Die Balance Teil II – Versammlung

Dieses ist der Artikel 4 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Autorin Stefanie Niggemeier mit Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight in der modernen Pilarenarbeit.

Autorin Stefanie Niggemeier mit Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight in der modernen Pilarenarbeit.

Wir haben im ersten Teil dieser Reihe gesehen, wie wichtig es für das Reitpferd ist, eine Balance in seitlich- vorwärts schwingender Richtung zu finden. In diesem Artikel wollen wir uns mit einer weiteren Art der Balance beschäftigen, die ein jedes Reitpferd finden lernen sollte, mit der Versammlung. Wenn wir das Wort „Versammlung“ hören, dann assoziieren wir das schnell mit bestimmten Lektionen. Diese erscheinen uns als erstrebenswert, sehen wir sie doch auch in der Kunst abgebildet als das Optimum der Reitkunst. Leider sehen wir im Bestreben, eine bestimmte Optik nachzuahmen, oft auch eine Pervertierung derselben, weil der Ausüber offenbar nicht verstanden hat, warum eine Lektion nur in einer Weise gesund ist für das Reitpferd – nämlich der biomechanisch korrekten, die auf der natürlichen Bewegungsmöglichkeit jedes einzelnen Pferdes individuell basiert. Wir wollen uns zum Verstehen dieser biomechanischen Prozesse hier zum bildlichen Vergleich eine Reihe Domino-Steine vorstellen, die nur dann problemlos fallen kann, wenn jedes Steinchen an seinem Platz ist und nichts die Kette unterbricht. So ist allen versammelnden Übungen etwas gemeinsam: das Pferd wird von Schubkraft zu Tragkraft geschult. Zuerst geschieht das mit dem inneren Hinterbein und findet seinen Beginn im Reiten von Bahnfiguren wie Schlangenlinien, Volten oder Zirkeln, letztlich mündet diese Abkürzung des Schubes in einer vollen Lastaufnahme des Pferdes wie z.B. der Levade. Wenn man an Versammlung denkt, so muss der erste Blick auf die Tätigkeit der Hinterhand des Pferdes fallen. Hier wird die Kraft produziert, die zuerst das Pferd, dann das Pferd samt Reiter trägt. Das kann jedoch nur dann reibungslos vonstattengehen, wenn alle Gelenke der Hinterhand funktional aufeinander ausgerichtet sind – wir denken hier wieder an die oben beschriebene Kette Dominosteine. Ein weiterer wichtiger „Dreh-und Angelpunkt“ – im wahrsten Sinne des Wortes – ist der Übergang von der Hinterhand zum Rücken: das Kreuz-Darmbein-Gelenk (Iliosakralgelenk, kurz ISG) und dann die Lende des Pferdes. Doch besteht der Körper des Pferdes ja nicht nur aus Knochen und ihren Gelenkverbindungen, sondern auch Bindegewebsstrukturen und Muskeln. Diese, und zwar explizit, muss der Reiter bei seinem Pferd trainieren, will er es dauerhaft gesund und fit für seine Aufgabe erhalten, bzw. darauf vorbereiten. Wir kennen den Begriff „Form“ aus der Skala der Ausbildung. Die Formgebung des Pferdes, das Finden einer bestimmten Optik ist in der Reitkunst oft nur ein kurzer Moment und schnell vergangen. Reitkunst ist Kunst für den Augenblick. Doch ist es so, dass eine Wiederholung dieser Augenblicke dem Pferd auch im Ruhezustand eine bestimmte Form gibt, die neben einer entsprechenden Muskulatur vor allem auf die Formgebung der Faszien zurückzuführen ist. Die Fascia profunda, die „allumfassende“ Faszie, die den gesamten Körper gleich einer zweiten Haut umschließt, ist nur an wenigen Punkten direkt mit dem Skelett verbunden. Zwei dieser Punkte sind die Hüften und das Hinterhauptbein. Über diese Struktur , sowie über das Zusammenspiel der Muskulatur von Zungenbein und Hüftbeuger ( m. Psoas ) ist die Tätigkeit der Hinterhand direkt am Kopf des Pferdes ablesbar. Wenn das Pferd seine Hinterhandgelenke gleichmäßig beugt, die so erzeugte Kraft über das ISG , die Lende und den Rücken , zwischen den Schultern hindurch, über die Halswirbelsäule und deren Übergang in den Schädel, das Cranio-Sacral-Gelenk ( Okzipitalgelenk) in das Hinterhauptbein mittels Muskelkraft und in Faszien gespeicherter Energie überträgt, dann wird das Pferd von alleine – und diese Freiwilligkeit ist elementar für echte Versammlung – in eine Beizäumung kommen, was bedeutet, dass der Schädel aus dem Genick ganz locker pendelt und das Kinn des Pferdes sich ein wenig dem Hals nähert, es wird ein wenig enger in der Ganasche. Wenn das geschieht, dann verlängert sich die Oberlinie des Pferdes, während die Unterlinie sich verkürzt – das Pferd nimmt eine andere Form an. Wird dieser Prozess jedoch mit der Hand erzwungen, dann fällt der hintere Teil der Zunge vor den Kehldeckel, das Pferd kommt in Luftnot und resultierend aus der künstlich erzeugten Spannung im Kopf-Hals-Bereich und auf dem Zungenbein werden auch die Gelenke der Hinterhand nicht mehr funktional arbeiten können – eben weil der gesamte Pferdekörper eine Einheit ist. Die durch die Versammlung erlangte Balance bringt dem Pferd in seiner Aufgabe als Reitpferd einen großen Profit, da es gelernt hat, nicht nur sein eigenes Gewicht , sondern zusätzlich auch das Gewicht des Reiters in einer für das Pferd gesunden Weise zu tragen, nämlich aus dem Motor Hinterhand. Diese Fähigkeit herzustellen, damit haben sich alle Alten Meister von Xenophon bis zu den letzten Reitakademien vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beschäftigt. Sie alle haben verschiedene Formulierungen für diese Arbeit gefunden, haben bestimmte Lektionen oder Ausbildungstechniken bevorzugt, um dieses Ziel zu erreichen und die ihnen zur Verfügung stehenden Pferde optimal zu fördern. Auch die modernen Reitlehren sehen ganz klar ein Ziel der Ausbildung: pferdegesunde Versammlung, um optimale Gesunderhaltung des Pferdes zu bekommen. Seit über 2000 Jahren bemühen sich Reiter aller Epochen darum, den Zustand zu erreichen, den Xenophon folgendermaßen beschreibt: „Wenn man das Pferd mit dem Zügel durchhält, während es die Hinterhand nach vorne untersetzt, so beugt es die Hinterbeine in den Hanken, die Vorhand aber hebt es in die Höhe, so dass dem Gegenüberstehenden Bauch und Schamteile sichtbar werden.“ Dabei sollte nicht eine bestimmte Lektion das Ziel sein, sondern allein der Weg zur Versammlung und die Arbeit mit versammelnden Lektionen bringt unseren Pferden einen größten Benefit. Gemäß dem Motto: “ Der Weg ist das Ziel“ machen wir uns also auf die Reise!

