung der Hanken. Andererseits ist sie das Bindeglied zwischen Boden- und Handarbeit und dem Reiten. Sie ist die Übersetzerin der Hilfen des Reiters, wenn das junge Pferd den Sitz zu verstehen lernt.

Dazu verdeutlicht Bent Branderup die Ethik der akademischen Reitweise. Mit der Gerte wird niemals geschlagen. Darum ist sie auch aus Holz, der trockene, dürre Stecken bricht beim Schlag sofort – im Gegensatz zu den Kunststoffgerten. Das Pferd gehorcht nicht aus Angst, sondern weil es verstanden hat, was gemeint ist, und weil ihm die Arbeit Freude bereitet.

Wie man so eine Gerte aus Holz selbst herstellen, vom Schneiden bis zum „Geraderichten“, wird anschaulich gezeigt. Ich habe mittlerweile auch so eine kleine Gertensammlung, benutze aber immer noch die erste, welche ich in die Finger bekam. Diese macht an ihrem Ende einen leichten Knick, den ich sehr praktisch finde, um Príncipe im Kruppeherein auf mich zukommen zu lassen. Es macht richtig Spaß, mit verschiedenen Hölzern zu experimentieren. Bent Branderup bevorzugt Obstgehölz, wie er uns erzählt.

Dann bekommt man auch noch Hausaufgaben auf: Fechtübungen. Nein, wir müssen niemanden ins Herz treffen, sondern unsere Körperbeherrschung und das Rhythmusgefühl trainieren. Damit wir nicht nur wissen, was wir dem Pferd mitteilen wollen, sondern es auch mitteilen können.

Für mich war dieser Videolehrgang ein wichtiger Meilenstein um zu verstehen, was mit der Gerte in den anderen Videos und Seminaren, welche ich besuche, gemacht wird. Dahinter ist so viel Wissen verborgen, welches heute einem Reitschüler schon langen nicht mehr gelehrt wird. Daher bezeichne ich ihn als einen der wichtigen Bausteine, um die akademische Reitweise zu verstehen.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 8 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:04h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:
http://www.bentbranderupshop.com/videos/academic-whip.html

Foto:
Lotte Lekholm, https://www.facebook.com/lotte.lekholm

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Meine Geschichte der Pilaren oder: so könnte es gewesen sein.

Auch zu Pluvinels Zeiten wurde für den Schwertkampf zu Pferde ausgebildet.

Auch zu Pluvinels Zeiten wurde für den Schwertkampf zu Pferde ausgebildet.

„Nein, nein, nein, so geht das nicht!“

Die jungen Männer rumpelten mit ihren Pferden zusammen, immer wieder versuchte der eine den anderen irgendwie zu treffen. Das war ein Geziehe und Gezerre, die Pferde wurden schon langsam bockig.

Der Blick des Lehrers schweifte umher und

fiel auf einen pilum – einen Wurfspeer[1]. Diesen nahm er und steckte ihn fest in den Boden.

„So, das ist euer Feind! Reitet vorbei und versucht ihn zu treffen.“

Für den nächsten Tag grub der Lehrer eine festere Stange tief in den Boden ein und steckte auf das obere Ende eine große Rübe.

Die jungen Männer übten nun Schlagen, Wenden, Schlagen, Wenden. Auch viele Jahrhunderte später wurde dieser Bewegungsablauf trainiert, auch trocken, ohne Pilum.

„So und nun umkreist euren Feind!“

„Euer Pferd muss dabei den Feind angucken, sonst könnte ihr doch dabei gar nicht vorwärts zustoßen!“

Und schon wieder begann das Geziehe und Gezerre. Zwei fielen sogar herunter.

Der Lehrer seufzte. „Alle erstmal absteigen!“ Nacheinander nahm er sich die Pferde vor und ließ sie das Pilum an deiner langen Leine umkreisen. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Pferde nach innen sahen. Dies trainierten die Reiter mit ihren Pferden die nächsten Wochen.

Diese neue Art des Kämpfens vom Pferd aus ist nötig, wenn man mit einer festen Waffe, wie Lanze oder Schwert anstatt mit einer „Fliegenden“ wie einem Speer oder Pfeil und Bogen kämpfen will. Auch möchte ich hier nochmal auf den Unterschied des Kampfes mit Lanze und Schwert hinweisen. Die Lanze ist eine Waffe für das Reiten im Galopp am Feind vorbei. Mit dem Schwert oder einer anderen Schlagwaffe sieht das schon anders aus. Hier braucht das Pferd große Beweglichkeit um diese Art zu kämpfen überhaupt zu ermöglichen. Umkreisen, Zustechen, Ausweichen. Aber weiter in unserer Geschichte:

Mittlerweile hat man aus der Longierhilfe einen festen Stamm im Boden gemacht, um den die Pferde ausgebildet wurden. Er war immer noch der Stellvertreter des Anzugreifenden.

