Der One-Rein-Stop

Vor ein paar Tagen schrieb mich eine junge Frau an, welche meinen Artikel „ANGST“ gelesen hatte. Nun ist meine Antwort so umfangreich geworden, dass ich die Mail an sie in meinen Blog stelle.

Liebe Silke, ich verwende einfach mal Deinen Vornamen hier, ich denke, dass Du Dich erkennst, für die anderen aber anonym bist.

Liebe Silke,

Deine Angst hat einen sehr konkreten Grund: Dein Pferd stürmt einfach los.

Ich hole mal ein bisschen aus: mein Reitideal ist das nach Pluvinel, welcher in der Renaissance Ludwig XIII unterrichtete. Ich suchte daher, um zu ihm einen besseren Zugang zu bekommen, Reitweisen, welche nicht von der FN/H.DV.12 beeinflusst – vielleicht sollte ich besser: verseucht sagen? – waren. Auf meiner Suche über die kalifonische Reitweise, welche sogar noch vor Pluvinel praktiziert wurde und direkt von den Spaniern kam, stieß ich auf Buck Brannaman. Der Artikel, auf den Du Dich beziehst, ging auch über den Kurs bei dessen Schüler Paul Dietz.

Buck Brannaman sagt: Gegen Angst hilft Wissen.

Du musst nun wissen, wie Du dieser Situation, wenn Dein Pferd losstürmt, begegnest.

Dazu habe ich den ONE-Rein-Stop mit Príncipe geübt. Er war damals 4,5 Jahre alt, und wir beide leider alleine mit ihm auf meinem Reitplätzchen. Es war also auch eine Frage meiner Sicherheit und der meines geliebten jungen Pferdemanns. Ich kann Dir hier meine Erfahrung mitteilen. Wie Dein Pferd das aufnimmt, weiß ich allerdings nicht. Die Gefährdung für Dich und Dein Pferd musst Du einschätzen, dafür kann ich natürlich keine Verantwortung übernehmen.

Besonders schön mit dieser Technik finde ich, dass sie Dein Verhältnis zum Pferd nicht trübt. – Ich gehe davon aus, dass Eure „Rangfolge“ geklärt ist, und er nur dieses Losstürmen zeigt, Dich sonst nicht rempelt und vom Boden aus kooperativ ist. – Es ist letztendlich seine Entscheidung, loszustürmen um dann im kleinen Kreis im One-rein-Stopp zu landen. Er kann es ja auch sein lassen – was er mit Sicherheit bald tun wird.

Ziel ist es, durch die Menge der anderen Pferde entspannt am durchhängenden Zügel zu reiten.

Der One-Rein-Stop geht so:

Dazu verwende eine Trense. Die Kandare, das mechanisches Hackamore ist dafür ungeeignet. Wenn Du einen Nasenriemen verwendest, dann schnalle ihn ganz locker, am besten lässt Du ihn ganz weg. Baue im Maul keinerlei Druck auf, weder aktiv noch passiv. Die Trense darf sich nicht durch das Maul ziehen, wenn Du keine D- oder Knebeltrense hast, binde einen Kinnkiemen unter dem Kinn in beide Ringe, dieser verhindert ebenso das Durchziehen – wenn Du weißt, was ich meine. – Ach ja, fast vergessen: Reiten heißt in diesen Phasen Schritt am DURCHHÄNGENDEN Zügel. Nimm den Zügen nicht auf, versuche nicht Dein Pferd durch Zurückziehen zu stoppen. Er wird sich nur wehren und das nächste Mal mit noch mehr Kraft nach vorne reißen.

1. Das Pferd lernt sanft den Kopf zu den Seiten zu nehmen: Du bringst Deinem Pferd bei, den Kopf, auf die Seite (beide) zu nehmen, wenn Du den jeweiligen Zügel auf dieser Seite verkürzt. Merke! Du ziehst den Kopf des Pferdes NICHT! rum, es hat gelernt auf diese Signal den Kopf auf dieser Seite nach hinten zu nehmen. Auf diesem Video kannst Du es sehen: https://www.youtube.com/watch?v=3BWm2sz52sc DAS KANN MAN AM ANFANG SEHR GUT AUCH VOM BODEN AUS IHM BEIBRINGEN, sogar in der Box oder Stallgasse. Für alle Mobbingkritteler: Nein, das Pferd fällt nicht tot um, es wird auch nicht die Wirbelsäule beschädigt. Es bekommt dadurch keinen seelischen Schaden, weder explodiert es, noch implodiert es.

2. Zur Seite treten der Hinterhand – Entkoppeln der Hinterhand: Nun sitzt Du auf Deinem Pferd. Du nimmst den Kopf des Pferde wieder rum und lässt erst dann den Zügel auf der Seite fallen, wenn Dein Pferd mit der Hinterhand einen Schritt zur anderen Seite macht, sozusagen mit ihr „ausfällt“. (Hier wirst Du bestimmt die meisten blöden Worte von Kollegen hören) Es wird erst mal verschieden Sachen herumprobieren, bis es merkt, was Du meinst. Wichtig ist das Timing des Loslassens.

3. Du bringst ihm bei, anzuhalten: Nun geht Dein Pferd im Schritt. Setzte das Signal zum Zurseitenehmen des Kopfes Deinem Pferd. Das Pferd macht nun mit der Hinterhand ausfallende Schritte zur anderen Seite. Der Kopf Deines Pferdes bleibt so lange nach hinten gebogen, bis es anhält. Egal wie lange es im engen Kreis geht, bleibe emotional neutral. Irgendwann wird es ihm zu doof und es hält an. Wenn es anhält, lässt Du den Zügel sofort fallen, als ob er heiß wäre. Sehr schnell hat das Pferd gelernt, anzuhalten, denn es ist langweilig, lange so eng im Kreis zu gehen. Wichtig: DU bleibst emotional neutral – ich weiß, ist nicht einfach.

Die Phase am Anfang im Schritt ist wichtig, denn das Pferd muss erstmal darin seine Balance finden. Der One-Rein-Stop „entkoppelt“ die Hinterhand von der Vorderhand, das heißt, Du nimmst Deinem Pferd schlicht und ergreifend durch das Seitwärtstreten der Hinterhand die Kraft, mit dieser nach vorne zu schnellen. – Das ist natürlich das Gegenteil jedes Ziel des Reitens, bei dem man mit der korrekten Biegung die effizienteste Kraftrichtung steuert, das Gegenteil vom erstrebten Geraderichten.

Nach dem Schritt, übe das im Trab, so dass er auch lernt, hier seine Beine zu sortieren. Bedenke, wenn er es auch der einen Seite kann, heißt es noch langen nicht, dass er es auch auf der anderen Seite beherrscht.

Über das erstmal alleine, bis er verstanden hat und sicher macht.

4. Dann bitte eine Freundin mit ihrem Pferd dazu, welche sich erstmal auf Abstand hält. Über für Dich die One-Rein-Stops. Wenn das – schon Routine – klappt, sucht dann gemeinsam die Situation, wenn er losstürmen will, und Du machst seinen One-Rein-Stop. Sicher merkst Du, wenn Dein Großer wieder los will. Wenn es geht, mache also einen One-Rein-Stop, bevor er los düst. Das wäre das Beste. Doch es macht nichts, wenn Du ihn erst beim Losgehen so stoppst. Lass ihm hinten im kleinen Kreis weichen. Er kann nicht mehr losstürmen, buckeln, steigen. Du hast seinen Motor sozusagen entkoppelt. Mache das ohne Schimpfen oder dergleichen, bleibe neutral. Mir hat das eine sehr große Sicherheit gegeben, ich bekomme damit diese ganzen gefährlichen Situationen in den Griff. Wenn Du in der Halle bist, ist das sowieso kein Problem, schwierig würde es nur im Gelände auf einem Hang werden oder bei hohem Tempo auf rutschigen Boden.

Übt das so lange, auch in mehreren „Sitzungen“ bis er entspannt ist.

5. Nun kommen weiter Pferde dazu. Rede mit dem Reitlehrer/den anderen, erkläre Ihnen die Situation. Wenn einer Bedenken hat, lass ihn/sie außen vor.

6. Nun solltest Du so weit sein, dass Du entspannt auf dem Pferd sitzt, wenn auch mehrere in der Halle sind. Wenn Du merkst, er spannt die Muskeln zum Losstürmen an: One-Rein-Stop.

