Das Fasziengewebe – das unbekannte Sinnesorgan

Dieses ist der Artikel 2 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde - dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung. (Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde – dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung.
(Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Riechen, schmecken, hören, sehen, tasten – wer das kann, hat alle Sinne beisammen.

Doch darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Sinn, ein fast unbekanntes Sinnesorgan; größer, im Körper wahrscheinlich wichtiger als Augen, Nase oder Hände: das Fasziengewebe.

Die Faszie, eine Bindegewebsstruktur, die nicht nur jeden Knochen, Muskel, jedes Organ, Gelenk und jeden Nerv umhüllt, trennt, versorgt, ist im gesamten Körper vorhanden und erfüllt eine lebenswichtige Aufgabe. Wir können uns die Faszie als eine wabenförmige, in sich bewegliche Struktur vorstellen, die weder Anfang noch Ende im Körper hat und ihn in seiner Gesamtheit durchzieht. Sie stützt und löst, sie hält und bewegt, sie formt und ermöglicht, sie speichert und gibt frei – sie ist in ihrem Umfang lebenswichtig für jeden Organismus. Wir finden sie in Pflanzen ebenso wie in jedem Tier, ihre Bedeutung wird uns erst in den letzten Jahren immer klarer.

So wie ein Ameisenstaat ob seiner perfekten Abstimmung oftmals als ein Wesen mit vielen Gliedern angesehen wird, kann auch das Fasziengewebe mit seinen Millionen Nervenendungen als ein eigenständiges Organ, ein Sinnesorgan angesehen werden. Mit seiner direkten Verknüpfung mit dem Gehirn und den willkürlichen ( Bewegung),sowie unwillkürlichen ( Atmung, Herzschlag, Verdauung, etc.) Funktionen des Körpers, seiner kompletten Umhüllung von allen Strukturen des Körpers ist es von so großer Wichtigkeit für den gesunden Organismus, dass man es bei plötzlichen Veränderungen des gesundheitlichen Zustands auch immer als ursächlich im Auge behalten sollte.

Die Faszie kann im Körper hauchdünn oder bis zu mehreren Millimetern dick sein, sie wird von der Lymphe versorgt und eine gesunde, funktionale Bewegung des Körpers sorgt dafür, dass das Fasziengewebe beweglich und der Lymphfluss in Gang gehalten wird. In der Lymphflüssigkeit vorhandenes Fibrinogen kann unter bestimmten Umständen zu festem Fibrin werden, welches die Faszie unbeweglich werden lässt und sie verkleben kann. Ursache für solch einen Zustand kann Stress, Verletzungen (z.B. Sturz, Tritt- oder Bissverletzung), chirurgische Eingriffe ( z.B. Kastration) oder falsch erlernte und ausgeführte Bewegungsabläufe sein.

Eine weitere Eigenheit der Faszie ist ihre Fähigkeit, über die ihr innewohnenden Nervenendungen Einfluss auf das vegetative Nervensystem zu nehmen. So wirken sich nicht nur Stress und ein erhöhter Muskeltonus auf die Faszie aus, sondern eine verklebte, nicht mehr physiologisch funktionierende Faszie erzeugt Stresszustände im Körper. Entstandene Traumata können sich in der Faszie, quasi wie auf einer externen Speicherplatte des Computers, festsetzen und zum Teil erst Monate oder Jahre später , wenn eine normale Funktion wiederhergestellt ist, wieder ans Licht kommen – oftmals völlig unerwartet für den Reiter. Buckeln, Steigen, Durchgehen sind manchmal Reaktionen auf schon längst vergangene Erlebnisse, die sich aber erst jetzt lösen konnten – man spricht auch von der „Körpererinnerung“.