„Die Pferde sind immer noch zu unbeweglich. Bis sie gewendet haben, dauert es viel zu lange. Sie müssten einfach sich wie spielende Hengste auf der Hinterhand wenden lassen.“ Der Lehrer nahm sich eines der besseren Tiere und versuchte es auf der Stelle traben zu lassen. Es wich mit der Hinterhand mal zu dieser, mal zu der anderen Seite aus. Also ließ er das Pferd von zwei Schülern halten, links und rechts und stellte noch einen dritten auf die andere Seite der Hinterhand, damit das Pferd nicht dorthin auswich. Das Pferd schien nun auch zu verstehen, was es sollte und trabte langsam vorwärts, während sich der ganze Zug langsam nach vorne bewegte.

„Sehr umständlich!“ Der Lehrer nahm ein zweites Pilum und grub dieses neben dem ersten ebenso tief in den Boden. Das Pferd band er dazwischen fest. Nun konnte er von hinten das Tier korrigieren. Wenn es zur Seite wollte, ließ er ihm mehr Leine, so dass die Pila an der Höhe der Flanken waren. Neben der Einzelstange, gab es für die Gymnastizierung der Pferde nun die Doppelstange, die Pila.

Hier verlassen wir unseren Lehrer und hoffen, dass er ein friedliches Ende fand.

Natürlich ist das nicht in wenigen Monaten entstanden, sondern vielleicht über Jahrhunderte und unser Lehrer, war nicht einer, sondern viele. Die Entwicklung fand wahrscheinlich in vielen Reitervölkern unabhängig von einander statt. Ich bin der Meinung, dass zumindest das Pilum, die Einzelstange, schon sehr alt sein muss, da es eine ideale Trainingsmethode vom Pferd aus für einen Kurzwaffenkampf ist. Und es ist wahrscheinlich wesentlich älter als die in der Fußnote erwähnten Salier, sowie der Wortstamm des Wortes „Pilum“ wesentlich älter ist als das römische Reich. Aus ihm entstanden unter anderem auch das Lehnwort „Pfeil“. „Pilum“ scheint einer der Urwörter für Stange, Stock zu sein und wurde erst später spezialisiert wie bei den Römern zum Wurfspieß.

Das war meine Geschichte, warum die Pilaren „Pilaren“ heißen: das ist ganz einfach aus dem uralten Wort für Stange – pilum. So wenig Zauber ist dahinter, keine Legende, einfach nur eine Beschreibung dessen, was ist.

Kraft und Wendigkeit auf der Stelle.  Aus dem Buch "L'instruction du roy en l'exercice de monter à cheval " von Antoine de la Baume Pluvinel (mit Dank an die Bayerische Staatsbibliothek)

Kraft und Wendigkeit auf der Stelle.
Aus dem Buch „L’instruction du roy en l’exercice de monter à cheval “ von Antoine de la Baume Pluvinel (mit Dank an die Bayerische Staatsbibliothek)

Quellen:
[1]Römische Geburtsriten von Thomas Köves-Zulauf, 175-176:

405 E. Meyer 2,253 Vgl. Probert. 4,1,98-91: geminos…natos…ad patrios sua Pila referre Penatis. Angesichts der sonderbaren Form der „Salierlanzen“, angesichts des Umstande, dass die Salier als Abbild des ältesten römischen Heeres zu gelten haben, liegt es nahe, auch in den Saliern selbst eine Darstellung des Pilumnus populus zu sehen. Zu den Salierlanzen s. U.W.Scholz, Marskultur, 28: „ihr Aussehen entsprach offenbar nicht der später üblichen Lanzenform, es waren Lanzen einer höchst altertümlichen Zeit … Stab aus Holz, welcher sich vielleicht an beiden Enden knaufartig verdickte“ = archaisches pilum.

Bilder:
A. de Pluvinel. L’instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval, 1629

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Mein Tag bei der Finca Montana-Ventoso oder: ich kann’s noch!

Iris Ambros mit Elena. Danke Iris, dass ich dieses wundervolle Pferd reiten durfte.

Iris Ambros mit Elena.
Danke Iris, dass ich dieses wundervolle Pferd reiten durfte.

