ANGST

Dieses ist der Artikel 2 von 2 in der Serie Die innere Stärke des Reiters
Harmonie und innere Zufriedenheit bei Mensch und Pferd. Bild aus "Ecole de Cavalerie. (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek

Harmonie und innere Zufriedenheit bei Mensch und Pferd.
Bild aus „Ecole de Cavalerie. (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Eigentlich sollte dies ein Bericht werden über den Kurs mit Paul Dietz, welcher aus den Staaten nach Europa kam und hier Horsmanship im besten Sinne des Wortes unterrichtete. Er ist ein Schüler meines geschätzten Buck Brannaman (das hat so gar nichts mit Parelli zu tun, was man hier in Deutschland immer dazusagen muss) und kam auf Einladung von Karin Thümler auf den Kiesenhof bei Freystadt vom 7. Bis 10. August 2015. Doch, Ihr wisst ja, bei mir wird immer so eine ganz persönliche Sicht und Sache daraus.

Ich buchte den Kurs Monate zuvor, weil ich Príncipe beibringen wollte, sich gelassen zwischen fremden Pferde zu bewegen und auf mich zu hören. Príncipe ist ein nun 5 jähriger P.R.E., Hengst, und in seiner zweiten – schwierigen – Pupertätsphase. An alle, die es nicht wissen: ein Pferd ist erst mit ca. 6,5 Jahren wirklich ausgewachsen. Príncipe ist in den Alter, in dem ein Hengst seine Stellung in seiner Hengstgruppe festigt – das hat nichts mit der Stutenherde zu tun. Wo das steht? Meine Erfahrung aus 42 Jahre Hengsthaltung. Es ist immer das Gleiche. Und so dachte ich mir, dass Paul Dietz und seine Teilnehmer genau die Richtigen sind. Hengste werden im Übrigen ja als Monster angesehen.

Ich kam am Vorabend spät, schon nachts, am Stall an – mit der denkbar schlechtesten seelischen Verfassung. Seit dem Tod meines Mannes gibt es immer ein auf und ab. Und es gab sehr viel Aufregung in letzter Zeit, ich hatte Cortes gekauft. Dazu noch der Kurs, bei dem ich über 4 Tage von zuhause weg war. So dick muss es mir ja keiner nachmachen, aber Ihr kennt solche Zeiten bestimmt auch. Príncipe, dann endlich ausgeladen und in seiner Gastbox, stand natürlich nur noch auf zwei Beinen und versuchte über die Wände zu klettern, der Affe. All die Bedenken, welche die Stallbesitzerin aus schlechter Erfahrung hatte, schienen sich zu bewahrheiten und ich bedanke mich an dieser Stelle für die Geduld und Fürsorge für meinen Schatz. Als ich später im viel zu heißen Hotelzimmer war, nahm ich mir eigentlich vor, am nächsten Tag wieder abzureisen.

Und schon machte es mal wieder „klick“ – in den Ursulamodus geschaltet: das ziehe ich jetzt durch. Geholfen dabei hat mir auch die Unterstützung von Paul Dietz und seiner Frau Christine und die der anderen Teilnehmer. Ich bedanke mich hiermit bei ihnen für die Geduld und die Rücksichtnahme und – die Schokocroissants!

Das waren die Rahmenbedingungen, nun will ich endlich zum Thema kommen:

Am dritten Tag wollte ich Príncipe dann endlich reiten. Zuhause hatten wir geübt, dass ich ihn auch bei Aufregung unter Kontrolle habe und ihn in die Gelassenheit bringe. Ich stand also vor meinem Pferd und wollte aufsteigen – soweit der Plan – und bekam Angst.

Meine Knie wurden weich, die Muskel zittrig. Ich bekam schwer Luft. In meinem Kopf bildete sich das Bild eines explodierenden Pferdes und einer in tausend Teile zerbrochenen Ursula. Christine merkte dies und bot mir Ihre Hilfe an. Ich bat sie, Príncipe zu reiten, was sie nach einem Umsatteln auf einen ihr vertrauten Sattel tat. Príncipe war aufgeregt, aber sie ritten mitten zwischen den anderen Pferden. Und ich? Ich saß mit Tränen auf der Aufsteighilfe. So weit ist es mit mir gekommen. Ich traute mich nicht mein geliebtes Pferd zu reiten.