Beim Kurs damals bin ich dann schon ganz anders entspannt auf mein Pferd gestiegen. Am Anfang war ich sehr „streng“ und habe schon bei jedem kleinen hengstischem Aufgebaue den One-Rein-Stop gemacht, bis er geistig wieder bei mir war. Heute bin ich spannt. Allerdings achte ich immer noch darauf, dass der Boden meines kleinen Reitplätzchens nicht rutschig ist, so dass ich jederzeit meinen Stopp machen kann, ohne zu befürchten, dass wir beide gemeinsamen hinfallen.

Manche haben das als nicht echten Gehorsam bezeichnet, sondern als „in Hilflosigkeit bringen“ bezeichnet. Stimmt. Es ist eine Notbremse. Es ist gut, wenn ein Pferd das kann und, wenn man Glück hat, muss man sie nie anwenden. Bei unseren beiden eben leider doch.

Ich habe diese Technik mit Príncipe so geübt, dass er dabei immer seine Balance behielt. Wenn er sich mehr auf die anderen Pferde als auf mich konzentrierte, machte ich diesen One-Rein-Stop. Nach dem ersten Überwinden zum Aufsitzen dann, merkte ich, wie einfach es ist. Dadurch entspannt man sich und damit auch das Pferd.

Ich hatte in diesem Fall halt das Glück, dies vorher zu üben und dann beim Kurs einsetzen zu können, da unser Lehrer dies auch lehrte. Schwieriger wird es bestimmt, wenn man von anderen bekrittelt und mit guten Ratschlagen zu geschmissen wird.

Ich habe hier mal Videos über eine Stute rausgesucht, die buckelte. Tierarzt und alle anderen möglichen Leute haben keine Ursachen gefunden. Es schien einfach eine schlechte Angewohnheit zu sein.

https://www.youtube.com/watch?v=tiU5yufWchk

https://www.youtube.com/watch?v=R85JsLhZQKY

https://www.youtube.com/watch?v=bhHKY9JjlXM

Welche Trainer ich Dir empfehlen kann? Den oben genannten Paul Dietz, welcher im Sommer wieder nach Deutschland kommt. Aber auch Bernd Hackl, der von deutschen Reitern oftmals geschmäht wird. Ich überhöre sowas, da die anderen gar nicht wissen, was sie da beurteilen.

Sicher gibt es viele Weg Dein Problem mit Deinem Schatz zu lösen. Hier habe ich Dir einen aufgezeigt, der mir geholfen hat und mein Verhältnis zu Príncipe sogar noch vertiefte.

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Buckaroos – gemeinsame Wurzeln mit Pluvinel

Kampf zu Pferd, Pluvinel, rasiere dem Kontrahenten den Federpuschel vom Kopf. Mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek. Ist mit der linken Hand eine feine Anlehnung möglich, wenn mit der rechten Aufmerksamkeit, Kraft und Geschick eingesetzt wird? Daher die These: Die Pferde folgten dem Gleichgewicht des Körpers und nicht der Hand. Selbst die kleinste "Anlehnung" barg die Gefahr von Verletzungen.

Kampf zu Pferd, Pluvinel, rasiere dem Kontrahenten den Federpuschel vom Kopf. Mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek.
Ist mit der linken Hand eine feine Anlehnung möglich, wenn mit der rechten Aufmerksamkeit, Kraft und Geschick eingesetzt wird? Daher die These: Die Pferde folgten dem Gleichgewicht des Körpers und nicht der Hand. Selbst die kleinste „Anlehnung“ barg die Gefahr von Verletzungen.

Auf der Suche nach „meiner“ Reitkultur, in welcher das Pferd – wie ich es jetzt formulieren will – OHNE Anlehnung selbsttragend geritten wird, stieß ich auf Jean-Claude Dysli. „Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli“ heißt das Video, welches der Wuweiverlag herausgab. Über das Video und den Heuschmannpart werde ich einen eigenen Artikel schreiben. Nur ein kleiner Tipp hier: durch Zufall sah ich die Disk 2 zuerst an. Das ist der Praxisteil. Erst danach weiß man, vor allem, wenn man noch unberührt von der altkalifornischen Reitweise ist, worum es in den Gesprächen auf der 1. Disk überhaupt geht.

Zurück zu meiner Mission. Dysli wird meiner Meinung nach nicht die Beachtung geschenkt, die er verdient hat. Er starb am 15.12. 2013. Ich kann mich erinnern, ihn als Jugendliche gesehen zu haben. Doch meine Wahrnehmung damals sah das Besondere nicht, denn, wie er ritten wir in den Distanzkreisen alle mit dem Körper und den durchhängenden Zügeln. Anders konnte man die langen Strecken ohne den Pferden zu schaden gar nicht reiten. Dyslis Bestreben war es, den ganzen „Handreitern“ zu zeigen, wie elegant und leicht es ohne Hand geht. Wie ich aus dem Video „Zwei Legenden – eine Mission“, in dem er mit Manuel Jorge de Olivera über spezielle Pferdeausbildungssituationen diskutiert, heraus höre, schien er diese Mission als gescheitert zu betrachten. Kann ich sehr gut verstehen, wenn man sieht, was in der Wettbewerbsszene des Westernreitens gezeigt wird, und wie sich die sogenannte „FN-Reiterei“ im ihrer immer noch akzeptierten Rollkur als reine Pferdequälerei darstellt. Olivera tröstet ihn und meint: seine Mission ist dann nicht gescheitert, wenn er einem einzigen Reiter die Augen geöffnet hat.

Die altkalifornische Reitweise, wie sie Dysli zeigt und, für mich sehr wichtig, erklärt, hat so viel mit dem heute gezeigten Westernreiten zu tun, wie die akademische Reitweise mit der heutigen Turnierreiterei. Interessant ist dabei noch, dass die „modernen Westernreiter“ der damaligen, altkalifornischen Reitweise dieselben bösen Worte vorwerfen, wie es die moderne deutsche Reiterei gegenüber der authentischen Renaissance-/Barockreiterei tut. Die „Barockreiterei“ der FN ist für mich herkömmliches Reiten in Kostüm, mehr nicht.

Mit anderen Worten ist es sozusagen archäologisch interessant, Reitweisen zu betrachten, die durch die deutsche Kavalleriereiterei nicht beeinflusst sind. Unsere Beeinflussung geht so weit, dass wir nur mit der FN-Brille Pluvinel übersetzen und lesen. Wir können es uns gar nicht mehr anders vorstellen.

Hundert Jahre vor Pluvinel kamen die Spanier nach Amerika und brachten, in mehreren Schüben, ihre Pferde mit. Wie Dysli in seinem Buch „His way of Life, Ein Appell an das Gewissen der Reiter!“, erschienen im Wuweiverlag, erzählt, gibt es noch in Kalifornien große Ranches, welche Spanish Grants sind, da sie von der spanischen Krone verschenkt worden waren. Die Familien dort sprechen oftmals fast ausschließlich spanisch. Die Tradition wird dort hoch gehalten: „We ride the spanish way, we keep the spanish tradition!“

Diese altkalifornische Reitkultur hat mit der von Pluvinel gemeinsame Wurzeln. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu der herkömmlichen Reitweise können mir Rückschlüsse geben, wie Texte aus der Renaissance und vielleicht auch des Barocks zu interpretieren sind.

Und was ist nun der Unterschied? Die Reiter reiten mit dem Körper, mit dem Gleichgewicht. wenn es bei der Ausbildung in der Trensenphase eine Einwirkung auf das Maul gibt, ist dies nicht auf die Zunge oder den Laden, sondern ein leichtes Zupfen am Maulwinkel. Ansonsten liegt die Trense passiv im Maul. Das Nachgeben im Genick wird nicht durch Kraft erzwungen, sondern ist vom Pferd verstanden worden. Die Biegung und die Stellung werden aus der Hinterhand geritten, wieder aus dem Sitz/Körper heraus. Die Schulter, bei Bedarf über den dort anliegenden Zügel gelenkt. Die Beine werden, wenn überhaupt nur dann eingesetzt, kurz bevor das Pferd „ausfällt“. Warum keine Mauleinwirkung? Dysli zeigt es in dem Video. Wenn man mit der rechten Hand ein Rope arbeitet – oder, wie ich hinzufügen möchte, ein Schwert oder eine Lanze – ist die Gefahr einer falschen Einwirkung oder gar Verletzung mit der linken Hand im Maul viel zu groß, also Hand weg vom Maul. Das Pferd wird so weit ausgebildet, dass es sich selbst richtig biegt und stellt. Dass Pferde all dies können, kann man wunderbar bei ihnen beobachten, wenn sie auf der Weide zusammen spielen.

Meine These: auch unter Pluvinel, als Kampfreiter, hat man die Hand und die Einwirkung auf das Maul nicht benutzt. Die Pferde folgten dem Reiterkörper um immer wieder das Gleichgewicht herzustellen. Dass dies angeboren ist, konnte ich bei den Pferde, welche ich ausbildete und noch ausbilde, beobachten. Sie verstehen es von Natur aus.

