Rezension: „Meilensteine österreichischer Reitkunst“ von Werner Poscharnigg

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Isabellfarbener Hengst der kaiserlichen Reitschule J.G. Hamilton ca. 1702 Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Isabellfarbener Hengst der kaiserlichen Reitschule J.G. Hamilton ca. 1702
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Der Titel lässt ein eingeschränktes Thema vermuten, doch dem ist nicht so. Tatsächlich handelt es sich hierbei um die Geschichte der europäischen Reitkunst. Erst am Schluss wird es etwas österreichischer. Doch selbst hier werden Querverweise auf die Entwicklung in Deutschland gezogen.

In der ersten Hälfte des Buches erörtert Dr. Werner Poscharnigg die wichtigsten Meilensteine der Reitkunst in Europa. Er beginnt zwar im 15. Jahrhundert, schlägt aber den Bogen zurück zu Xenophon, um dann im Turniergetümmel der Ritter zu landen. In Wort und Bild wird das Letztere so plastisch geschildert, dass man vermeint dabei zu sein und es hören und riechen zu können. Doch schnell geht die Reise weiter, schon tauchen Pluvinel auf und Guérinière. Beides alte Bekannte. Doch, was ist das? Sägt er da nicht an Guérinières Thron als Erfinder des Schulterherein, so wie es allgemein dargestellt ist? Tatsächlich war es ein anderer, welcher diese Übung zuerst formulierte: Galiberto um 1635. Galiberto? Dann taucht ein Johann Christoph Regner, Edler von Regenthal, auf. Zitat: „Er reite, „ohne dass man die geringste Bewegung seitens des Reiters bemerkt. Das Pferd muss unter ihm in perfekter Einheit und völliger Freiheit arbeiten“… “ und „Es finden sich unter meinem dressierten Pferden viele, die sich fast nach des Reiters Gedanken führen und regieren lassen. Mann sieht keine Zaumzügel angezogen oder angespannt, sondern völlig flattern, als wären sie von nichts gehalten, und dennoch stehen die Pferde in ihrer schönsten Haltung mit dem Kopf perfekt senkrecht.“ So habe ich es damals – vor Ewigkeiten – auch gelernt.

Weiter geht die Reise in die Gegenwart über bekannte und unbekannte Reitmeister. Die schöne Kaiserin Elisabeth reitet tollkühn an uns vorbei. Dann führt uns Poscharnigg in die traurige und nicht ruhmreiche Geschichte der Kavallerie. Doch schon taucht Hoffnung auf am Himmel der Wiener Hofreitschule in Form von Podhajsky, deren Historie uns durch die behandelten Zeiten begleitet.

Angekommen in der Gegenwart gibt es eine Retrospektive unserer Reise auf die Meister am Ende des Buches.

All die bekannten und unbekannten Meister werden nicht nur im Hinblick auf ihre Reitkunst und deren Einfluss besprochen, sondern auch ihr Umgang mit dem Pferd als fühlendes Lebewesen.

Ich hätte gerne noch viel mehr gelesen und gewusst, doch es ist erstaunlich, wieviel Information Poscharnigg in die knapp 200 Seiten verpackt. Für mich als Reitgeschichtsinteressierte ein Schlüsselwerk für weitere Nachforschungen. Die Quellenangaben am Ende des Buches zeichnen den wissenschaftlichen Ansatz des Autors aus.

Somit ist dies Buch nicht nur spannend zu lesen, sondern auch ein Nachschlagewerk und Wegweiser für weitere Forschungen.

„Meilensteine österreichischer Reitkunst“ von Werner Poscharnigg
ISBN-13: 978-1481930093
ISBN-10: 1481930095

Alois Podhajsky 1934 Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alois Podhajsky 1934
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

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6 Gedanken zu „Rezension: „Meilensteine österreichischer Reitkunst“ von Werner Poscharnigg

  1. Schöne Rezension, angenehm zu lesen und lebendig. Ich habe nur bei einem Satz etwas zu kommentieren: wenn man die Quellenangaben durchliest, sieht man eigentlich, dass das Buch nicht besonders wissenschaftlich ist. Mindestens die Hälfte der Quellen sind Wikipedia-Artikeln, dazu noch ohne Datum angegeben. Diese Artikeln können sich ja ständig ändern und niemand kann die Qualität garantieren. Daher würde ich das Buch nicht als wissenschaftlich bezeichnen, sondern als eine populäre Einleitung in ein nicht geforschtes Thema. Man muss auch darauf achten, dass der Autor kein (Kultur)Historiker ist, sondern ein Germanist. Eine wissenschaftliche Kulturgeschichte der europäischen Reitkunst lässt noch auf sich warten.

    • Vielen Dank für das nette Kompliment.
      Von den 525 angegebenen Quellen beziehen sich 23 auf Wikipedia. Ich habe mich sehr gefreut, überhaupt Quellenangaben zu finden, da viele Autoren auf diese arbeitsintensiven Aufzeichnungen der Nachweise ganz verzichten. Daher betone ich im Artikel den wissenschaftlichen Ansatz. Ich selber verstehe das Buch mit seinen Quellen als Hilfe für weitere Forschungen, welche ich gerne verfolge, obwohl ich selbst auch kein Kulturhistoriker bin, sondern Maschinenbauer.

      • Ok, ich sehe, dass ich mich mit der Anzahl von Wikipedia-Artikeln unter Quellen stark geirrt habe. Diese Aussage nehme ich zurück. Man könnte bei den Quellen noch etwas kritisieren, dass manchmal vom heutigen Geschichtsforschungsstand gesehen veraltete und ideologisch geprägte Bücher zitiert geworden sind oder dass der Autor Quellenangaben für Allgemeinwissen gibt, was man normalerweise nicht macht. Aber ich höre jetzt hier auf, bevor ich selbst ein besseres Buch geschrieben habe.

        • „Dear Herr Poscharnigg:
          I bought your wonderful book, Meilensteine Osterreichischer Reitkunst, and it is beautifully written and illustrated. I think that your kind words about my work is heartwarming and read it with great appreciation.
          In my last book, A Rider’s Survival from Tyranny, I pay homage to my wonderful teachers and the great gifts of their knowledge.
          I wish you success with your book and future writings.
          With best wishes, Charles de Kunffy“

          Diese Mail einer großartigen Reiter- und Autorenpersönlichkeit erhielt ich heute. Das tut richtig gut. Weiterhin viel Erfolg mit Deiner tollen Arbeit, liebe Ursula!
          Herzlich,
          Werner Poscharnigg:-)

        • Ich freue mich schon darauf, falls Sie ein Buch über dieses Thema schreiben. Sehr vernachlässigt ist die Geschichte der Reitkunst in Italien und den Deutschländern. Vor allem aus den deutschen Fürstentümern liest man sehr wenig, obwohl es dort ebenso eine Hochzeit der Reitkunst gab, was man aus Bemerkungen aus den damaligen Werken schließen kann.

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