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen. (Johann Elias Ridinger, Galop gerade aus Rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen.
(Johann Elias Ridinger, Galop grad aus links – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Neben der psychologischen Bedeutung der Faszie ist ihre Bedeutung für den gesunden Bewegungsapparat des Pferdes nicht zu unterschätzen. Durch ihre Fähigkeit, Nervenimpulse schneller und effektiver als die Nerven an die Muskulatur und die Gelenke weiterzugeben – man stelle sich in etwa den Unterschied zwischen einem Kupferkabel und einem Glasfaserkabel vor – ist die Faszie für das effektive Training des Pferdes also unerlässlich, bzw. sind Störungen ihrer Tätigkeit so schnell wie möglich zu beseitigen und in Zukunft vorzubeugen. Dies kann durch verschiedene manuelle Tätigkeiten, wie z.B. bestimmte TTouches oder ostheotherapeutische Griffe, jedoch auch Tens-Therapie oder physiotherapeutische Behandlungen und Massagen („Black Roll“- Technik) erfolgen, man kann aber auch gezielt mit der Faszie arbeiten. Die in der humanen Sporttherapie neuerdings so wichtige und neudeutsch betitelte „Core“- Arbeit ( Arbeit mit der tiefen Rumpfmuskulatur zur Verbesserung von Haltung und Balance) wird in unserer Arbeit mit dem Pferd maßgeblich mit der Arbeit mit der Schulparade erreicht, die unter anderem das für das Reiten wichtige Faszialgewebe rings um die Wirbelsäule – übrigens der Grund, warum Pferde vom Reiten keinen Bandscheibenvorfall bekommen – und die Bauchfaszie kräftigt.

Verklebungen in der Bauchfaszie, ausgelöst z.B. durch falschen oder übermäßigen Einsatz von Sporn und/oder Schenkel, haben oft fatale Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Pferdes, seine Atmung ist oftmals flach, es kann unter Verdauungsbeschwerden leiden, ist nicht mehr in der Lage, sich zu biegen und kann keine gesunde Rückentätigkeit mehr zeigen. Dieser Zustand wird bei den alten Meistern oft als „Spornstätigkeit“ bezeichnet und, so rät schon Guérinière, darf keinesfalls durch noch mehr Engagement des Reiterbeins, sondern durch vermehrtes lockeres Gehen lassen des Pferdes kuriert werden. Ein erstes äußeres Anzeichen kann fehlendes Fell in der Schenkellage oder aber optisch enger anliegendes Fell in diesem Bereich sein.

Die faszialen Verklebungen, vor allem im Bereich der Gelenke, können einen arthrose- oder gichtartigen Schmerz verursachen, der von einer leichten „Fühligkeit“ bis zur Lahmheit des Pferdes führen kann – und auch das Lösen dieser Verklebungen kann unangenehm und schmerzhaft sein.

Verknotungen im Gewebe, Löcher in der Muskulatur, Atrophien von Muskeln gehen immer auch einher von pathologischen Veränderungen im Faszialgewebe. Diese müssen sorgfältig, langsam und behutsam gelöst werden – auch diesen Rat finden wir in etlichen Werken der alten Meister von Xenophon bis Seunig, die jede Exaltiertheit und plötzliche Bewegung ablehnen, die die Qualität der Bewegung in ihrer Langsamkeit und Formbarkeit sehen, um den maximalen gymnastischen Benefit und den größten Schulungseffekt zu erhalten.

Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight.

Moderne Pilarenarbeit- die Arbeit am stehenden Pferd und in Versammlung Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt „Finn“.

