Das Reiten ist ein Produkt deiner Gedanken!

So wie es hier Sabine Oettel mit ihrem Jarl zeigt, übten die Teilnehmer ihr Geschick mit dem Florett.

So wie es hier Sabine Oettel mit ihrem Jarl zeigt, übten die Teilnehmer ihr Geschick mit dem Florett.

Unter dieses Zitat frei nach Marc Aurel stelle ich das Seminar von Wolfgang und Christin Krischke, welches in Wendlmuth bei Bad Füssing am 17.5. und 18.05.2014 in der Akademie für Barocke Reitkunst von Sabine Oettel stattfand.

Christin Krischke hielt den theoretischen Teil zu Anfang des Seminars. Sie erklärte und zeigte die Schäden, welche die Pferde durch falsches Reiten bekommen, so wie es zurzeit leider in der „FN-Reiterei“ um sich greift. Ihrer Meinung nach sind es finanzielle Interessen, welche hier ein effektives Eingreifen der Verantwortlichen verhindern. Ich selbst bin mir hier nicht so sicher und berufe mich auf meine Beobachtung: „Siehe keine Verschwörung, wo sich das Ganze durch Dummheit erklären lässt.“ (Danke Holger Klein), doch manchmal beschleicht mich die Vermutung, dass dies eben doch beabsichtig ist, denn so inkompetent kann man gar nicht sein.

Dann führte sie uns durch den Niedergang der Reitkunst, durch die beiden Weltkriege sind alle guten Reiter vernichtet worden. Meiner Meinung nach fing das schon mit der Französischen Revolution und vor allem durch Napoleon an, durch den die französischen Barockpferderassen ausgerottet wurden. Eine Kriegsführung durch Masse statt durch Strategie. Die beiden Weltkriege gaben der letzten noch lebenden Reitkultur den Rest. Wie schade, dass Christin Krischke uns danach aus terminlichen Gründen verlassen musste. Ich hätte so gerne mit ihr darüber diskutiert. Aber das hole ich mit Sicherheit noch nach.

Einer der Schlüsse aus diesem Teil: Hände weg vom Pferdemaul, leicht in der Hand und wie bei allen guten Reitweisen: Der Hals des Pferdes trägt sich aus der Hinterhand und nicht durch die Kraft des Reiters in den Armen.

Wolfgang Krischke übernahm den praktischen Teil. Die Teilnehmer zu Pferd konnten sich wünschen an was sie arbeiten wollten und zeigten, woran sie hängen geblieben sind. Mit sehr viel Fachkenntnis und Erfahrung traf Herr Krischke den Knackpunkt und zeigte ihnen wie sie es besser machen konnten. Die Pferde reagierten sofort, entspannten sich und gingen lässig die Lektionen. Mir hüpft immer das Herz vor Freude, wenn ich sehe, wie sich so ein Knoten in Luft auflöst. Und hierin bestand für mich auch der eigentliche Inhalt des Seminars: die Blockade ist immer im Kopf des Reiters. Wenn man denkt: „Das kann ich nicht.“, dann kann man es nicht. So einfach ist das. Das Pferd kann es, wie wir gesehen haben. Mit Leichtigkeit und Freude gingen sie nun unter ihren Reitern. Ich war beeindruckt.

Dennoch ich musste mich zurückziehen, mir war nicht wohl und es begannen rasende Kopfschmerzen. Wie war das? Alle guten Reiter sind tot? Doch keine Sorge, ich habe überlebt. Die Familie Andraschko versorgte uns – wie immer – mit einfachen, aber wunderbaren Speisen. Warmer Kartoffelsalat. Gibt es was Besseres? Und dann noch ein Stück Sachertorte, selbstgemacht, welche ich zu meinem Geburtstagskuchen erklärte. Diät ist halt doch was doofes, wenn man in Unterzucker kommt.

Nach dem Mahl war alles wieder gut und ich konnte begeistert dem Ritt von Sabine Oettel folgen. Ja, ich gebe Herrn Krischke recht, welcher Lehrer lässt sich sonst noch vor seinen Schülern weiterbilden oder gar korrigieren? Sehr mutig!

„Denke daran, wo du hinwillst, und nicht daran, wo du nicht hinwillst, denn da wirst du enden.“ Eigentlich wissen wir das alle, doch wir vergessen es. In diesem Seminar haben wir die Wirkungen des Denkens in seiner Sekunde des Auftretens gesehen.

Der Höhepunkt war für mich der Nachmittag des zweiten Tages. Das, was so trocken geübt wurde, bekam nun einen Sinn: es wurde mit der Lanze und dem Florett geübt. Die „Feinde“ waren ein Ring und ein Blumenstrauß. „Konzentriere dich auf den Ring, nicht auf das Pferd.“ Herrlich zu sehen, wie die Pferde mitmachten, als sie merkten, um was es ging. Richtige Naturtalente kamen da zum Vorschein. Die Pferde hatten Spaß, dadurch die Reiter und wir Zuschauer auch. Die Anwendung der trockenen Lektionen war ein richtiges Aha-Erlebnis.

