Der erste Spaziergang

Verwackelt aber glücklich, unterwegs aus der Hüfte geschossen mit meinem iPhone.

Verwackelt aber glücklich, unterwegs aus der Hüfte geschossen mit meinem iPhone.

Heute Morgen die übliche Routine: um 6 Uhr die Hengste reinholen zum Fressen. Ich füttere sie im Stall, dann hat Squire mit seinen 32 Jahren genug Zeit, in Ruhe sein Futter zu sich zu nehmen. Príncipe braucht bei weitem nicht so lange zum Fressen, daher haben wir es uns in den letzten Wochen zur Gewohnheit gemacht, etwas auf dem Reitplatz zu üben, während Squire noch frisst. Doch irgendwie hatten wir dazu heute beide keine Lust. Gestern Abend hatte ich schon geplant, zum ersten Mal richtig raus zu gehen.

Also gingen wir los, so wie wir waren. Er trug seine Serreta und ich noch mein „Zeigestab“, eine lange recht steife Dressurgerte.

Ich mag die Serreta, obwohl sie von vielen als „scharfes Mittel“ verschrien ist. Ihr großer Vorteil ist, dass sie nicht verrutscht. Normalerweise gibt man mit ihr zarte Signale, allein das Gewicht des Zügels reicht. Nichtsdestotrotz hat Príncipe schon Riesensätze gemacht, weil er sich erschrak. Alle anderen gebisslosen Zäume rutschen dann über ein Auge, was die Sache verschlimmert. Leider auch die von Tellington empfohlene Kettenverschnallung, die ich nicht so gerne hab. Weiter kann ich mit der Serreta einem temperamentvollen Junghengst sanft den Kopf von den Stuten wegdrehen, welche offensichtlich einen Heidenspaß dabei empfinden, ihn von der Weide aus anzumachen. Dann steht er mit dem Rücken zu ihnen und ich kann ihn einladen, den Kopf zu senken. Nach ein paar Übungen und viel Schmuserei zeigt er den „Weibern“ die kalte Schulter.

Ich schweife ab. Also gingen wir los. Das erste Hindernis war der Brennnesseldschungel, durch den ich mich unten aus dem Grundstück kämpfen musste. Mein Prinzchen blieb geduldig hinter mir und folgte Schritt für Schritt. Die Leine hing durch, ich musste ihn nicht halten. Uff, endlich standen wir auf dem Weg. Er hob den Kopf – und ich war wie immer beeindruckt, wie groß er dann ist. Ich ließ ihn sich umsehen, dann lud ich ihn mit einer zarten Parade ein, den Kopf zu senken. Es war wirklich nur eine kleine Erinnerung und er steckte seine Nase unter meinen Arm. Mein Herz hüpfte vor Freude.

Nur ein paar Meter weiter ist schon der Scherbach, welcher zwar versteckt in einer Röhre den Weg kreuzt, aber dafür umso lauter zu hören ist. Bis zu diesem Punkt sind wir das letzte Mal, vor einem Jahr als er noch „neu“ bei mir war, gekommen. Er hatte sich damals schrecklich aufgeregt und war gar nicht mehr zu beruhigen, so dass ich nach ein paar Gehorsamkeitsübungen wie Rückwärtsrichten umgekehrt bin. Das Vertrauensverhältnis war einfach noch nicht fest genug.

Heute ganz anders: natürlich hat er geguckt und war etwas beunruhigt, aber ich konnte diesmal wieder seinen Kopf senken, und seine Neugier wurde dann doch größer als die Angst. Ich ließ im Zeit sich alles anzusehen. Als wir weitergingen schnaubte er ab.

Ein paar Meter weiter kam der Betonpoller vom Nachbarn. Uiuiuiui, wie gefährlich. Ich stellte mich betont gelassen hin und überließ es ihm, sich selber damit vertraut zu machen. Wichtig hierbei ist es, die Leine immer ohne Zug zu haben. Príncipe sah immer wieder zu mir, wie ich reagiere. Ich gähnte – was übrigens ein guter Trick ist. Der Poller ist ja soooo langweilig. Príncipe stupste ihn mit der Nase an, damit war alles klar. Beton, uninteressant.

Während des ganzen Spaziergangs hielt ich meine Leine, kürzer als eine Longe, aber länger als eine normale Führleine, aus Leder und relativ schmal, so dass sie gut durch die Hand gleitet – also ich hielt meine Leine aufgerollt in der linken Hand, aber mit so viel Strecke in der Rechten, dass ich ihn sofort halten, aber auch sehr weit nachgeben konnte. Die Leine zwischen meiner rechten Hand und der Serreta hing recht weit durch. Príncipe lief während er ganzen Strecke neben mir, ohne dass ich ihn mit der Leine dirigieren musste, er ging sozusagen mit mir. Ich ließ ihn dort schnuppern, da ein Blättchen fressen, rumgucken, zu mir kommen, anhalten, um etwas genauer zu untersuchen. Alles mit durchhängender Leine. Hier nun zu erziehen, dass man unterwegs nichts frisst, wäre nicht hilfreich gewesen. Schnuppern, schmecken, sehen, hören, die neue Umgebung, zum ersten Mal ohne Stress von den anderen ganz getrennt und bewusst die Situation zu erfassen und zu erleben, war mir sehr wichtig. Und was den Spaziergang so besonders machte: nach jedem Neuen kam er mit der Nase zu meinem Arm und nahm Kontakt auf.

Sehr schön zu sehen war auch, dass Príncipe von selbst den Hals richtig stellte, so wie ich es auf dem Reitplatz nicht besser hätte machen können. Dies bestärkte mich in der Auffassung, dass ein gelassenes Pferd immer die Muskeln richtig bewegt.

Noch über einen Minirauschebach und dann wieder zurück. Durchs Dorf wollte ich beim ersten Mal dann doch noch nicht.

Auf dem Rückweg war er genau so gelassen und neugierig, wie auf dem Hinweg. Dennoch gab es viel Neues zu sehen, die Schilder sahen nun ganz anders aus. Nun guckte er in den Wald hinauf und nicht zum Bach hinunter. Keinerlei Stalldrang, toll!

Auf dem Reitplatz ist er noch verwirrt, wenn ich neben ihm laufen will, also rennen, dann bleibt er stehen und sieht mich groß an, anstatt neben mir her zutraben. Ganz anders hier draußen, da machte es für ihn offensichtlich Sinn. Also trabten wir eine Weile nebeneinander – er besser als ich, natürlich. Jabbsss. Danach wieder weiter im entspannten Schritt. Wichtig ist immer, unaufgeregt zu bleiben.

Dann wieder einen Nasenstupser an den Betonpoller und wieder über den Bach. Letzte „Übung“ schön hinter mir in der Spur bleiben, durch die Brennnesseln. Boa, toll, wie lange habe ich da mit anderen üben müssen, bis das klappte. Wenn man Wanderreiten will, ist dies eine der wichtigsten Übungen.

Squire begrüßte uns laut, er hat wohl schon Ausschau gehalten.

Mit diesem ersten Spaziergang habe ich mir einen meiner großen Lebensträume erfüllt: unterwegs zu sein in Gelassenheit mit meinem eigenen Andalusier.

Danke Príncipe!

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