Auch der Ausbildungsweg über die Trense, Bosal und dann Kandare ist letztendlich der gleiche wie bei Pluvinel.

So, nun muss ich es nur noch selbst im Sattel zeigen, damit man weiß, was ich meine.

PS: ach ja, was ist denn ein Buckaroo? Schlicht und ergreifend: das Wort leitet sich von „Vaquero“ ab, gemeint ist heutzutage ein Cowboy aus Passion, der in der Tradition der spanischen Reitkultur arbeitet.

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Gelassenheit – der Spiegel Pferd

Dieses ist der Artikel 1 von 2 in der Serie Die innere Stärke des Reiters
Pferd und Reiter gelassen in ihrem Können - das ist die Kunst Monsieur de Kraut (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Pferd und Reiter gelassen in ihrem Können – das ist die Kunst
Monsieur de Kraut
(mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Das ist nun das dritte Mal, dass ich an diesem Artikel herumschreibe, immer wieder habe ich ihn verworfen, weil es mir nicht gelang, den richtigen Ton zu finden. Eigentlich sollte er ein Bericht über den Kurs von Bent Branderup in Wendlmuth vom 14. und 15. März diesen Jahres sein. Ein paar Tage nach dem letzten Kurs im Herbst starb mein Mann für uns unerwartet. Das ist einfach eine Tatsache, welche mein ganzes Leben und meine Weltsicht beeinflusst und es hat keinen Sinn das einfach auszublenden und zur Tagesordnung überzugehen.

Die akademische Reitweise und gerade die Kurse mit Bent Branderup sind und sollen mein Rückgrat in dem sein, was ich für Príncipe und mich erreichen will. Später will ich auch über meine „Reise“ in den wilden Westen berichten, über ein Horsemanship, welches von Ray Hunt und nun von Buck Brannaman gezeigt wird. Ruhiger, liebevoller, aber konsequenter Umgang mit dem Pferd. Doch letztendlich soll auch dies uns als Basis dienen, den akademischen Weg zur Vollendung zu beschreiten.

Ein bisschen habe ich mich auch vor diesem Artikel gedrückt, denn der Kurs war für mich nicht so einfach durchzustehen, beim letzten lebte mein Mann noch. Erinnerungen, Gefühle und die Unabänderlichkeit übermannten mich.

Und da bin ich schon beim Thema, welches ich hier vermitteln will.

Es gibt mehrere Aspekte von der Verfassung, in der man sich befindet. Ich werde in Laufe der Zeit alle behandeln, doch hier habe ich mir einen herausgesucht, welchen man in diesem Kurs besonders gut beobachten konnte. Wie sehr die eigene Verfassung nicht nur das eigene Weltbild, sondern auch das Verhalten anderer einem selbst gegenüber beeinflusst, habe ich am eigenen Leib in den letzten Monaten erfahren (müssen).

Der erste Aspekt ist die innere Stärke, die Gelassenheit.

Gelassenheit – das sagt sich so einfach. Wie schwer es ist, gelassen zu bleiben, habe ich durch die letzten Monate besonders erfahren müssen. Aus was setzt sich Gelassenheit denn zusammen? Ich habe mir hier meine eigenen Gedanken gemacht. Wikipedia sagt: „Gelassenheit, Gleichmut, innere Ruhe oder Gemütsruhe ist eine innere Einstellung, die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit, Nervosität und Stress.“ Diese Definition trifft aber auch auf ein: Miristallesegal zu. Daher möchte ich ergänzen: Gelassenheit setzt eine innere Stärke voraus. Und diese hat man meiner Meinung nach nur, wenn man sich „erwachsen“ benimmt.

Kurzer Ausflug: Habt Ihr schon mal von der Transaktionsanalyse gehört? Nach diesem Model nehmen Menschen eine der drei möglichen Haltungen ein. 1. Den Elternteil, der entweder kontrollierend („Hast du schon die Hausaufgaben gemacht?“) oder fürsorglich („Zieh dich warm an, es ist kalt draußen.“)ist. 2. Den Erwachsenenteil, auf den ich gleich zurückkommen werde und 3. den Kindteil, welcher sich ebenfalls in den des angepassten Kindes („Hoffentlich blamiere ich mich nicht… was werden die von mir halten?) oder des freien Kindes („Ihr könnt mich alle mal…“).

Nun sind wir wieder auf dem Kurs und natürlich wollen wir nichts falsch machen und gefallen – wir fallen in die Rolle des angepassten Kindes. Nicht umsonst wird diese Haltung als „Kind“ bezeichnet. Unser Pferd merkt natürlich, dass wir anders sind als sonst. Sein Mensch wird auf einmal unsicher. Als Fluchttier ist es daher ebenfalls in Alarmbereitschaft. Irgendwas ist da im Busch, denkt es. Erkennt Ihr das wieder? Und schon zappelt es herum, zeigt nicht, was man wochenlang geübt hat, was einem wiederum selber noch unsicher macht – und das ganze vor den Augen gerade des Menschen, dem man gefallen will. Zuhause wäre das nicht passiert, die paar dummen Zuschauer mit ihren Bemerkungen? Pffff…

Doch hier im Kurs ist das anders. Man will alle sein Können und Wissen in die Minuten stecken, in denen der Reitmeister zusieht. Herr Branderup kennt das natürlich und nimmt die Spannung aus dem Schüler. Siehe da, auf einmal wird die aufgeregte Stute ruhiger, als ob sie die Worte verstanden hätte. Hat sie natürlich nicht (ach wäre das schön), sondern die Reiterin entspannte sich. So einfach ist das. Und nochmal: so einfach ist das.

Nun wissen wir, dass nicht jeder Lehrer didaktisch so viel drauf hat wie Bent Branderup und die Situation und die Befindlichkeit eines aufgeregten Paares durch seine Killerbemerkungen noch schlimmer machen kann – wenn man es zu lässt. Und hier ist unser Ansatzpunkt. Wir müssen NIEMANDEM gefallen, die einzigen, die zählen, sind unser Pferd und wir. Unser Pferd muss sich wohlfühlen, und dazu müssen wir sein Fels in der Brandung sein, egal was ist. Wenn ich schon denke: „mein Pferd geht nie in den Hänger!“ wird es das auch nicht tun.

In Ermangelung an Pferdeleutengeschichten, weil ich hier nicht so viele Kontakte habe, möchte ich ein Erlebnis erzählen, dass ich mit Hunden hatte, denn bei Hunden ist es das gleiche Thema. Ich kannte einen sehr netten irischen Setter mit seinem älteren und besorgten Frauchen. Der arme Hund hatte vor Gewitter so viel Angst, dass er vom Tierarzt Beruhigungsmittel verschrieben bekam, weil dieser befürchtete, dass die Angstanfälle zu Epileptischen wurden. Eines Tages gingen wir spazieren, ich führte zufällig den irischen Setter und meinen englischen. Die Dame, wie gesagt schon älter und etwas schwerhörig lief neben uns und plapperte. Hinter uns baute sich ein ordentliches Gewitter auf, dessen Grummeln man schon hören konnte. Die Dame plapperte weiter, beide Hunde liefen entspannt neben mir. Eigentlich sollte nach Aussage der irische Setter schon längst zitternd auf dem Boden liegen. Das Gewitter kam näher, wurde lauter, die Dame plapperte. Nun war es so nahe, dass es die Dame auch hören konnte. „Oh, nein, OGOTT, WAS MACHE ICH NUR…“ legte sie ein Theater vom Feinsten hin. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich der Setter, er mutierte zum winselnden und zitternden Bündel Elend. Mein Hund sah mich an: „Was ist denn jetzt kaputt?“ „Wieso sagst du denn nicht, dass es gewittert?“ war der Vorwurf. Ob und was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr, aber was ich gedacht habe, das wisst Ihr.

Gelassenheit. Wie bleibt man gelassen? Auch meine Gelassenheit hat sehr gelitten, meine persönliche Reaktion sind allerdings nicht Unsicherheit, sondern spitze Bemerkungen, welche mir zugegebener weise dann fast immer auf der Zunge liegen, welche ich aber normalerweise seltenst herauslasse, um andere nicht zu verletzten.

Letztendlich ist es die Eigenverantwortlichkeit, die Eigenständigkeit. Für einen Kurs ist daher die Einstellung: „Ich bin hier um zu lernen und zu verstehen.“ Und nicht: „Ich bin hier um zu gefallen und Anerkennung zu bekommen.“

Und umso empfänglicher das Pferd und je weniger resilient, umso stärke und gelassener müssen wir für es sein.