Zu schnell war die Zeit um und der Nachmittag vorbei.

Zum Schluss übergab Wolfgang Krischke Sabine Oettel noch ein wundervolles Geschenk: die Übungslanze! Meine Zuschauernachbarin meinte: „Bei anderen hängen Cavalettistangen an der Hallenwand, bei uns sind es jetzt Lanzen!“ – Da kann ich nur sagen: wie geil ist das denn?

Was für wundervolle Trainingstage!

Wolfgang Krischke und Sabine Oettel in einer wohlverdienten Pause.

Wolfgang Krischke und Sabine Oettel in einer wohlverdienten Pause.

 

Links:

Christin und Wolfgang Krischke: http://www.hofreitschule.de/

Sabine Oettel: http://www.akademische-reitkunst.at

Fam. Andraschko http://www.der-barockreiter.de/

 

 

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Rezension: Videokurs „Academic use of the whip“ von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 7 von 8 in der Serie Rezensionen
Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte. Foto: Lotte Lekholm

Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte.
Foto: Lotte Lekholm

Woran erkennt man den akademischen Reiter? Er hält die Gerte so komisch. Und außerdem: kann er sich nicht mal eine richtige leisten und schneidet sich einen Stecken vom Busch ab?

Wie viel ist doch von dem Wissen um die Gerte und ihre Anwendung verloren gegangen. Selbst meine Lehrer kannten diese komplexe Art der Verwendung nicht mehr. Standardgemäß liegt die Dressurgerte auf dem Oberschenkel der inneren Seite der Bahn und wird dort kurz hinter der Ferse ans Pferd getippt, falls das nötig sein sollte. So kennen wir das alle.

Doch die Gerte kann viel mehr. Bent Branderup entführt uns in seinem Video zuerst in die Vergangenheit und erörtert an alten Bildern, wie damals die Gerte angewendet worden ist. Sie unterstütze die primären Hilfen des Sitzes. Dabei wird sie dem Pferd oftmals einfach nur an der richtigen Stelle gezeigt. Das Pferd weiß, was damit gemeint ist. Bent Branderup erklärt dann, wie wir dem Pferd die Bedeutung der Deutungen mit der Gerte lehren. Sie ist einerseits von Boden aus der verlängerte Arm des Ausbilders und kann daher nicht nur die Schenkeleinwirkung vorbereiten, sondern auch die angelegten Zügel, die Position der Schulter bestimmen und, bei Fortgeschrittenen, die Beugung der Hanken. Andererseits ist sie das Bindeglied zwischen Boden- und Handarbeit und dem Reiten. Sie ist die Übersetzerin der Hilfen des Reiters, wenn das junge Pferd den Sitz zu verstehen lernt.

Dazu verdeutlicht Bent Branderup die Ethik der akademischen Reitweise. Mit der Gerte wird niemals geschlagen. Darum ist sie auch aus Holz, der trockene, dürre Stecken bricht beim Schlag sofort – im Gegensatz zu den Kunststoffgerten. Das Pferd gehorcht nicht aus Angst, sondern weil es verstanden hat, was gemeint ist, und weil ihm die Arbeit Freude bereitet.

Wie man so eine Gerte aus Holz selbst herstellen, vom Schneiden bis zum „Geraderichten“, wird anschaulich gezeigt. Ich habe mittlerweile auch so eine kleine Gertensammlung, benutze aber immer noch die erste, welche ich in die Finger bekam. Diese macht an ihrem Ende einen leichten Knick, den ich sehr praktisch finde, um Príncipe im Kruppeherein auf mich zukommen zu lassen. Es macht richtig Spaß, mit verschiedenen Hölzern zu experimentieren. Bent Branderup bevorzugt Obstgehölz, wie er uns erzählt.

Dann bekommt man auch noch Hausaufgaben auf: Fechtübungen. Nein, wir müssen niemanden ins Herz treffen, sondern unsere Körperbeherrschung und das Rhythmusgefühl trainieren. Damit wir nicht nur wissen, was wir dem Pferd mitteilen wollen, sondern es auch mitteilen können.

Für mich war dieser Videolehrgang ein wichtiger Meilenstein um zu verstehen, was mit der Gerte in den anderen Videos und Seminaren, welche ich besuche, gemacht wird. Dahinter ist so viel Wissen verborgen, welches heute einem Reitschüler schon langen nicht mehr gelehrt wird. Daher bezeichne ich ihn als einen der wichtigen Bausteine, um die akademische Reitweise zu verstehen.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 8 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:04h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:
http://www.bentbranderupshop.com/videos/academic-whip.html

Foto:
Lotte Lekholm, https://www.facebook.com/lotte.lekholm

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