„Klick“ – Ursulamodus:

Was sagte Buck Brannaman? „Das beste Mittel gegen Angst ist Wissen.“

Also Analyse:

Erst einmal, was ist „Angst“ eigentlich? Zuerst muss zwischen „Angst“ und „Furcht“ unterscheiden. Ich will die Erklärung mit einem Wikipediazitat abkürzen: „Im Gegensatz zur Angst ist die Furcht meist rational begründbar und wirklichkeitsgerecht.“ Angst ist also nur ein Gespenst.

Und damit bin ich schon beim Kern des Problems. Natürlich ist Príncipe ein kraftvoller, junger Hengst, und natürlich bin ich körperlich noch nicht so fit, wie ich es wieder sein will. Und natürlich bin ich keine 20 Jahre alt mehr. All dies ist ein fruchtbarer Boden, denn das sind meine eigenen Bedenken. Sie lösen eine gesunde Furcht aus, welche dann in vorbeugenden Maßnahmen endet: Reithelm, Können des Pferdes, One-rein-stop, Ausrüstung.

Alles gemacht, dennoch diese Angst? Diese Bilder im Kopf? Und schon haben wir es: das sind nicht meine. Es sind fremde, welche nur auf diesen fruchtbaren Boden gefallen sind. Und jeden, den ich in den letzten Jahren um Rat gefragt habe, hat es nur noch schlimmer gemacht. Diese Ratschläge waren sicher gut gemeint, doch bewirkten sie das Gegenteil: „Weißt du, warum du nie wieder so entspannt reiten wirst? Du denkst zu viel, und damit ist das vorbei.“ Aha, ich werde also für immer angstvoll reiten? „Du bist eine tolle Theoretikerin, willst du dir das aber in der Praxis auch zumuten? Da kannst du doch nur verlieren…“ Hä? Sicher kennt Ihr solche Sprüche. Auch sind in letzter Zeit berühmte Reiter tödlich verunglückt, und die Aussage meines Helden „Steige nie aufs Pferd, wenn du ein ungutes Gefühl hast.“ kam ebenfalls erschwerend hinzu.

Weiter in der Analyse:

Wie groß ist die Gefahr denn wirklich? Der Kurs war in eine sehr gepflegten Reithalle, bei welcher die Türen trotz der enormen Hitze geschlossen blieben. Boden weich. Sehr hohe Bande.

Wann bin ich jemals vom Pferd gefallen? Ich erinnere mich in 47 Reitjahren an 4 mal. Nur einmal war es wirklich gefährlich, als ich auf Asphalt gefallen bin. Kein schlechter Schnitt für so viele Jahre.

Was kann ich tun, wenn Príncipe irgendwas Doofes macht? Ich kann den geübten One-rein-stop anwenden, der sowieso zum Kursprogramm gehört. Auch kann ich ihn gegen die Bande lenken und ihn zum Stehen bringen. Ich kann „Notabsteigen“.

Wann fühle ich mit besonders für Angst empfänglich? Das hatte ich an dem 3.Tag gemerkt: wenn mir jemand hilft. Für mich war es schon immer besser, mich mit etwas alleine auseinanderzusetzen. Meinen eigenen Stiefel zu machen, mein eigenes Tempo und Vorgehen.

Was will ich erreichen? Ich will mit Príncipe gelassen und aufmerksam die Übungen machen, welche Paul anweist, um den Pferde eine höhere körperliche Geschicklichkeit zu geben. Dabei soll sich mein Liebling auf mich konzentrieren, und, wie zuhause, Spaß am Lernen haben.

