Die Balance – das Alpha und Omega der Pferdeausbildung Teil 1

Dieses ist der Artikel 3 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier

Das „Croupe au Mur“ wurde mit dem geschulten Pferd über vier Hufschläge gearbeitet. Wichtig auch hierbei: das Pferd fußt vorwärts und seitwärts auf. (Johann Elias Ridinger, – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Wenn wir über Balance sprechen, kommt mir immer das Bild eines Seiltänzers in den Sinn. Stets bemüht, die Balance in der Bewegung in jedem Moment neu zu finden, nutzt er Tempo, Takt und Schwung, sowie ein Ausrichten seines Körpers. Je näher er die Beine zusammenbringt, die Arme an den Körper nimmt, desto schwieriger wird es, die Balance zu halten. Schon eine kleine Gewichtsverlagerung kann diesen empfindlichen Zustand stören.

So geht es auch unseren Pferden.

Auf der Suche nach der Balance haben Pferdeausbilder über die Jahrhunderte ausführliche Beobachtungen gemacht und ihre Erfahrungen in bestimmte Bewegungsabläufe umgesetzt, die als besonders förderlich galten, um Balance zu erreichen. Diese Bewegungsabläufe, in denen das Pferd seine Beine in einer bestimmten Weise bewegt, eine bestimmte Rückentätigkeit ausführt, einen bestimmten Schwung entwickelt oder Gelenke in bestimmter Weise beugt und streckt, wurden früher „Schulen“ genannt, wir kennen sie heute unter dem Begriff „Lektionen“.

Niemand hat den Begriff „Schwung“ bisher so treffend beschrieben wie der Oberbereiter der Kavallerieschule Hannover, von Holleuffer. Für ihn ist die Tätigkeit der Wirbelsäule eine Bewegung in drei Dimensionen: vorwärts-rückwärts, hoch-runter und recht-links. Er sagt: „Die Schwingungen sind sichtbar, fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen. […] Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger. Die letzten verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule. („Die Bearbeitung des Reit-und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“, Hannover, 1882).

Wenn wir mit der Pferdeausbildung beginnen, fangen wir zuerst mit der Herstellung des Gleichgewichts in Bewegungsrichtung an. Wir wollen das Pferd sozusagen seitlich stabilisieren. Diesen Prozess nennen wir Geraderichten. Wir bedienen uns dabei den Hilfsmitteln „Stellung“ und „Biegung“, indem wir zuerst Einfluss nehmen auf den Schädel und das Genick, um einen Zugang zu bekommen zur Wirbelsäule des Pferdes. Sehen wir im Verlauf der Wirbelsäule die selbe Tätigkeit wie in der Stellung von Kopf und Genick, so sprechen wir von einer Biegung, bei der sich das Pferd zwar nicht in den Rippen biegt, aber in der Wirbelsäule eine Rotationsbewegung ausführt, die auf der einen Seite zu einer Verlängerung der Linie, auf der anderen Seite zum Verkürzen der Linie führt.

Unser erstes Ziel muss so sein, die Beine des Pferdes seitlich aneinander anzunähern und das sowohl auf der rechten, als auch der linken Hand. Was sich so einfach und logisch anhört, ist eine große Herausforderung, denn ähnlich wie bei uns Menschen, haben auch Pferde eine angeborene Händigkeit. Wenn wir jetzt von ihnen verlangen, gleiche Bewegungsabläufe auf beiden Händen auszuführen, dann ist das so, als wenn man Grundschüler ganz selbstverständlich mal mit der rechten, mal der linken Hand schreiben lassen würde. Was dem Kind schon auf einer Hand schwer genug fällt und viel Übung erfordert, erwarten wir von unseren Pferden ganz selbstverständlich auf beiden Seiten und zwar von Anfang an.

Wir sollten also dem Pferd zuerst vom Boden aus erklären, wie es nun in einer Vorwärts- Seitwärts -Bewegung seine Balance finden kann, wie der Schwung der Wirbelsäule sein soll.

Hierzu dienen uns die Seitengänge Schulterherein (versale Arbeit), Kruppeherein(traversale Arbeit) und Kruppeheraus (renversale Arbeit).