Die optimale Arbeit mit der Faszie schafft uns die moderne Pilarenarbeit, bei der der Mensch an der Hand und später eventuell auch unter dem Sattel mit dem stehenden Pferd arbeitet. En detail und in aller Ruhe werden dem Pferd die Hilfen von Hand, Körper/Sitz, Gerte und Schenkel erklärt, es gibt keine Möglichkeit zu Ausweichbewegungen. So kann schon am stehenden Pferd geübt werden, den Brustkorb schulterhereinartig (versal) oder kruppehereinartig (traversal) aus der Hinterhand zu heben oder aber das Gewicht des Pferdes in Richtung Hankenbeugung (Schulparade) auf die Hinterhand zu verlagern. Hier haben wir die Reitkunst sozusagen auf das Absolute konzentriert, der „Brühwürfel“ der Pferdeausbildung. Diese Methode, ersonnen von Bent Branderup („Akademische Reitkunst- eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter“ Cadmos Verlag, 2013), ist vor allem deswegen so empfehlenswert, weil sie deutlich weniger Gefahrenpotential birgt als das Fixieren des Pferdes in den fest installierten Pilaren.

Im Gegensatz zur traditionellen Arbeit an den oder dem Pilaren haben wir bei dieser Art der Arbeit jederzeit die Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes ins Vorwärts zu lösen, falls das notwendig werden sollte – sie könnten ja auch in diese Richtung verklebt sein.

So sehen wir schon eine andere Möglichkeit, die Faszien rund um die Gelenke, vor allem der Hinterhand und im Schulter-/Widerristbereich zu lösen: Seitengänge wie das Schulterherein, Kruppeherein , Renvers und die Traversale können helfen, den Pferdekörper wieder in den Fluss zu bringen und Schlackenstoffe abzutransportieren, während Sauerstoff und Nährstoffe in Muskulatur und Gelenke transportiert wird.

Der Schulschritt - ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Der Schulschritt – ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Eine weitere Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes zu lösen, ist die Arbeit mit der Piaffe oder dem Schulschritt, bei entsprechender Ausbildung des Pferdes auch der Schulgalopp oder das Terre-à-Terre. Fällt hierbei auf, dass noch Steifheiten vorhanden sind, sollte man dazu zurückgehen, mit den oben beschriebenen Techniken die Faszie rund um das entsprechende Gelenk oder die Muskulatur zu bearbeiten.

So lösen die Seitengänge in eine Richtung, die Schulparade in einer weiteren Weise und die versammelnde Arbeit in Bewegung auf eine andere Art und Weise die Gelenke der Hinterhand des Pferdes, die aufgrund ihrer Bauweise als Motor des Pferdes gelten und dafür sorgen, in funktionaler Weise gearbeitet, dass das Pferd den Reiter auf Dauer gesund und auch bequem tragen kann.

Durch die Fähigkeit der Faszie, Bewegungsenergie zu speichern, nehmen gesunde Faszien den Muskeln einen großen Teil der Belastung ab oder können ihre Kraft um ein Vielfaches verstärken. Dabei gilt: je gleitfähiger sie sind, je höher ihr Anteil an Elastin und je geringer ihr Anteil an dem festen Kollagen, desto größer ihre Fähigkeit, große Kräfte schnell freizusetzen – die Carrière gilt bei Manoel C. de Andrade („Die edle Reitkunst- Luz da liberal e Nobre Arte da Cavalleria“) als die erstrebenswerteste Lektion, die ein geschultes Pferd lernen sollte. Auch die Arbeit mit den Passaden oder letztlich den Schulsprüngen erfordert ein schnelles, kraftvolles Entfalten des Könnens des Pferdes. In der französischen Reittradition finden wir diese körperliche Bereitschaft, die allerdings ebenso einen mentalen Zustand beschreibt, mit dem Begriff „l’Impulsion“ beschrieben – ins Deutsche oft als „Schwungkraft“ übersetzt.

Mit der Zeit wird das Pferd immer mehr auch im Ruhezustand in einer optischen Form sein, die wir ihm mit Hilfe von Muskulatur, vor allem aber der Faszien entsprechend seiner Arbeit gegeben haben. Hier zeigt sich das Können des Reiters: Ist die Form physiologisch? Ist das Pferd an den richtigen Stellen gerundet, an den richtigen Stellen formbar? Sieht es athletisch, fit und kraftvoll aus? Würde man nun nur die Faszien ansehen, könnte man sie aus dem Körper „herausbeamen“, würden wir wieder das von uns geformte Pferd sehen können. Sie sind dafür verantwortlich, welche Form der Körper annimmt, wo er sich streckt, wie die Organe in ihm zu liegen kommen, welche Partien straff und welche locker sind – und das mehr noch als die Muskulatur.