Und außerdem: ich bin ich – unabhängig, eigenständig, ich bestimme mein Leben, und ich lasse mir das doch nicht von so einer Angst verderben. Pferde sind mein Lebensinhalt, darum mache ich doch das ganze berufliche Zeugs. Und MEIN Príncipe gehört zu meinen Lebenstraum, denn ich nun umsetze. MEINS – ENDE.

Am nächsten und letzten Tag des Kurses in meiner Hallenecke ohne fremde Hilfe aufgestiegen und meinen Kleinen ganz einfach mit dem One-rein-stop gelassen gemacht. Wenn er ruhig war, die Übungen mit den anderen mitgemacht. Allerdings auch noch eigene, z. B. auf einen Punkt hin geradeaus zu gehen, was gar nicht so einfach ist, wenn noch Aufregung im Pferd ist. Und folgende Übung haben wir neu gelernt: Rückwärtsrichten (bitte nicht mit dem FN-Rückwärtsrichten verwechseln), so dass die Hinterhand unter dem Pferd ist und daraus einen Schritt mit der Vorderhand seitwärts.

So lange sind wir noch nie an einem Stück geritten, es waren bestimmt 2 Stunden. Doch sollte ich dazu noch sagen, dass beim Kurs viel gestanden wurde, als Paul Themen erklärte. Dies gab den Pferden Gelegenheit, immer über das Gelernte nachzudenken und war zugleich wiederum eine Gelassenheitsübung. Príncipe tut so was immer sehr gut.

Als dann Príncipe völlig in mir und unseren Übungen aufgegangen ist und die anderen Pferde vergessen waren, stieg ich ab. Paul fragte mich, was ich mache, und ich erklärte ihm, dass ich nun den Kurs beende, denn ich habe erreicht, was ich wollte. Es konnte von hier ab nur wieder schlechter werden. Ich nahm meinen Schatz und ging zum Stall.

Die anderen erzählten mir später, dass ihnen Paul gesagt hatte, als er Príncipe sah, wie schön er sich auf mich konzentrierte, er mit vorschlagen wollte aufzuhören, weil es nur wieder schlechter werden konnte. Doch da sah er mich schon absteigen. Wir hatten wohl das gleiche Timing.

In diesen Tagen bekam ich einen großen Teil meiner selbst zurück.

Es würde mich freuen, wenn ich durch die Analyse jemanden helfen konnte, der ebenfalls Angstprobleme hat.

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2 Gedanken zu „ANGST

  1. Liebe Ursula,
    das klingt nach einem ganz ganz tollen Kurs und vielem neu Entdecktem und nach viel Erkenntniss. Ich hatte diese Filme/ Bilder die sich in meinem Kopf abspielten auch eine Zeit lang und kann das recht gut nachfühlen.
    Irgendwie ist das aber seit dem ich Famosa habe wie weggeblasen, irgendwie hat sie mir ein wenig der Unbeschwertheit aus meiner Kindheit zurückgebracht. Das war vom ersten Tag an, aufsteigen daheim sein, „wild“ über Felder „jagen“ wie mit unseren Arabern damals, reiten wird mehr denken als tun.
    Woran das liegt weiß ich nicht, vielleicht ist sie einfach mein Seelenpferd, oder es macht die andere Ausbildung, oder mir liegen Lipizzaner einfach mehr also Hochblütige WBs.
    Bei Famosas Vorgängerin versuchte ich mir meine Angst/ Furcht auch etwas „wegzudenken“ einfach mit der „Was passiert dann „- Frage, so kommt man meist auf einen Kern, der oftmals echt interessant ist, weil nicht mehr viel übrig bleibt, oder man auf einen Punkt kommt der manchmal gar nichts mit der mit den bewußten Gefühlen zu tun hat. Leider war es mir/ uns nicht vergönnt daran weiter zu Arbeiten.
    Nunja jetzt hab ich meine Zuckerschnecke und keine Angst mehr, selbst wenn sie ab und an sehr bunte Ideen hat.

    Liebe Grüße
    Nina

  2. Pingback: Der One-Rein-Stopp | Reit-Kultur

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