Diese Lektionen helfen dem Pferd, eine gesunde dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule zu erhalten oder wiederherzustellen.

Richtig ausgeführt, werden keine Seitwärts- oder Drehbewegungen in den Gelenken der Beine produziert, weil die Gelenke über ihnen, in der Wirbelsäule des Pferdes, diese Arbeit ausführen. Die Seitengänge dienen dazu, dem Pferde das „Gerade“ zu erleichtern, weil es sich seitwärts balancieren gelernt hat.

Diese Arbeit wurde über Jahrhunderte zuerst mit dem stehenden Pferd in den Pilaren oder an einem Pilaren geübt, bevor man sich traute, die kinetische Energie, die Bewegungsenergie hinzuzufügen. Leider werden heute allzu oft die Seitengänge sofort unter dem Reiter ausprobiert, welcher der mangelnden Balance des Pferdes auch noch sein eigenes Ungleichgewicht hinzufügt. Statt also dem Pferd zu helfen, im Gleichgewicht zu bleiben, wird durch ungeschickte Hilfengebung von Sitz, Schenkel und Hand eine Balance völlig unmöglich (siehe Artikel Zungenbein).

Auch heute kommen wir wieder dahin, die Seitengänge zuerst mit dem stehenden Pferd zu üben, einfach deshalb, weil die Arbeit dem Pferd so effektiv dabei hilft, seine Balance zu finden. Wir nehmen dabei Abstand von den fest installierten Pilaren und arbeiten das Pferd an der Hand. Wir lassen das Pferd im Stand den Brustkorb aus der Hinterhand in versaler und traversaler Richtung heben. Wir beeinflussen das Zungenbein des Pferdes einmal in die eine, dann in die andere Richtung. Wir beeinflussen darüber den damit verbundenen Hüftbeuger (m. Psoas), der die Hinterhand sozusagen „an den Körper heranholt“, der die Hüfte in ihren Bewegungsrichtungen einstellt, der bei der Biegung und somit beim Finden des Gleichgewichts in seitlicher Richtung des Pferdes eine elementare Rolle spielt.

Kommen wir zurück auf unseren Seiltänzer am Anfang, so sehen wir, dass die ersten Schritte ganz ruhig und im Gleichgewicht beginnen mögen, er zum Ende der Seils aber seinem Gleichgewicht immer mehr hinterher läuft- und dabei immer schneller wird. So ist es auch mit vielen Reitpferden, die Runde um Runde immer unbalancierter werden, dafür aber immer schneller unter dem Reiter laufen. Vor allem die Qualität des Galopps leidet enorm unter diesem Umstand.

Neben dem pädagogischen Verständnis für eine Hilfe, die das Pferd durch unsere detaillierte Arbeit gewinnt, wird auch die tiefe Muskulatur aufgebaut, das Pferd gewinnt an Tragkraft. Ähnlich wie bei Techniken wie Pilates, Yoga oder Tai-Chi gewinnt die Qualität unserer Arbeit mit der Langsamkeit, mit dem Ausharren. Dann lassen wir das Pferd antreten, zuerst im Schritt und nicht übereilt. Lieber einige wenige Schritte langsam und richtig, als viele Schritte schnell und falsch. Diese Langsamkeit darf vom Reiter jedoch nicht mit einem „untertourigen“ Arbeiten verwechselt werden, bei dem das Pferd in den Gelenken eher steif wird, als sie in Ruhe beugen und strecken zu können.

Wir trainieren die tiefliegenden Bänder und Muskeln, kräftigen und elastizieren die Faszien, wir machen die Gelenke des Pferdes in alle Richtungen geschmeidig, so dass es den Brustkorb in verschiedene Richtungen heben kann, die Beine nah zueinander bringt und sein Gleichgewicht in einer Vorwärts-Seitwärts-Bewegung findet.

Hier haben wir das erste wichtige Element zum Finden der Balance erarbeitet.

Über das Gleichgewicht in anderen für die Pferdeausbildung wichtigen Richtungen, auch Versammlung genannt, wollen wir im zweiten Teil unserer Beobachtungen zum Thema Balance sprechen.

Fortsetzung folgt.