Schließen will ich mit dem in letzter Zeit häufig geschriebenen Zitat:

Dein Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt auch seine Schwankungen. Ärgere dich nie über dein Pferd; du könntest dich genauso gut über dein Spiegelbild ärgern. (Rudolph C. Binding)

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Die Balance Teil II – Versammlung

Dieses ist der Artikel 4 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Autorin Stefanie Niggemeier mit Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight in der modernen Pilarenarbeit.

Autorin Stefanie Niggemeier mit Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight in der modernen Pilarenarbeit.

Wir haben im ersten Teil dieser Reihe gesehen, wie wichtig es für das Reitpferd ist, eine Balance in seitlich- vorwärts schwingender Richtung zu finden. In diesem Artikel wollen wir uns mit einer weiteren Art der Balance beschäftigen, die ein jedes Reitpferd finden lernen sollte, mit der Versammlung. Wenn wir das Wort „Versammlung“ hören, dann assoziieren wir das schnell mit bestimmten Lektionen. Diese erscheinen uns als erstrebenswert, sehen wir sie doch auch in der Kunst abgebildet als das Optimum der Reitkunst. Leider sehen wir im Bestreben, eine bestimmte Optik nachzuahmen, oft auch eine Pervertierung derselben, weil der Ausüber offenbar nicht verstanden hat, warum eine Lektion nur in einer Weise gesund ist für das Reitpferd – nämlich der biomechanisch korrekten, die auf der natürlichen Bewegungsmöglichkeit jedes einzelnen Pferdes individuell basiert. Wir wollen uns zum Verstehen dieser biomechanischen Prozesse hier zum bildlichen Vergleich eine Reihe Domino-Steine vorstellen, die nur dann problemlos fallen kann, wenn jedes Steinchen an seinem Platz ist und nichts die Kette unterbricht. So ist allen versammelnden Übungen etwas gemeinsam: das Pferd wird von Schubkraft zu Tragkraft geschult. Zuerst geschieht das mit dem inneren Hinterbein und findet seinen Beginn im Reiten von Bahnfiguren wie Schlangenlinien, Volten oder Zirkeln, letztlich mündet diese Abkürzung des Schubes in einer vollen Lastaufnahme des Pferdes wie z.B. der Levade. Wenn man an Versammlung denkt, so muss der erste Blick auf die Tätigkeit der Hinterhand des Pferdes fallen. Hier wird die Kraft produziert, die zuerst das Pferd, dann das Pferd samt Reiter trägt. Das kann jedoch nur dann reibungslos vonstattengehen, wenn alle Gelenke der Hinterhand funktional aufeinander ausgerichtet sind – wir denken hier wieder an die oben beschriebene Kette Dominosteine. Ein weiterer wichtiger „Dreh-und Angelpunkt“ – im wahrsten Sinne des Wortes – ist der Übergang von der Hinterhand zum Rücken: das Kreuz-Darmbein-Gelenk (Iliosakralgelenk, kurz ISG) und dann die Lende des Pferdes. Doch besteht der Körper des Pferdes ja nicht nur aus Knochen und ihren Gelenkverbindungen, sondern auch Bindegewebsstrukturen und Muskeln. Diese, und zwar explizit, muss der Reiter bei seinem Pferd trainieren, will er es dauerhaft gesund und fit für seine Aufgabe erhalten, bzw. darauf vorbereiten. Wir kennen den Begriff „Form“ aus der Skala der Ausbildung. Die Formgebung des Pferdes, das Finden einer bestimmten Optik ist in der Reitkunst oft nur ein kurzer Moment und schnell vergangen. Reitkunst ist Kunst für den Augenblick. Doch ist es so, dass eine Wiederholung dieser Augenblicke dem Pferd auch im Ruhezustand eine bestimmte Form gibt, die neben einer entsprechenden Muskulatur vor allem auf die Formgebung der Faszien zurückzuführen ist. Die Fascia profunda, die „allumfassende“ Faszie, die den gesamten Körper gleich einer zweiten Haut umschließt, ist nur an wenigen Punkten direkt mit dem Skelett verbunden. Zwei dieser Punkte sind die Hüften und das Hinterhauptbein. Über diese Struktur , sowie über das Zusammenspiel der Muskulatur von Zungenbein und Hüftbeuger ( m. Psoas ) ist die Tätigkeit der Hinterhand direkt am Kopf des Pferdes ablesbar. Wenn das Pferd seine Hinterhandgelenke gleichmäßig beugt, die so erzeugte Kraft über das ISG , die Lende und den Rücken , zwischen den Schultern hindurch, über die Halswirbelsäule und deren Übergang in den Schädel, das Cranio-Sacral-Gelenk ( Okzipitalgelenk) in das Hinterhauptbein mittels Muskelkraft und in Faszien gespeicherter Energie überträgt, dann wird das Pferd von alleine – und diese Freiwilligkeit ist elementar für echte Versammlung – in eine Beizäumung kommen, was bedeutet, dass der Schädel aus dem Genick ganz locker pendelt und das Kinn des Pferdes sich ein wenig dem Hals nähert, es wird ein wenig enger in der Ganasche. Wenn das geschieht, dann verlängert sich die Oberlinie des Pferdes, während die Unterlinie sich verkürzt – das Pferd nimmt eine andere Form an. Wird dieser Prozess jedoch mit der Hand erzwungen, dann fällt der hintere Teil der Zunge vor den Kehldeckel, das Pferd kommt in Luftnot und resultierend aus der künstlich erzeugten Spannung im Kopf-Hals-Bereich und auf dem Zungenbein werden auch die Gelenke der Hinterhand nicht mehr funktional arbeiten können – eben weil der gesamte Pferdekörper eine Einheit ist. Die durch die Versammlung erlangte Balance bringt dem Pferd in seiner Aufgabe als Reitpferd einen großen Profit, da es gelernt hat, nicht nur sein eigenes Gewicht , sondern zusätzlich auch das Gewicht des Reiters in einer für das Pferd gesunden Weise zu tragen, nämlich aus dem Motor Hinterhand. Diese Fähigkeit herzustellen, damit haben sich alle Alten Meister von Xenophon bis zu den letzten Reitakademien vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beschäftigt. Sie alle haben verschiedene Formulierungen für diese Arbeit gefunden, haben bestimmte Lektionen oder Ausbildungstechniken bevorzugt, um dieses Ziel zu erreichen und die ihnen zur Verfügung stehenden Pferde optimal zu fördern. Auch die modernen Reitlehren sehen ganz klar ein Ziel der Ausbildung: pferdegesunde Versammlung, um optimale Gesunderhaltung des Pferdes zu bekommen. Seit über 2000 Jahren bemühen sich Reiter aller Epochen darum, den Zustand zu erreichen, den Xenophon folgendermaßen beschreibt: „Wenn man das Pferd mit dem Zügel durchhält, während es die Hinterhand nach vorne untersetzt, so beugt es die Hinterbeine in den Hanken, die Vorhand aber hebt es in die Höhe, so dass dem Gegenüberstehenden Bauch und Schamteile sichtbar werden.“ Dabei sollte nicht eine bestimmte Lektion das Ziel sein, sondern allein der Weg zur Versammlung und die Arbeit mit versammelnden Lektionen bringt unseren Pferden einen größten Benefit. Gemäß dem Motto: “ Der Weg ist das Ziel“ machen wir uns also auf die Reise!

Links: Wer Stefanie Niggemeier persönlich erleben will, Termine findet Ihr hier: http://barocke-pferdeausbildung.jimdo.com/termine/

Monsieur de Kraut (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Monsieur de Kraut
(mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

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Die Balance – das Alpha und Omega der Pferdeausbildung Teil 1

Dieses ist der Artikel 3 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier

Das „Croupe au Mur“ wurde mit dem geschulten Pferd über vier Hufschläge gearbeitet. Wichtig auch hierbei: das Pferd fußt vorwärts und seitwärts auf. (Johann Elias Ridinger, – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Wenn wir über Balance sprechen, kommt mir immer das Bild eines Seiltänzers in den Sinn. Stets bemüht, die Balance in der Bewegung in jedem Moment neu zu finden, nutzt er Tempo, Takt und Schwung, sowie ein Ausrichten seines Körpers. Je näher er die Beine zusammenbringt, die Arme an den Körper nimmt, desto schwieriger wird es, die Balance zu halten. Schon eine kleine Gewichtsverlagerung kann diesen empfindlichen Zustand stören.

So geht es auch unseren Pferden.