Da alle Faszien im Körper miteinander verbunden sind, ist eine Störung in einem Teilbereich des Körpers immer mit Auswirkungen auf den restlichen Körper verbunden. Man kann nicht einen Teil des Körpers vom anderen trennen, eine Form, die wir dem Pferdehals geben, findet immer ihren Niederschlag im Rücken und der Hinterhand des Pferdes, die Beine müssen entsprechend bewegt werden; Verspannungen oder mit Hilfszügeln erzwungene Haltungen führen zu körperlichem und auch emotionalem Stress – wir arbeiten immer mit dem ganzen Pferd. Ob nun eine Muskelgruppe, der Hals, der Rücken, die Hinterhand oder ein Organ, immer ist der gesamte Körper UND der Geist des Pferdes miteinbezogen, wenn wir arbeiten.

Unter den inneren Organen für die Faszie besonders bedeutend ist die Milz, da sie unter anderem für den Lymphfluss verantwortlich ist. Sie liegt anatomisch gesehen genau unter dem Sitz des Reiters und/oder dem hinteren Ende des Sattels und ist von den Rippen geschützt. Ein nicht passender Sattel oder ungeschickt sitzender Reiter kann zu Wirbelblockaden in diesem Bereich führen, was die Versorgung der Faszien im Körper durch eine gestörte Tätigkeit der Milz beeinträchtigen und behindern kann. Hier sollte neben entsprechender Schulung des Könnens des Reiters auch unbedingt Wert auf passendes Sattelzeug gelegt werden.

Wie wir sehen, ist die Arbeit mit dem Fasziengewebe so umfassend, dass wir jede Gelegenheit nutzen sollten, mit ihr zu arbeiten, um unsere Pferde noch beweglicher, noch geschmeidiger, noch stärker – und noch zufriedener zu machen.

Der Schlüssel hierzu liegt für uns in der Reitkunst, deren verschiedene Lektionen darauf abzielen, das Pferd langfristig gesund zu erhalten – weil die Erfahrung die Alten Meister diese Erkenntnis gelehrt hat.

Stefanie Niggemeier
Barocke Pferdeausbildung

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Links:
Stefanie Niggemeier: http://www.barocke-pferdeausbildung.de/

und wer die Autorin live erleben möchte, zum Beispiel am
12. Oktober Kurs „Schulparade“
26. Oktober Kurs „Moderne Pilarenarbeit“
http://www.barocke-pferdeausbildung.de/termine.html

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Alte italienische und französische Gewaltreiterei?

Mal eine Zwischenbemerkung.

Grisone-1558-1355  F. Grisone. Ordini di cavalcare, 1558 Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek

Grisone-1558-1355
F. Grisone. Ordini di cavalcare, 1558
Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek

Gerade recherchiere ich für meinen neuen Artikel. Dabei sind mir die Aussagen von Wikipedia – welche ich auch schon in Büchern gelesen habe – über den Weg gelaufen:

„Giovanni Pignatelli (* etwa 1540; † etwa 1600) war Reitmeister und Nachfolger von Federigo Griso, genannt Grisone, an der 1532 gegründeten und damals in Westeuropa einflussreichen Neapolitanischen Reitschule; nach ihm ist die von ihm verwendete extrem scharfe und schwere Kandare, Pignatelle, benannt, die das Pferd zu ständiger Beizäumung zwang.“ Wikipedia, Stand 14.8.14

Die Kandarenbäume waren damals so lang, damit sie, wenn der Reiter vom Gegner nach hinten gestoßen wurde, an der Brust aufsetzen und somit ein Brechen des Unterkiefers verhindert wird. Die Bäume waren miteinander verbunden, damit sie nicht auseinander gespreizt werden und sauber aufliegen konnten. Die Pferde waren damals anders gebaut als die heutigen Warmblüter. Bei diesen wendet man wirklich heutzutage Gewalt an, um offensichtlich die Kandarenbäume an die Brust zu ziehen, siehe „Rollkur“.