Zum ersten Mal nach gefühlten 100 Jahren, in Wirklichkeit dürfen es so 6 – 7 Jahre gewesen sein, ritt ich wieder. Lange Krankheit und meinen Squire verpasst, der in der Zwischenzeit untrainiert zu alt zum Reiten geworden ist, ließen mich auf dem Boden bleiben. Er ist nun 33 Jahre alt. Mein Kleiner ist noch zu jung, 3,5 Jahre alt, das Baby. Und mein Gewicht, dass ich durch das Nichtstun bekommen habe, empfinde ich ebenfalls als Handicap. Ich arbeite daran, was für eine Frau meines Alters gar nicht so einfach ist, doch es wird immer besser. Nicht, dass ich schwerer wäre, als ein erwachsener Mann, aber schließlich will man auf dem Pferd wie eine Elfe aussehen und nicht wie ein deplatzierter, gutgenährter Hobbit…

Über Facebook lernte ich Iris Ambros der Finca Montana-Ventoso kennen. Da stand mein Plan gleich schon fest: DAS ist genau das Richtige, um sich nach so langer Zeit wieder auf’s Pferd zu setzen, vor allem weil dort die Voraussetzung am besten war, dass ich und das Pferd uns verstehen. Eine liebe Freundin bot mir natürlich auch an, ihre Pferde mal zu reiten, doch sie ist eine erfolgreiche Springreiterin, und ich würde einfach danach falsch auf ihre Pferde einwirken. Schlecht für die Pferde, schlecht für meine Freundin, schlecht für mich.

So fand ich dann in Iris, dass wir nahezu den selben Pferdeherzschlag haben. Und nach langem Wetterhinundher war es endlich soweit, und ich fuhr recht aufgeregt nach Weissenhaid bei Weissenstadt. (Liebe Unternehmer, falls jemand von Euch das liest, investiert mal in die Gegend, hier findet Ihr die Fachleute, die woanders so dringend gesucht werden.)

Empfangen wurde ich in einem bezaubernden Wohnzimmer, ganz nach meinem Geschmack. Beim Kaffee tauschten wir uns aus und legten die Richtung fest.

Dann ging es in den Stall und „mein“ Pferd wurde gesattelt. Ihr seht es auf dem Foto oben. Hier, liebe Iris, danke ich Dir für das Vertrauen in mich diese wunderschöne und so gut ausgebildete Stute reiten zu dürfen.

Ein Stall voller Schätze

Ein Stall voller Schätze

Sehr sympathisch war, dass wir eine Aufstieghilfe benutzten. Sie hat einfach zu viele Vorteile, um sie nicht zu nutzen. Und noch ein Wort zum Sattel: es war ein Wintec Isabell Werth. Ich bin selten einen Sattel geritten, in dem man so tief und definiert saß. Man sitzt in ihm so, wie man es sich vorstellt, in einem Barocksattel zu sitzen. Nur die Kniepauschen werden wir das nächste mal wegmachen, da Iris Elfe, ich Hobbit.

Und da saß ich also nach langer Zeit wieder auf dem Pferd. Und: mein Körper setzte sich von ganz alleine richtig hin. Ich spürte im Schritt die Bewegungen der Stute, den Schwung des Rückens. Sehr ungewohnt. Ich bin mal gespannt, wie sich Príncipe anfühlen wird. Bin ich doch Vollblutaraber gewohnt.

Iris gab mir keinen Unterricht, sondern ließ mich machen. Es war herrlich. Wendungen, Traversalen in den Grundgangarten, Versammlungen. Ich hatte nichts verlernt, alle meine Stärken waren noch da – und auch die Schwächen, wie angaloppieren aus dem Stand auf der linken Hand. Elena, so heißt das Zaubertier, verstand mich. So konnte ich sogar Piaffe und Passage mit ihr reiten. Wenn etwas nicht klappe, sagte ich Iris, was ich falsch machte, sie gab mir kleine Korrekturen und Verbesserungen.Von unten sah es bestimmt nicht so gut aus, wie es sich von oben anfühlte, und es gibt sicherlich Abzüge in der B-Note, aber das war nicht wichtig. Wichtig war, dass ich mein Selbstgefühl auf dem Pferd nicht verloren hatte, trotz lange Zeit, trotz Gewicht, trotz Unkenrufe.

Doch meine Fitness ist dahin. Man merkt halt einfach, wenn man nicht die richtigen Muskeln trainiert. Auch hier muss ich bis zum Sommer noch einiges tun. Aber ich werde sowieso mit Príncipe langsam anfangen, so trainiere ich uns beide.

Der Tag hielt, was er versprach. Wir saßen danach noch lange zusammen, fachsimpelten dann auch mit Wolfgang Rubner, welcher noch dazukam. Kaffee und Kuchen, Pferdegespräche, was will man mehr?

Zum Schluss stießen wir stilgerecht mit einem Sherry auf den wunderschönen Tag an: ¡Salud

Entspannung ist wichtig.

Entspannung ist wichtig.

 

Links:

https://www.facebook.com/finca.montanaventoso

Wolfgang Rubner,
Weissenhaid 14 A,
95163 Weissenstadt
Tel: 015144510201 oder über Facebook PN  oder wrubner@gmx.net

https://www.facebook.com/groups/1404519049799557/

 

 

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