Auf der Suche nach der Balance haben Pferdeausbilder über die Jahrhunderte ausführliche Beobachtungen gemacht und ihre Erfahrungen in bestimmte Bewegungsabläufe umgesetzt, die als besonders förderlich galten, um Balance zu erreichen. Diese Bewegungsabläufe, in denen das Pferd seine Beine in einer bestimmten Weise bewegt, eine bestimmte Rückentätigkeit ausführt, einen bestimmten Schwung entwickelt oder Gelenke in bestimmter Weise beugt und streckt, wurden früher „Schulen“ genannt, wir kennen sie heute unter dem Begriff „Lektionen“.

Niemand hat den Begriff „Schwung“ bisher so treffend beschrieben wie der Oberbereiter der Kavallerieschule Hannover, von Holleuffer. Für ihn ist die Tätigkeit der Wirbelsäule eine Bewegung in drei Dimensionen: vorwärts-rückwärts, hoch-runter und recht-links. Er sagt: „Die Schwingungen sind sichtbar, fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen. […] Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger. Die letzten verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule. („Die Bearbeitung des Reit-und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“, Hannover, 1882).

Wenn wir mit der Pferdeausbildung beginnen, fangen wir zuerst mit der Herstellung des Gleichgewichts in Bewegungsrichtung an. Wir wollen das Pferd sozusagen seitlich stabilisieren. Diesen Prozess nennen wir Geraderichten. Wir bedienen uns dabei den Hilfsmitteln „Stellung“ und „Biegung“, indem wir zuerst Einfluss nehmen auf den Schädel und das Genick, um einen Zugang zu bekommen zur Wirbelsäule des Pferdes. Sehen wir im Verlauf der Wirbelsäule die selbe Tätigkeit wie in der Stellung von Kopf und Genick, so sprechen wir von einer Biegung, bei der sich das Pferd zwar nicht in den Rippen biegt, aber in der Wirbelsäule eine Rotationsbewegung ausführt, die auf der einen Seite zu einer Verlängerung der Linie, auf der anderen Seite zum Verkürzen der Linie führt.

Unser erstes Ziel muss so sein, die Beine des Pferdes seitlich aneinander anzunähern und das sowohl auf der rechten, als auch der linken Hand. Was sich so einfach und logisch anhört, ist eine große Herausforderung, denn ähnlich wie bei uns Menschen, haben auch Pferde eine angeborene Händigkeit. Wenn wir jetzt von ihnen verlangen, gleiche Bewegungsabläufe auf beiden Händen auszuführen, dann ist das so, als wenn man Grundschüler ganz selbstverständlich mal mit der rechten, mal der linken Hand schreiben lassen würde. Was dem Kind schon auf einer Hand schwer genug fällt und viel Übung erfordert, erwarten wir von unseren Pferden ganz selbstverständlich auf beiden Seiten und zwar von Anfang an.

Wir sollten also dem Pferd zuerst vom Boden aus erklären, wie es nun in einer Vorwärts- Seitwärts -Bewegung seine Balance finden kann, wie der Schwung der Wirbelsäule sein soll.

Hierzu dienen uns die Seitengänge Schulterherein (versale Arbeit), Kruppeherein(traversale Arbeit) und Kruppeheraus (renversale Arbeit).

Diese Lektionen helfen dem Pferd, eine gesunde dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule zu erhalten oder wiederherzustellen.

Richtig ausgeführt, werden keine Seitwärts- oder Drehbewegungen in den Gelenken der Beine produziert, weil die Gelenke über ihnen, in der Wirbelsäule des Pferdes, diese Arbeit ausführen. Die Seitengänge dienen dazu, dem Pferde das „Gerade“ zu erleichtern, weil es sich seitwärts balancieren gelernt hat.

Diese Arbeit wurde über Jahrhunderte zuerst mit dem stehenden Pferd in den Pilaren oder an einem Pilaren geübt, bevor man sich traute, die kinetische Energie, die Bewegungsenergie hinzuzufügen. Leider werden heute allzu oft die Seitengänge sofort unter dem Reiter ausprobiert, welcher der mangelnden Balance des Pferdes auch noch sein eigenes Ungleichgewicht hinzufügt. Statt also dem Pferd zu helfen, im Gleichgewicht zu bleiben, wird durch ungeschickte Hilfengebung von Sitz, Schenkel und Hand eine Balance völlig unmöglich (siehe Artikel Zungenbein).

Auch heute kommen wir wieder dahin, die Seitengänge zuerst mit dem stehenden Pferd zu üben, einfach deshalb, weil die Arbeit dem Pferd so effektiv dabei hilft, seine Balance zu finden. Wir nehmen dabei Abstand von den fest installierten Pilaren und arbeiten das Pferd an der Hand. Wir lassen das Pferd im Stand den Brustkorb aus der Hinterhand in versaler und traversaler Richtung heben. Wir beeinflussen das Zungenbein des Pferdes einmal in die eine, dann in die andere Richtung. Wir beeinflussen darüber den damit verbundenen Hüftbeuger (m. Psoas), der die Hinterhand sozusagen „an den Körper heranholt“, der die Hüfte in ihren Bewegungsrichtungen einstellt, der bei der Biegung und somit beim Finden des Gleichgewichts in seitlicher Richtung des Pferdes eine elementare Rolle spielt.

Kommen wir zurück auf unseren Seiltänzer am Anfang, so sehen wir, dass die ersten Schritte ganz ruhig und im Gleichgewicht beginnen mögen, er zum Ende der Seils aber seinem Gleichgewicht immer mehr hinterher läuft- und dabei immer schneller wird. So ist es auch mit vielen Reitpferden, die Runde um Runde immer unbalancierter werden, dafür aber immer schneller unter dem Reiter laufen. Vor allem die Qualität des Galopps leidet enorm unter diesem Umstand.

Neben dem pädagogischen Verständnis für eine Hilfe, die das Pferd durch unsere detaillierte Arbeit gewinnt, wird auch die tiefe Muskulatur aufgebaut, das Pferd gewinnt an Tragkraft. Ähnlich wie bei Techniken wie Pilates, Yoga oder Tai-Chi gewinnt die Qualität unserer Arbeit mit der Langsamkeit, mit dem Ausharren. Dann lassen wir das Pferd antreten, zuerst im Schritt und nicht übereilt. Lieber einige wenige Schritte langsam und richtig, als viele Schritte schnell und falsch. Diese Langsamkeit darf vom Reiter jedoch nicht mit einem „untertourigen“ Arbeiten verwechselt werden, bei dem das Pferd in den Gelenken eher steif wird, als sie in Ruhe beugen und strecken zu können.

Wir trainieren die tiefliegenden Bänder und Muskeln, kräftigen und elastizieren die Faszien, wir machen die Gelenke des Pferdes in alle Richtungen geschmeidig, so dass es den Brustkorb in verschiedene Richtungen heben kann, die Beine nah zueinander bringt und sein Gleichgewicht in einer Vorwärts-Seitwärts-Bewegung findet.

Hier haben wir das erste wichtige Element zum Finden der Balance erarbeitet.

Über das Gleichgewicht in anderen für die Pferdeausbildung wichtigen Richtungen, auch Versammlung genannt, wollen wir im zweiten Teil unserer Beobachtungen zum Thema Balance sprechen.

Fortsetzung folgt.

Renvers (im langen Rahmen) Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

Renvers (im langen Rahmen)
Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

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Die Poesie des Augenblicks

Lange ist es her, das letzte Branderup-Seminar in Wendlmuth – und jetzt erst der Bericht? Mein Mann starb ein paar Tage später, unvermutet, einfach so, sein geliebtes Herz hörte auf zu schlagen. Nun sitze ich hier und blicke die letzten Monate zurück. Wir beide brauchten den Tod nicht um zu wissen, wie wertvoll der Augenblick ist. So haben wir gelebt und ich bin froh darum, dass wir nie etwas für „später“ aufgeschoben haben.

Unter diesem Eindruck schreibe ich nun einen Bericht über ein Reitseminar. Ein Wort aus dem Seminar klang in mir wider: Poesie. Erreichen wir die Übereinstimmung mit unserem geliebten Pferd, sind keine Hilfen mehr nötig, bilden wir beide eines, dann ist dies Poesie.

Und ist es nicht genau das, was wir in unserem Leben erreichen wollen? Ist das nicht das höchste Gut? Macht dies nicht das Leben so wertvoll, das ja doch nur eine Aneinanderreihung von Augenblicken ist?

Und doch beobachte ich, wie viele sich dieser Möglichkeit durch Ehrgeiz berauben, das Pferd in Unbehagen bringen, damit es eine Figur zeigt. Erreiche ich so Poesie? Nein, niemals. Natürlich kann ich dann sagen, diese Übung kann ich jetzt, abgehakt, nun kommt die nächste dran. Allgemeiner Beifall, ich bin ja so toll.