Oftmals wurden die Kandaren damals nicht nur mit Garnitur zum Spielen mit der Zunge versehen, sondern auch mit Honig oder Gewürzen. Allein daran kann man sehen, dass die natürlichen Funktionen des Mauls aufrechterhalten werden sollten. Das Pferd konnte nicht nur, sondern sollte sogar auch die Zunge bewegen. Seit dem wundervollen Artikel hier von Stefanie Niggemeier: http://www.reit-kultur.de/?p=472 wissen wir, wie wichtig das für das Pferd und das gute Reiten ist. Auch die Funktion des Schluckens konnte ausgeführt werden. Jeder, der seinem Pferd ein Leckerli mit einem Gebiss im Maul gibt, weiß das dies tatsächlich geht.

Und wie sieht es heute aus? Ich wette um eine Pizza, dass in 80 % aller Fälle in FN-Reitställen, der Nasenriemen so eng geschnallt ist und zugleich die Zunge des Pferdes durch die ach so milde Trense so sehr durch die falsch verstandene Anlehnung gequetscht wird, dass das Pferd weder die Zunge bewegen, geschweige denn schlucken kann. Es gibt ganze Universitätsstudien und Forschungsbericht darüber, dass dies am Gebiss alleine liegt. Nein, Reiter, das liegt ausschließlich an Euch!

Darin liegt auch der Irrtum über die alten Meister: es wird von der heutigen Handhabung der Kandare ausgegangen. Mit Sicherheit gab es, ebenso wie heute, sehr unschöne Szenen in der Reiterei. Dennoch, ein heutiger Reiter ist mit einer solchen Kandare wie ein Affe mit einem Rasiermesser, die alten Meister waren es nicht. Man soll nie anderen unterstellen, was man selber machen würde.

Ausschnitt: L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval

Ausschnitt:
A. de Pluvinel, L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval 1629

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Das Pferd muss die Lösung selbst finden.

Michaela Lieblein mit Sirius, ihrem 18 Jahre alten Hannoveraner. Seit über zwei Jahren sehe ich nun dieses Paar, welches Schüler bei Sabine Oettel sind. Welch eine unglaubliche Wandlung in dieser Zeit - und Wolfgang Krischke brachte sie zum Strahlen.

Michaela Lieblein mit Sirius, ihrem 18 Jahre alten Hannoveraner.
Seit über zwei Jahren sehe ich nun dieses Paar, welches Schüler bei Sabine Oettel ist. Welch eine unglaubliche Wandlung in dieser Zeit von beiden – und Wolfgang Krischke brachte sie zum Strahlen.

Dies war für uns das Motto des Kurses vom 2. und 3. August 2014 mit Wolfgang Krischke von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg zu dem Sabine Oettel, Meisterin der akademischen Reitkunst, einlud. Wieder versammelten sich die Lernenden mit und ohne Pferd in Wendlmuth, besser: im Waffengarten von Wendlmuth. Aber dazu mehr später.