Links: Wer Stefanie Niggemeier persönlich erleben will, Termine findet Ihr hier: http://barocke-pferdeausbildung.jimdo.com/termine/

Monsieur de Kraut (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Monsieur de Kraut
(mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

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Die Balance – das Alpha und Omega der Pferdeausbildung Teil 1

Dieses ist der Artikel 3 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier

Das „Croupe au Mur“ wurde mit dem geschulten Pferd über vier Hufschläge gearbeitet. Wichtig auch hierbei: das Pferd fußt vorwärts und seitwärts auf. (Johann Elias Ridinger, – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Wenn wir über Balance sprechen, kommt mir immer das Bild eines Seiltänzers in den Sinn. Stets bemüht, die Balance in der Bewegung in jedem Moment neu zu finden, nutzt er Tempo, Takt und Schwung, sowie ein Ausrichten seines Körpers. Je näher er die Beine zusammenbringt, die Arme an den Körper nimmt, desto schwieriger wird es, die Balance zu halten. Schon eine kleine Gewichtsverlagerung kann diesen empfindlichen Zustand stören.

So geht es auch unseren Pferden.

Auf der Suche nach der Balance haben Pferdeausbilder über die Jahrhunderte ausführliche Beobachtungen gemacht und ihre Erfahrungen in bestimmte Bewegungsabläufe umgesetzt, die als besonders förderlich galten, um Balance zu erreichen. Diese Bewegungsabläufe, in denen das Pferd seine Beine in einer bestimmten Weise bewegt, eine bestimmte Rückentätigkeit ausführt, einen bestimmten Schwung entwickelt oder Gelenke in bestimmter Weise beugt und streckt, wurden früher „Schulen“ genannt, wir kennen sie heute unter dem Begriff „Lektionen“.