Die Poesie will reifen. Sie braucht ihre Zeit, wie die Liebe. Poesie ist still, sie bekommt keinen Beifall. Sie ist für sich, für uns, für mich und mein Pferd. Nichts muss bewiesen werden, sie ist jenseits von allgemeiner Anerkennung durch andere, denn letztendlich ist dies Tand.

An was wollen wir uns erinnern? An die Fertigsuppe aus der Tüte oder an die Zwiebelsuppe der Oma, welche sie morgens aufsetzte, den ganzen Tag köcheln ließ und uns abends servierte, wenn wir müde durch die lange Fahrt durch Eis und Schnee endlich an ihrem Haus ankamen um mit ihr Weihnachten zu feiern. Die Betten waren für uns Kinder mit heißen Backsteinen warm gemacht, wir krabbelten unter die Decken in dem kalten Zimmer und kuschelten uns ein. Das war vor achtundvierzig Jahren, und ich weiß es noch wie heute. Wertvolle Augenblicke.

Wir haben die Wahl. Jeder Wein muss reifen, wie unbekömmlich ist das schnelle Hefebrot gegenüber dem aus gereiftem Sauerteig. Ist nicht auch die Zubereitung des Mahls allein schon ein Genuss? Wie sich die Aromen in der Pfanne entwickeln, wenn man Gewürze und Kräuter hinzugibt? Wie armselig macht dagegen die Fertigmischung „Jägersoße“ jedes Gericht und jedes Leben. Wie armselig macht doch die schnelle „Lösung“ einer schwierigen Lektion das Leben mit dem Pferd.

Ich habe vom Kurs noch sehr schöne Fotos, doch ich finde es nicht angemessen, sie in diesen sehr persönlichen Artikel zu setzen. Bent Branderup zeigt den Teilnehmern das Fühlen des Pferdes, seines Schwungs, durch den Sitz. Das ist wie kochen mit Gewürzen. Welche passen zusammen, wie lange lasse ich sie in der blasenwerfenden Butter. Dazu gehören Wissen, Fähigkeit und Gefühl. Diese muss man sich erst erwerben und sie müssen reifen. All das braucht Zeit. Ich habe mich auf diesen Weg eingelassen, und wenn es länger dauert – ja und? Und wenn ich niemals das Essen selber erleben werde, so war doch das Kochen allein ein Genuss. Und wenn ich niemals die hohe Schule über der Erde erreichen werde, so habe ich doch jeden Augenblick der inneren Verbindung mit meinem Pferd bis zum letzten Tropfen ausgekostet. Denn letztendlich zählt nichts anderes als diese Poesie dieser Augenblicke.

 

 

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Rezension: Videokurs „Academic Hand“ von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 6 von 8 in der Serie Rezensionen
Was einfach aussieht, ist auch einfach - wenn man es verstanden hat. Foto: Lotte Lekholm

Was einfach aussieht, ist auch einfach – wenn man es verstanden hat.
Foto: Lotte Lekholm

Möchte jemand wissen, mit welchem der Videos von Bent Branderup er beginnen soll, so empfehle ich dieses hier. „Aber der Sitz ist doch die primäre Hilfe“ mag man nun sagen, wieso nicht mit dem Video über den Sitz beginnen? Ja, die Hand gibt nur sekundäre Hilfen, dennoch ist es die Hand, mit der man am meisten falsch macht. Das ist der eine Grund, dieses Video an den Anfang zu stellen. Der andere ist, dass in diesem Video das Reiten von Grund auf erklärt wird. Nirgendwo sonst habe ich den akademischen und historischen Gedanken der Reiterei auf Basis und im Einklang der neusten Erkenntnisse der Biomechanik des Pferdes so gut erklärt gesehen. Daher setzte ich dieses Video auf eine Schlüsselstelle. In der Hand liegt auch der am besten wahrnehmbare Unterschied zwischen der Reiterei – fast mag ich sagen – des letzten Jahrzehnts und den Tausenden von Jahren zuvor. Damit meine ich nicht die verdammungswürdigen Auswüchse wie „Rollkur“ und Co., sondern die Methode das Pferd mit der Einwirkung auf das Maul zu wenden. Dies ist neu – was viele erstaunen mag. Gewendet wurde das Pferd zuvor mit den Zügeln, „und wenn ich ‚Zügel‘ sage, meine ich ‚Zügel'“ definiert Bent Branderup, am Hals über die Schulter, denn das „Maul hat keine Beine“.

Weiter wird dargestellt und erklärt, wie man in der Hand spürt, ob der Schub der Hinterhand nach hinten heraus oder ihr Vorgriff dominiert. Wir lesen bücherweise über dieses Thema, und bekommen es hier so einfach in ein paar Minuten dargestellt – denn im Grunde ist es auch einfach, was so viele Reitmeister uns eigentlich sagen wollen und mit so vielen missverstandenen Begriffen umschreiben. Der ansonsten so sehr wortreiche Bent Branderup bringt es mit einer einfachen Erklärung mittels der Biomechanik auf den Punkt.

Natürlich werden ebenso die verschiedenen Arten der Zügelführung erklärt, ihre Vor- und Nachteile, so dass man situationsbedingt die beste für diesen Moment wählen kann. Von der Haltung der Zügel, wenn man nur das Caveçon/Trense verwendet, über alle Zwischenschritte bis hin zur Kandare blank, wird das Greifen und Sortieren der Zügel erklärt, ohne dass man in die Zügel oder Finger einen Knoten bekommt.

Ein sehr wichtiges – und akademisches – Kapitel ist ebenso, dass man dem Pferd vom Boden aus erstmal beibringt, was die Signale auf der Nase und im Maul bedeuten, so dass es ihnen mit Durchlässigkeit folgen kann. Hierin sehe ich den sichtbarsten Unterschied zu anderen Reitweisen. Die Kandare ist ein Sensor und kein Druckmittel. Und wir können bereits vom Boden aus üben, die Signale der Pferdes richtig zu verstehen und daraufhin die Richtung unserer Ausbildung lenken. Vertieft wird dies dann an Hand von praktischen Beispielen, welche auch das Auge für das eigene Pferd schulen.

Diesen Videokurs empfehle ich auch allen Reitern, welche nicht den Weg der akademischen Reitweise einschlagen möchten. Das Wissen, welches hier vermittelt wird, empfinde ich als so wichtig und grundlegend, dass es für jeden Reiter ein Aha-Erlebnis ist und er seine eigene Vorgehensweise bewerten und verbessern kann.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 9 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:18h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:

http://www.bentbranderupshop.com/the-hand.html

Foto:
Lotte Lekholm, http://www.facebook.com/lotte.lekholm

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Das Zungenbein ( lat.: Os hyoideum) – oder das Gleichgewicht liegt in aller Munde

Dieses ist der Artikel 1 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier, die Autorin dieses Artikels, mit ihrem bezaubernden Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight, genannt  Finn.

von Stefanie Niggemeier

Das Zungenbein ist ein Knochen im Körper des Pferdes, den viele Reiter nicht kennen, obwohl die meisten von ihnen täglich im Training direkten Einfluß darauf nehmen.

Es handelt sich um einen – von oben besehen- fast H-förmigen Knochen, es erinnert an einen Schlitten, und befindet sich , an Bändern aufgehängt, im Unterkiefer des Pferdes. Von unten ist es zwischen den Unterkieferästen zu ertasten und sollte auch beweglich sein.

http://www.vetanat.uzh.ch/Praeparatorium/Shop/Zungenbein/Zungenbeinpferd-gros.jpg

Ein Video, beim dem alle Teile benannt werden:

Ist es das nicht, kann das verheerende Folgen für das Pferd haben. Ein blockiertes Zungenbein führt zu Taktunreinheiten und sogar Lahmheiten, kann der Grund sein für Anlehungsfehler, Mängel in der Durchlässigkeit, Stellungsfehler, mangelnde Fähigkeit zu Beizäumung und mangelnde Versammlungsfähigkeit. Es kann der Grund für ein plötzliches Abmagern des Pferdes sein, für Koordinationsschwierigkeiten und auch Wesensveränderungen wie Teilnahmslosigkeit oder starkes Abwehrverhalten ( Buckeln, Durchgehen, Steigen).