Mit unnachahmlicher Geduld ging Wolfgang Krischke auf die Wünsche der Teilnehmer ein. Zuvor beurteilte er das Reiter-Pferd-Paar und sah mit einem Blick, wo das Problem sitzt, sei es sozusagen eine mentale Blockade, sei es aber auch einfach nur die Handhaltung oder auch der Sitz. Das Pferd spiegelt dabei den Reiter wider, denn das Pferd kann das alles, wie wir gesehen haben. Kaum hat der Reiter sein Problem im Griff, macht das Pferd alles richtig. Das sollte man sich immer bewusst machen. Nachdem dies geregelt war, ging es ans Neue. Mehrere Teilnehmer wollten gern mit ihren Pferden das Piaffieren lernen. Hier zeigte sich Wolfgang Krischke in seiner Genialität des richtigen Timings. In dem Moment, in dem das Pferd den richtigen Lösungsansatz zeigt: nachgeben, entspannen, loben. Ich habe den Eindruck, dass dies das Selbstvertrauen der Pferde stärkt, obwohl der Weg dahin für das Tier sehr aufregend ist. Fehlversuche werden einfach ignoriert und gelassen hingenommen. Gelassenheit seitens des Lehrers ist hierfür meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung. Die Pferde wurden in diesem Kurs zu aktiven Kursteilnehmern und nicht nur zum Werkzeug. Sie fanden die Lösung und zeigten die ersten Ansätze einer schön gesetzten Piaffe.

Hier sucht Sirius noch nach der Lösung. Die Beinfolge stimmt noch nicht für die Piaffe. Doch mal sieht hier besonders schön seine Entwicklung, Das ehemalige, eckige Springpferd wurde rund und zeigt eine wundervolle Hankenbeugung. Man beachte seinen Gesichtsausdruck, er ist ganz bei der Sache.

Hier sucht Sirius noch nach der Lösung. Die Beinfolge stimmt noch nicht für die Piaffe. Doch man sieht hier besonders schön seine Entwicklung, das ehemalige, eckige Springpferd wurde rund und zeigt eine wundervolle Hankenbeugung. Man beachte seinen Gesichtsausdruck, er ist ganz bei der Sache.

Das Zweite, was ich aus diesem Kurs mitnahm, ist die Beschäftigung mit der Fillis-Zügelführung. James Fillis (1834-1913) war ein Schüler Bauchers. Mir selbst gefällt es nicht, wie er auf dem berühmten Foto von ihm zu Pferd sitzt (Spohr sitzt ganz ähnlich), dennoch hat mir Wolfgang Krischke einen Weg für mich und Príncipe gezeigt, welchen ich die nächsten Tage ausprobieren will. Bei der Zügelführung nach Fillis wird beidhändig geritten, die rechten Zügel in die rechte Hand, die Linken in die Linke. Dabei wird der Zügel von Caveçon/Trense über den Zeigefinger durch die Hand nach unten geführt, der Kandarenzügel kommt von unter dem kleinen Finger entgegensetzt nach oben raus. Damit kann sehr leicht nur das Caveçon oder die Kandare allein angesprochen werden, oder beide zugleich. Mit dem Caveçon kann man den Kopf des Pferdes wieder hochnehmen, wenn dieser zu tief ist, mit der Kandare runter. Geht das Pferd in Selbsthaltung, so ist keine Einwirkung nötig. [Anmerkung: An dieser Stelle will ich eindringlich darauf hinweisen, dass es bei dieser Reiterei Ziel ist, mit sozusagen durchhängendem Zügel zu reiten, in Selbsthaltung des Pferdes. Diese zweihändige Zügelführung hat so überhaupt nichts mit der heutigen – falsch verstandenen Art – der „Anlehnung“ zu tun. Es wird keine Kraft in der Zügelhand, so wie es heutzutage üblich ist, angewendet. Und noch ein Unterschied zur heutigen Fahrradlenkstangenart: Das

Lehrer und Schüler, Wolfgang Krischke, Michaela Lieblein und Sirius

Lehrer und Schüler, Wolfgang Krischke, Michaela Lieblein und Sirius

Pferd wird nicht im Maul gelenkt, sondern mit den Zügeln am Hals.] Gerade für ein junges Pferd, welches die Grundhilfen des Reiters noch lernt, kann daher diese Art der Zügelführung einfacher zu verstehen sein. Ich hatte sie bisher verworfen, weil ich, einfach gesagt, kein Baucherist bin. Doch Wolfgang Krischke hat mich in diesem Kurs von der Zweckmäßigkeit dieser Führung überzeugt. Mal sehen, was Príncipe dazu sagt.