Renvers (im langen Rahmen) Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

Renvers (im langen Rahmen)
Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

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Die Poesie des Augenblicks

Lange ist es her, das letzte Branderup-Seminar in Wendlmuth – und jetzt erst der Bericht? Mein Mann starb ein paar Tage später, unvermutet, einfach so, sein geliebtes Herz hörte auf zu schlagen. Nun sitze ich hier und blicke die letzten Monate zurück. Wir beide brauchten den Tod nicht um zu wissen, wie wertvoll der Augenblick ist. So haben wir gelebt und ich bin froh darum, dass wir nie etwas für „später“ aufgeschoben haben.

Unter diesem Eindruck schreibe ich nun einen Bericht über ein Reitseminar. Ein Wort aus dem Seminar klang in mir wider: Poesie. Erreichen wir die Übereinstimmung mit unserem geliebten Pferd, sind keine Hilfen mehr nötig, bilden wir beide eines, dann ist dies Poesie.

Und ist es nicht genau das, was wir in unserem Leben erreichen wollen? Ist das nicht das höchste Gut? Macht dies nicht das Leben so wertvoll, das ja doch nur eine Aneinanderreihung von Augenblicken ist?

Und doch beobachte ich, wie viele sich dieser Möglichkeit durch Ehrgeiz berauben, das Pferd in Unbehagen bringen, damit es eine Figur zeigt. Erreiche ich so Poesie? Nein, niemals. Natürlich kann ich dann sagen, diese Übung kann ich jetzt, abgehakt, nun kommt die nächste dran. Allgemeiner Beifall, ich bin ja so toll.

Die Poesie will reifen. Sie braucht ihre Zeit, wie die Liebe. Poesie ist still, sie bekommt keinen Beifall. Sie ist für sich, für uns, für mich und mein Pferd. Nichts muss bewiesen werden, sie ist jenseits von allgemeiner Anerkennung durch andere, denn letztendlich ist dies Tand.

An was wollen wir uns erinnern? An die Fertigsuppe aus der Tüte oder an die Zwiebelsuppe der Oma, welche sie morgens aufsetzte, den ganzen Tag köcheln ließ und uns abends servierte, wenn wir müde durch die lange Fahrt durch Eis und Schnee endlich an ihrem Haus ankamen um mit ihr Weihnachten zu feiern. Die Betten waren für uns Kinder mit heißen Backsteinen warm gemacht, wir krabbelten unter die Decken in dem kalten Zimmer und kuschelten uns ein. Das war vor achtundvierzig Jahren, und ich weiß es noch wie heute. Wertvolle Augenblicke.

Wir haben die Wahl. Jeder Wein muss reifen, wie unbekömmlich ist das schnelle Hefebrot gegenüber dem aus gereiftem Sauerteig. Ist nicht auch die Zubereitung des Mahls allein schon ein Genuss? Wie sich die Aromen in der Pfanne entwickeln, wenn man Gewürze und Kräuter hinzugibt? Wie armselig macht dagegen die Fertigmischung „Jägersoße“ jedes Gericht und jedes Leben. Wie armselig macht doch die schnelle „Lösung“ einer schwierigen Lektion das Leben mit dem Pferd.

Ich habe vom Kurs noch sehr schöne Fotos, doch ich finde es nicht angemessen, sie in diesen sehr persönlichen Artikel zu setzen. Bent Branderup zeigt den Teilnehmern das Fühlen des Pferdes, seines Schwungs, durch den Sitz. Das ist wie kochen mit Gewürzen. Welche passen zusammen, wie lange lasse ich sie in der blasenwerfenden Butter. Dazu gehören Wissen, Fähigkeit und Gefühl. Diese muss man sich erst erwerben und sie müssen reifen. All das braucht Zeit. Ich habe mich auf diesen Weg eingelassen, und wenn es länger dauert – ja und? Und wenn ich niemals das Essen selber erleben werde, so war doch das Kochen allein ein Genuss. Und wenn ich niemals die hohe Schule über der Erde erreichen werde, so habe ich doch jeden Augenblick der inneren Verbindung mit meinem Pferd bis zum letzten Tropfen ausgekostet. Denn letztendlich zählt nichts anderes als diese Poesie dieser Augenblicke.

 

 

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