Die Poesie des Augenblicks

Lange ist es her, das letzte Branderup-Seminar in Wendlmuth – und jetzt erst der Bericht? Mein Mann starb ein paar Tage später, unvermutet, einfach so, sein geliebtes Herz hörte auf zu schlagen. Nun sitze ich hier und blicke die letzten Monate zurück. Wir beide brauchten den Tod nicht um zu wissen, wie wertvoll der Augenblick ist. So haben wir gelebt und ich bin froh darum, dass wir nie etwas für „später“ aufgeschoben haben.

Unter diesem Eindruck schreibe ich nun einen Bericht über ein Reitseminar. Ein Wort aus dem Seminar klang in mir wider: Poesie. Erreichen wir die Übereinstimmung mit unserem geliebten Pferd, sind keine Hilfen mehr nötig, bilden wir beide eines, dann ist dies Poesie.

Und ist es nicht genau das, was wir in unserem Leben erreichen wollen? Ist das nicht das höchste Gut? Macht dies nicht das Leben so wertvoll, das ja doch nur eine Aneinanderreihung von Augenblicken ist?

Und doch beobachte ich, wie viele sich dieser Möglichkeit durch Ehrgeiz berauben, das Pferd in Unbehagen bringen, damit es eine Figur zeigt. Erreiche ich so Poesie? Nein, niemals. Natürlich kann ich dann sagen, diese Übung kann ich jetzt, abgehakt, nun kommt die nächste dran. Allgemeiner Beifall, ich bin ja so toll.

Die Poesie will reifen. Sie braucht ihre Zeit, wie die Liebe. Poesie ist still, sie bekommt keinen Beifall. Sie ist für sich, für uns, für mich und mein Pferd. Nichts muss bewiesen werden, sie ist jenseits von allgemeiner Anerkennung durch andere, denn letztendlich ist dies Tand.

An was wollen wir uns erinnern? An die Fertigsuppe aus der Tüte oder an die Zwiebelsuppe der Oma, welche sie morgens aufsetzte, den ganzen Tag köcheln ließ und uns abends servierte, wenn wir müde durch die lange Fahrt durch Eis und Schnee endlich an ihrem Haus ankamen um mit ihr Weihnachten zu feiern. Die Betten waren für uns Kinder mit heißen Backsteinen warm gemacht, wir krabbelten unter die Decken in dem kalten Zimmer und kuschelten uns ein. Das war vor achtundvierzig Jahren, und ich weiß es noch wie heute. Wertvolle Augenblicke.

Wir haben die Wahl. Jeder Wein muss reifen, wie unbekömmlich ist das schnelle Hefebrot gegenüber dem aus gereiftem Sauerteig. Ist nicht auch die Zubereitung des Mahls allein schon ein Genuss? Wie sich die Aromen in der Pfanne entwickeln, wenn man Gewürze und Kräuter hinzugibt? Wie armselig macht dagegen die Fertigmischung „Jägersoße“ jedes Gericht und jedes Leben. Wie armselig macht doch die schnelle „Lösung“ einer schwierigen Lektion das Leben mit dem Pferd.

Ich habe vom Kurs noch sehr schöne Fotos, doch ich finde es nicht angemessen, sie in diesen sehr persönlichen Artikel zu setzen. Bent Branderup zeigt den Teilnehmern das Fühlen des Pferdes, seines Schwungs, durch den Sitz. Das ist wie kochen mit Gewürzen. Welche passen zusammen, wie lange lasse ich sie in der blasenwerfenden Butter. Dazu gehören Wissen, Fähigkeit und Gefühl. Diese muss man sich erst erwerben und sie müssen reifen. All das braucht Zeit. Ich habe mich auf diesen Weg eingelassen, und wenn es länger dauert – ja und? Und wenn ich niemals das Essen selber erleben werde, so war doch das Kochen allein ein Genuss. Und wenn ich niemals die hohe Schule über der Erde erreichen werde, so habe ich doch jeden Augenblick der inneren Verbindung mit meinem Pferd bis zum letzten Tropfen ausgekostet. Denn letztendlich zählt nichts anderes als diese Poesie dieser Augenblicke.

 

 

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