Im Theorieteil wurde auf die Fragen der teilnehmenden Reiter eingegangen. Ein hochinteressanter Blickwinkel, denn wir als Zuschauer sehen ähnlich wie der Lehrer von außen. Das Reitgefühl der Reiter kann da natürlich nicht vermittelt werden. Dies nun auch aus Reiterperspektive zu hören, erklärte manches noch eindringlicher.

Die Familie Andraschko, die Hausherren der wunderschönen Anlage, versorgte uns, unter anderem mit fantastischem Kuchen, Kaffee und Bratwürstchen. Und ich nehme an, dass die Utensilien für den Waffengarten von Herrn Andraschko gebaut wurden.

Der Waffengarten. Am Ende der beiden Tage ging es dann endlich in den Waffengarten. Er wurde in der Halle aufgebaut, zwei Stelen mit je einem Blumenstrauß oben eingesteckt und ein Galgen, der geschickterweise an der Hallenwand befestigt war, damit kein Ständer in der Halle und damit den Pferden im Weg steht. Alle Reiter nahmen daran natürlich teil. Zuerst die Stichwaffe (Florett/Degen?), es wurde ein Blumenstrauß aus einer Säule durchbohrt und gehoben, dann die Lanze, welche durch einen Ring gestoßen wurde, um diesen vom Galgen zu holen. Es war fantastisch zu sehen, wie es bei den Pferden „Klick“ machte. Todesmutig hielt Herr Krischke dann, nach einigen Übungsläufen, beim Abschlusslauf durch den gesamten Garten den auf ihn zu galoppierende  Reitern die einzelnen Waffen zum Aufnehmen  hin. Reiter und Pferd sind zu einer Einheit geworden, welche ein gemeinsames Ziel haben. AAATTTAAACCCKKKKKEEEEEE!

Ach wie schnell waren doch die Tage schon wieder vorbei.

 

Michaela und Sirius auf dem Weg zum Kriegspferd.

Michaela und Sirius auf dem Weg zum Kriegspferd.

Alle Fotos: Oliver Oettel – Danke dafür!

Links:

Wolfgang Krischke: http://www.hofreitschule.de/

Sabine Oettel: http://www.akademische-reitkunst.at

Familie Andraschko: http://www.pferdesportartikel-andraschko.de/

https://www.facebook.com/pages/Sabine-Oettel-Akademische-Reitkunst/340448562678208?ref=ts&fref=ts

 

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¡Salud! Garrocha

Claudia Nitzinger mit Tschaklin - dem Knappstruber von Wolfgang Rubner. Das "Üben" sieht doch schon richtig gut aus, nicht wahr?

Claudia Nitzinger mit Tschaklin – dem Knabstrupper von Wolfgang Rubner. Olé Claudia!

Ein Wochenendkurs auf der Finca Montana Ventoso, welche von Iris Ambros und Wolfgang Rubner geführt wird.

Um mich weiter zu üben und wieder richtig ins Reiten reinzukommen, durfte ich ein Wochenende mit der hinreißenden Elena verbringen, Ihr seht sie unten im Bild. Doch mein Trainingszustand ist schlechter, als ich befürchtet hatte. Ich habe mir durch meine vielen Operationen eine Schonhaltung der Bauchmuskulatur angewöhnt, letztere ich zurzeit heftig aufbaue.

Darum geht dieser Artikel über Interessanteres als meine Bemühungen, nämlich:

¡Salud! Garrocha

Meine Mitteilnehmerin Claudia Nitzinger übte sich unter Anleitung von Wolfgang Rubner in der Führung der Garrocha. In diesem haben wir einen echten Meister vor uns, welcher mit spielender Leichtigkeit die Stange handhabt, so dass Reiter und Pferd uns einen spanischen Tanz zeigen. Die Garrocha ist eine lange Stange zum Rinderhüten und wird ausschließlich mit der rechten Hand geführt, die Linke darf sie noch nicht einmal berühren.