Wie kommt es, dass die Fehlstellung eines einzelnen Knochens solche massiven Auswirkungen haben kann? Das Zungenbein ist maßgeblich relevant für den Gleichgewichtssinn, als auch die Stabilität. Jeder kennt den Ausdruck: “ Die Zähne zusammenbeißen“- das bedeutet nichts anderes, als die Muskulatur, die das Zungenbein umgibt, anzuspannen, um es in eine stabile Position zu bringen. Trägt man Lasten mit aufeinandergepressten Kiefern, so ist das Tragevermögen deutlich größer. Mit einer Umpositionierung des Zungenbeins wird die gesamte Körperachse verschoben, bei Pferden spricht man in solchen Fällen auch von Zügellahmheit: sobald Druck auf das Zungenbein kommt, verspannt das Pferd die umgebende Muskulatur , es kommt zu dysfunktionalen Bewegungsabläufen und falscher Belastung der Gelenke.

Beim Menschen wissen wir, dass eine Fehlstellung des Zungenbeins für vegetative Beschwerden wie Tinnitus, Schwindel, migräneartige Kopfschmerzen, Seh- und Hörstörungen , Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Gliedmaßen verantwortlich sein kann; es gibt keinen Grund, warum wir nicht annehmen können, dass das Beschwerdebild beim Pferd ähnlich oder deckungsgleich ist. Ebenfalls zu erwähnen sei hier die sogenannte Cranio-Mandibuläre Dysfunktion, die mit einer speziell angepassten Zahnschiene ( „Knirscherschiene“ ) in der Humanmedizin behandelt wird.

Der sogenannte „Polizeigriff“ wird bei renitenten Personen deswegen verwendet, weil bei festgestelltem Zungenbein ein Laufen nahezu unmöglich ist: Probieren Sie es ruhig einmal aus!

Die mit dem Zungenbein verbundene Muskulatur zieht sich durch den Hals bis zum Rücken des Pferdes und findet ihren Ansatz in den Sehen des Vorderbeins. Eine falsche Hufkorrektur oder ein mangelhafter Beschlag können also schon Einfluss auf die Position und frei bewegliche Funktion des Zungenbeins haben. Auch eine ungeschickte Zahnuntersuchung, bei der die Zunge zu stark seitlich aus dem Pferdemaul gezogen wird, kann zu einer Blockade in diesem Bereich führen.

Natürlich hat auch die ungleichmäßige Abnutzung des Gebisses und eventuelle Hakenbildung Einfluss auf die reguläre Position des Zungenbeins, weshalb eine mindestens jährliche Kontrolle jedem Pferdebesitzer Pflicht sein sollte.

Warum also nutzt der Reiter schon seit Jahrtausenden ein Gebiss, um auf diese empfindliche Struktur einzuwirken? Wäre dann konsequentes gebissloses Ausbilden nicht deutlich pferdefreundlicher?

Tief eingebettet in die das Zungenbein umgebende Muskulatur ist ein Hormonpunkt, der direkt und indirekt für das Wohlbefinden verantwortlich ist. Bekommt so manch einer unter Stress “ so einen Hals“, bleibt uns in Prüfungssituationen „die Spucke weg“ oder „ein Kloss im Hals stecken“, so ist all das ein Zeichen für eine Anspannung und/oder Verspannung im Bereich der das Zungenbein umgebenden Muskulatur.

Was lässt ich dagegen tun? Um vom Sympathikusmodus , der für Flucht, Angst und Aggression, sowie allgemeines Unwohlsein verantwortlich ist, wieder zum Parasympathikusmodus zurückzufinden, weiß der Körper sich zu helfen: man gähnt, schluckt, singt, isst oder , bei kleinen Kindern besonders beliebt, lutscht am Schnuller oder Daumen. Schon lockert sich die Muskulatur, Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet, man befindet sich im „Wohlfühlmodus“. Diese Gefühl können wie mit Hilfe eines Gebisses leichter im Pferd erzeugen, wenn wir es denn in der richtigen Art und Weise gebrauchen. Wenn wir es nutzen, um das Pferd mit vorsichtigen Hilfen in der Muskulatur zu lockern, machen wir ihm das Reiten quasi auch hormonell gesehen angenehm .

Das Auslösen des Kau- und Schluckreflexes findet in den Lehren vieler Alter Meister Erwähnung, allen voran Francois Baucher, der sich intensiv mit verschiedenen Abkauübungen beschäftigt hat ( zum Beispiel dem „Cession des Mâchoirs“ , bei dem mit dem Gebiss oder Finger so lange in den Maulwinkel in Richtung Genick eingewirkt wird, bis das Pferd beginnt zu kauen und man es den Kopf danach direkt senken läßt) . Indirekt lässt sich das Zungenbein über eine entsprechende Positionierung des Schädels , auch Stellung genannt, auch gebisslos lockern. Wir sprechen dann vom „descente d`Encolure“, bei dem wir das Pferd am Kappzaum auffordern, auf eine stellende Parade hin den Kopf tief und in eine Stellung zu bringen. Diese Übung findet schon bei Newcastle Erwähnung, der für den Anfang rät, diesen Impuls mit einem Büschel Gras in die Tiefe lockend in der Hand des Reiters zu unterstützen.

Vor allem das in der Pferdeausbildung so wichtige Geraderichten hat mit der korrekten Ausrichtung von Zungenbein zu Unterkiefer, vom Unterkiefer zum Atlaswirbel und durch die Wirbelsäule , „über den Rücken“ , und in umgekehrter Richtung von der Ausrichtung der Hüfte und des tragenden Hinterbeins auf den Unterkiefer des Pferdes einen enormen Einfluss auf das mit zunehmender Versammlung immer fragiler werdende Gleichgewicht und sollte den Reiter in seinem ganzen Tun und Streben bewegen. Bei Xenophon finden wir dazu folgenden Satz: “ Die Schule aber welche „Pede“ ( Zirkel) heißt, ist sehr lobenswert, denn sie gewöhnt ein Pferd daran, sich auf beiden Kinnladen wenden zu lassen. Auch das Wechseln in dieser Schule ist gut, damit beide Kinnladen durch beide Arten der Schule gleich werden.“ Die schon im Kindesalter beim Ponyreiten geübten Volten und Zirkel finden also unter Anderem in der Arbeit mit dem Zungenbein ihre ursprüngliche Bestimmung.

Hier findet sich eine gute Möglichkeit, dem Pferd zu helfen, eine funktionelle Lage des Zungenbeins zu finden ; weitere nützliche Lektionen finden wir in den Seitengängen oder dem Karrée.

Obwohl sprichwörtlich in aller Munde, ist die gesunde Funktion des oft so unbekannten Zungenbeins also maßgeblich für die Skala der Ausbildung des Pferdes und das korrekte Beeinflussen dieses für gesundes Reiten so wichtigen Körperteils sollte stets behutsam und achtsam geschehen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

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Rezension: Videokurs „Academic use of the whip“ von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 7 von 8 in der Serie Rezensionen
Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte. Foto: Lotte Lekholm

Bent Branderup erklärt in diesem Videoseminar die sehr komplexe Hilfegebung mit der Gerte.
Foto: Lotte Lekholm

Woran erkennt man den akademischen Reiter? Er hält die Gerte so komisch. Und außerdem: kann er sich nicht mal eine richtige leisten und schneidet sich einen Stecken vom Busch ab?

Wie viel ist doch von dem Wissen um die Gerte und ihre Anwendung verloren gegangen. Selbst meine Lehrer kannten diese komplexe Art der Verwendung nicht mehr. Standardgemäß liegt die Dressurgerte auf dem Oberschenkel der inneren Seite der Bahn und wird dort kurz hinter der Ferse ans Pferd getippt, falls das nötig sein sollte. So kennen wir das alle.

Doch die Gerte kann viel mehr. Bent Branderup entführt uns in seinem Video zuerst in die Vergangenheit und erörtert an alten Bildern, wie damals die Gerte angewendet worden ist. Sie unterstütze die primären Hilfen des Sitzes. Dabei wird sie dem Pferd oftmals einfach nur an der richtigen Stelle gezeigt. Das Pferd weiß, was damit gemeint ist. Bent Branderup erklärt dann, wie wir dem Pferd die Bedeutung der Deutungen mit der Gerte lehren. Sie ist einerseits von Boden aus der verlängerte Arm des Ausbilders und kann daher nicht nur die Schenkeleinwirkung vorbereiten, sondern auch die angelegten Zügel, die Position der Schulter bestimmen und, bei Fortgeschrittenen, die Beugung der Hanken. Andererseits ist sie das Bindeglied zwischen Boden- und Handarbeit und dem Reiten. Sie ist die Übersetzerin der Hilfen des Reiters, wenn das junge Pferd den Sitz zu verstehen lernt.