Niemand hat den Begriff „Schwung“ bisher so treffend beschrieben wie der Oberbereiter der Kavallerieschule Hannover, von Holleuffer. Für ihn ist die Tätigkeit der Wirbelsäule eine Bewegung in drei Dimensionen: vorwärts-rückwärts, hoch-runter und recht-links. Er sagt: „Die Schwingungen sind sichtbar, fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen. […] Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger. Die letzten verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule. („Die Bearbeitung des Reit-und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“, Hannover, 1882).

Wenn wir mit der Pferdeausbildung beginnen, fangen wir zuerst mit der Herstellung des Gleichgewichts in Bewegungsrichtung an. Wir wollen das Pferd sozusagen seitlich stabilisieren. Diesen Prozess nennen wir Geraderichten. Wir bedienen uns dabei den Hilfsmitteln „Stellung“ und „Biegung“, indem wir zuerst Einfluss nehmen auf den Schädel und das Genick, um einen Zugang zu bekommen zur Wirbelsäule des Pferdes. Sehen wir im Verlauf der Wirbelsäule die selbe Tätigkeit wie in der Stellung von Kopf und Genick, so sprechen wir von einer Biegung, bei der sich das Pferd zwar nicht in den Rippen biegt, aber in der Wirbelsäule eine Rotationsbewegung ausführt, die auf der einen Seite zu einer Verlängerung der Linie, auf der anderen Seite zum Verkürzen der Linie führt.

Unser erstes Ziel muss so sein, die Beine des Pferdes seitlich aneinander anzunähern und das sowohl auf der rechten, als auch der linken Hand. Was sich so einfach und logisch anhört, ist eine große Herausforderung, denn ähnlich wie bei uns Menschen, haben auch Pferde eine angeborene Händigkeit. Wenn wir jetzt von ihnen verlangen, gleiche Bewegungsabläufe auf beiden Händen auszuführen, dann ist das so, als wenn man Grundschüler ganz selbstverständlich mal mit der rechten, mal der linken Hand schreiben lassen würde. Was dem Kind schon auf einer Hand schwer genug fällt und viel Übung erfordert, erwarten wir von unseren Pferden ganz selbstverständlich auf beiden Seiten und zwar von Anfang an.

Wir sollten also dem Pferd zuerst vom Boden aus erklären, wie es nun in einer Vorwärts- Seitwärts -Bewegung seine Balance finden kann, wie der Schwung der Wirbelsäule sein soll.

Hierzu dienen uns die Seitengänge Schulterherein (versale Arbeit), Kruppeherein(traversale Arbeit) und Kruppeheraus (renversale Arbeit).

Diese Lektionen helfen dem Pferd, eine gesunde dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule zu erhalten oder wiederherzustellen.

Richtig ausgeführt, werden keine Seitwärts- oder Drehbewegungen in den Gelenken der Beine produziert, weil die Gelenke über ihnen, in der Wirbelsäule des Pferdes, diese Arbeit ausführen. Die Seitengänge dienen dazu, dem Pferde das „Gerade“ zu erleichtern, weil es sich seitwärts balancieren gelernt hat.

Diese Arbeit wurde über Jahrhunderte zuerst mit dem stehenden Pferd in den Pilaren oder an einem Pilaren geübt, bevor man sich traute, die kinetische Energie, die Bewegungsenergie hinzuzufügen. Leider werden heute allzu oft die Seitengänge sofort unter dem Reiter ausprobiert, welcher der mangelnden Balance des Pferdes auch noch sein eigenes Ungleichgewicht hinzufügt. Statt also dem Pferd zu helfen, im Gleichgewicht zu bleiben, wird durch ungeschickte Hilfengebung von Sitz, Schenkel und Hand eine Balance völlig unmöglich (siehe Artikel Zungenbein).

Auch heute kommen wir wieder dahin, die Seitengänge zuerst mit dem stehenden Pferd zu üben, einfach deshalb, weil die Arbeit dem Pferd so effektiv dabei hilft, seine Balance zu finden. Wir nehmen dabei Abstand von den fest installierten Pilaren und arbeiten das Pferd an der Hand. Wir lassen das Pferd im Stand den Brustkorb aus der Hinterhand in versaler und traversaler Richtung heben. Wir beeinflussen das Zungenbein des Pferdes einmal in die eine, dann in die andere Richtung. Wir beeinflussen darüber den damit verbundenen Hüftbeuger (m. Psoas), der die Hinterhand sozusagen „an den Körper heranholt“, der die Hüfte in ihren Bewegungsrichtungen einstellt, der bei der Biegung und somit beim Finden des Gleichgewichts in seitlicher Richtung des Pferdes eine elementare Rolle spielt.