Zuerst ging es langsam im Schritt um die Bewegungsabläufe einzuüben. Das Umgreifen ist der Knackpunkt, wenn die Garrocha sich sozusagen über den Kopf hinweg dreht. Claudia ritt den edlen Tschaklin, ein Knabstrupper und Routinier an der Garrocha. Immer wieder drehen, umgreifen, drehen. Dabei werden mit der linken Hand die Zügel einhändig geführt. Auch sehr schwierig für jemanden, der dies nicht gewohnt ist. Die zweihändige Zügelführung ist nach der Anfangsphase der Pferdeausbildung eine moderne Erfindung. Alle Arbeiter zu Pferd reiten ausschließlich einhändig. Mit der rechten Hand wird dann das Arbeitsgerät geführt, sei es nun das Lasso, das Schwert, die Lanze oder, wie an diesem Wochenende, die Garrocha.

Ich ritt Elena und wir wollten das Angaloppieren üben, eine meiner Schwächen bei fremden Pferden. Mit meinen Arabern war das nie ein Problem, ich musste nur „Galopp“ denken und sie galoppierten an, auch aus dem Stand. So richtig überlegte und vorbereitete Galopphilfen zum richtigen Zeitpunkt waren daher nie nötig. Wenn ich auf einem fremden Pferd sitze, versuche ich – weiß der Geier, woher ich das habe – das Pferd mit dem Kreuz anzuschieben. Das war unser Thema in diesem Kurs. Ich musste mich mehr entspannen, nicht so viel nachdenken und einfach machen. Und noch etwas merkte ich sehr: wenn ich Zuschauer habe, bin ich nicht ich selbst. Eine beruflich erfolgreiche Frau, mitten im Leben, welche Unternehmern sagt, wie sie ihre Firma besser führen können und ihre Prozesse in den Griff bekommen, damit alles viele einfacher und leichter wird, wird in ihren Hilfen auf dem Pferd unsicher, wenn Zuschauer da sind. Also daran muss ich wirklich noch arbeiten. Nichtsdestotrotz hat mich Wolfgang Rubner mit einer Engelsgeduld bei den Galopphilfen auf den richtigen Weg gebracht – die Geduld von Elena nicht zu vergessen.

Seufzend sah ich dann also Claudia zu, wie sie mit jedem Male besser und besser wurde. Schon bald machten sie und Tschaklin das Ganze in Galopp. Das sah dann schon mal sehr gut aus. Sie dreht und wendete ihr Pferd im Galopp unter der Garrocha hinweg. Das ist gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass die Garrocha auch schon Profis vom Sattel gehebelt hat. Wolfgang Rubner erzählte da so einiges aus dem Nähkästchen. Also lieber die Stange fallen lassen, bevor man selber fällt. Der Kurs war gespickt mit Tipps und Tricks. Claudia bekam so viel Rüstzeug mit, dass sie später zuhause mit ihren eigenen Pferden weitermachen konnte. Es war spannend, dies auf Facebook zu verfolgen.

Natürlich wurde auch für das leibliche Wohl gesorgt – es gab sogar Kuchen ohne Kalorien! Am Sonntag wurde gegrillt. Schade, die Zeit ging viel zu schnell vorbei.

Ich freue mich, wenn ich dann so weit bin mit der Garrocha zu üben, doch diesmal ging ich mit einem Muskelkater nach Hause – das sind dann meine Hausaufgaben, Muskelaufbau, alte Angewohnheiten ablegen, Gelassenheit vor Zuschauern.

Meine Wenigkeit und Elena. Fix und fertig bin ich - aber glücklich.

Meine Wenigkeit und Elena. Fix und fertig bin ich – aber glücklich.

Links:
https://www.facebook.com/finca.montanaventoso

 

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