Dazu verdeutlicht Bent Branderup die Ethik der akademischen Reitweise. Mit der Gerte wird niemals geschlagen. Darum ist sie auch aus Holz, der trockene, dürre Stecken bricht beim Schlag sofort – im Gegensatz zu den Kunststoffgerten. Das Pferd gehorcht nicht aus Angst, sondern weil es verstanden hat, was gemeint ist, und weil ihm die Arbeit Freude bereitet.

Wie man so eine Gerte aus Holz selbst herstellen, vom Schneiden bis zum „Geraderichten“, wird anschaulich gezeigt. Ich habe mittlerweile auch so eine kleine Gertensammlung, benutze aber immer noch die erste, welche ich in die Finger bekam. Diese macht an ihrem Ende einen leichten Knick, den ich sehr praktisch finde, um Príncipe im Kruppeherein auf mich zukommen zu lassen. Es macht richtig Spaß, mit verschiedenen Hölzern zu experimentieren. Bent Branderup bevorzugt Obstgehölz, wie er uns erzählt.

Dann bekommt man auch noch Hausaufgaben auf: Fechtübungen. Nein, wir müssen niemanden ins Herz treffen, sondern unsere Körperbeherrschung und das Rhythmusgefühl trainieren. Damit wir nicht nur wissen, was wir dem Pferd mitteilen wollen, sondern es auch mitteilen können.

Für mich war dieser Videolehrgang ein wichtiger Meilenstein um zu verstehen, was mit der Gerte in den anderen Videos und Seminaren, welche ich besuche, gemacht wird. Dahinter ist so viel Wissen verborgen, welches heute einem Reitschüler schon langen nicht mehr gelehrt wird. Daher bezeichne ich ihn als einen der wichtigen Bausteine, um die akademische Reitweise zu verstehen.

Das Videoseminar wurde von Bent Branderup und Bianca Grön erstellt. Der Lehrgang besteht aus 8 Videos mit einer Gesamtlänge von 1:04h. Er ist in Englisch und sehr gut zu verstehen. Wie die anderen ist er online zugänglich und nicht downloadbar.

Links:
http://www.bentbranderupshop.com/videos/academic-whip.html

Foto:
Lotte Lekholm, https://www.facebook.com/lotte.lekholm

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Rezension: Bodenarbeit – ein Videokurs von Bent Branderup

Dieses ist der Artikel 5 von 8 in der Serie Rezensionen
Veranschaulichen und erklären, was "Biegen" eigentlich ist. Hier das Führen der Schulter als Vorbereitung zum Kruppeherein. Das Schulterherein als Grundlage zum Kruppeherein.

Veranschaulichen und erklären, was „Biegen“ eigentlich ist. Hier das Führen der Schulter als Vorbereitung zum Kruppeherein. Das Schulterherein als Grundlage zum Kruppeherein.

„Das Pferd muss zuhören wollen.“ Mit dieser Aussage begrüßt uns Bent Branderup und verrät uns damit sein erstes Geheimnis der akademischen Reitkunst. Eine freundschaftliche Schüler-Lehrer-Beziehung, basierend auf gegenseitigen Respekt und Sympathie, ist die Grundlage allen weiteren Vorgehens. Horsemanship mit Ruhe und Gelassenheit (mein Lieblingsgefühl) ohne Longengefuchtel, Showeinlagen oder Dominanzrechtfertigungen. Lieber Herr Branderup, falls Sie dies lesen, machen Sie doch mal eine kleine Videoreihe über dieses Thema.

Erst, wenn die Beziehung zwischen Pferd und Mensch stimmt, können wir mit der „Arbeit“ beginnen. Im Bodenarbeitteil der Videoreihe des Kurses lernen wir, wie wir mit unserem Pferd zusammen Schritt für Schritt seine Balance, Geschmeidigkeit und Taktreinheit aufbauen. Im ersten Teil? Ja, Überraschung: der Kurs besteht aus 2 Teilen, Bodenarbeit und Longenarbeit, mit insgesamt 27 Lehrvideos , 4 Bonusvideos und einem Skript, welches man sich downloaden kann. Ich habe mir daraus ein kleines DIN A5-Handbuch gedruckt. Auf einen Theoriepart folgen praktische Beispiele und Anwendungen mit verschiedenen Pferden unterschiedlichen Ausbildungsstandes und Talentes demonstriert, so dass man den Blick für das eigene Pferd schulen kann.

Der "kleine Cara" zeigt und demonstriert uns die Übungen für ein Pferd seines Ausbildungsstandes.

Der „kleine Cara“ zeigt und demonstriert uns die Übungen für ein Pferd seines Ausbildungsstandes.

Der Kurs ist in Deutsch und wurde in Zusammenarbeit mit Marc Lubetzki, dem bekannten Tierfilmer, erstellt. Er steht online zur Verfügung, man kauft den Zugang zu den Videos. Für mich ist das ein kleiner Wehrmutstropfen, da auch die – in meinem Fall – Telekom mit daran verdient. Wichtig finde ich: ich kann die Videos mit meinen iDingern, iPhone und iPad, auf dem Sofa oder im Stall ansehen. Tipp: auch wenn die Videos den Ausbildungsfortschritt der Pferde begleiten, ist es von Vorteil alle vorher mehrmals anzusehen, da sich dann der Zweck der Basisarbeit wesentlich besser erschließt. „Die Basis muss eine Basis für etwas sein, sonst ist sie keine Basis.“ – Bent Branderup. Und dann werden Sie auch diesen Satz verstehen.

Im Vergleich dazu der ältere Corazon.

Im Vergleich dazu der ältere Corazon.

Zuallererst lernen wir die gemeinsame Mensch-Pferd-Pferd-Mensch-Sprache. Diese Grundlage kann man gar nicht oft genug erwähnen.

In der Bodenarbeit stehen wir direkt am Pferd und verwenden einen Kappzaum. Wir bitten das Pferd sich richtig zu biegen, unterzutreten und die Grundbewegungsabläufe zu lernen. Ziel ist es, dass unser Pferd das von sich aus macht und nicht auf unseren Zug hin. Ziehen wir das Pferd, so haben wir immer von ihm einen Gegenzug, welcher die falschen Muskel zum Anspannen bringt, und wir damit das Gegenteil von dem, was wir wollen, erreicht haben. Dies ist das zweite Geheimnis der akademischen Reitkunst. Das Pferd trägt sich selbst. Erst wenn es dies kann, kann es später auch den Reiter mittragen. Es ist immer in Balance.

Die Longenarbeit baut logisch darauf auf. Somit ist sie in der akademischen Reitkunst mehr als ein Herumtreiben im Kreis, wie ich es leider immer noch so oft sehe. Das Pferd lernt ohne Hilfszügel sich selbst zu tragen, seine Balance zu finden, geschmeidig zu werden. Um dies zu erreichen, werden die Übungen an der Longe zu einem abwechslungsreichen und interessanten Ballett des Pferdes. Als ich vor über tausend Jahren mit dem Reiten angefangen habe, haben unsere Lehrer uns noch erklärt, wozu man dies oder jenes macht. Irgendwann gab es dann einen Bruch, und das Wissen schien verloren. Ich habe mal nachgerechnet: mein ältester Reitlehrer hat um 1900 als junger Mann das Reiten gelernt. Ich war damals sehr jung und er sehr alt. Er kam immer wieder an den kleinen Reitplatz, auf dem ich übte und es entwickelt sich eine Freundschaft. Wir beide bezogen uns auf Steinbrecht. Er erzählte von der Kavallerie, und wie das damals war. Ich schweife ab…

Gebogenes Gerade, Blickschulung, Positionierung, alles Themen, die heute nicht mehr in Reitschulen gelehrt werden. Hier steht das Wissen wieder zur Verfügung und ich meine, dass jeder Pferdemensch es nützlich finden kann, es in seine eigene Reitweise einzufügen, sei es im Spring-, Westernreiten oder auch der Doma Vaquera.

Damals war ich teilweise schon Autodidakt, heute bin ich es zur Gänze. Und hier greift der Kurs von Bent Branderup ein. Ich halte ihn dafür geeignet, mich und mein junges Pferd auf das Reiten vorzubereiten, so ich es mir vorstelle. Ich habe zwar das Glück in meiner Nähe eine Meisterin der akademischen Reitkunst zu haben, dennoch, selbst wenn ich es nutzen würde, würde ich doch die allermeist Zeit alleine arbeiten. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Branderup-Videokurse alleine ausreichen, um sich und sein Pferd auszubilden. Für mich selbst denke ich ja – arrogant, wie ich bin – , und könnte ich es mal tatsächlich so durchführen und Príncipe und mich später zur Überprüfung Herrn Branderup vorstellen.

http://www.marc-lubetzki.com/8961

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