Kommen wir zurück auf unseren Seiltänzer am Anfang, so sehen wir, dass die ersten Schritte ganz ruhig und im Gleichgewicht beginnen mögen, er zum Ende der Seils aber seinem Gleichgewicht immer mehr hinterher läuft- und dabei immer schneller wird. So ist es auch mit vielen Reitpferden, die Runde um Runde immer unbalancierter werden, dafür aber immer schneller unter dem Reiter laufen. Vor allem die Qualität des Galopps leidet enorm unter diesem Umstand.

Neben dem pädagogischen Verständnis für eine Hilfe, die das Pferd durch unsere detaillierte Arbeit gewinnt, wird auch die tiefe Muskulatur aufgebaut, das Pferd gewinnt an Tragkraft. Ähnlich wie bei Techniken wie Pilates, Yoga oder Tai-Chi gewinnt die Qualität unserer Arbeit mit der Langsamkeit, mit dem Ausharren. Dann lassen wir das Pferd antreten, zuerst im Schritt und nicht übereilt. Lieber einige wenige Schritte langsam und richtig, als viele Schritte schnell und falsch. Diese Langsamkeit darf vom Reiter jedoch nicht mit einem „untertourigen“ Arbeiten verwechselt werden, bei dem das Pferd in den Gelenken eher steif wird, als sie in Ruhe beugen und strecken zu können.

Wir trainieren die tiefliegenden Bänder und Muskeln, kräftigen und elastizieren die Faszien, wir machen die Gelenke des Pferdes in alle Richtungen geschmeidig, so dass es den Brustkorb in verschiedene Richtungen heben kann, die Beine nah zueinander bringt und sein Gleichgewicht in einer Vorwärts-Seitwärts-Bewegung findet.

Hier haben wir das erste wichtige Element zum Finden der Balance erarbeitet.

Über das Gleichgewicht in anderen für die Pferdeausbildung wichtigen Richtungen, auch Versammlung genannt, wollen wir im zweiten Teil unserer Beobachtungen zum Thema Balance sprechen.

Fortsetzung folgt.

Renvers (im langen Rahmen) Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

Renvers (im langen Rahmen)
Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt “Finn”.

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Das Fasziengewebe – das unbekannte Sinnesorgan

Dieses ist der Artikel 2 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde - dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung. (Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Maximale Entfaltung der Kraft des Pferdes in den Schulen über der Erde – dank gesunder Faszien zur Krone der Ausbildung.
(Johann Elias Ridinger, Palotaden rechts – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Riechen, schmecken, hören, sehen, tasten – wer das kann, hat alle Sinne beisammen.

Doch darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Sinn, ein fast unbekanntes Sinnesorgan; größer, im Körper wahrscheinlich wichtiger als Augen, Nase oder Hände: das Fasziengewebe.

Die Faszie, eine Bindegewebsstruktur, die nicht nur jeden Knochen, Muskel, jedes Organ, Gelenk und jeden Nerv umhüllt, trennt, versorgt, ist im gesamten Körper vorhanden und erfüllt eine lebenswichtige Aufgabe. Wir können uns die Faszie als eine wabenförmige, in sich bewegliche Struktur vorstellen, die weder Anfang noch Ende im Körper hat und ihn in seiner Gesamtheit durchzieht. Sie stützt und löst, sie hält und bewegt, sie formt und ermöglicht, sie speichert und gibt frei – sie ist in ihrem Umfang lebenswichtig für jeden Organismus. Wir finden sie in Pflanzen ebenso wie in jedem Tier, ihre Bedeutung wird uns erst in den letzten Jahren immer klarer.

So wie ein Ameisenstaat ob seiner perfekten Abstimmung oftmals als ein Wesen mit vielen Gliedern angesehen wird, kann auch das Fasziengewebe mit seinen Millionen Nervenendungen als ein eigenständiges Organ, ein Sinnesorgan angesehen werden. Mit seiner direkten Verknüpfung mit dem Gehirn und den willkürlichen ( Bewegung),sowie unwillkürlichen ( Atmung, Herzschlag, Verdauung, etc.) Funktionen des Körpers, seiner kompletten Umhüllung von allen Strukturen des Körpers ist es von so großer Wichtigkeit für den gesunden Organismus, dass man es bei plötzlichen Veränderungen des gesundheitlichen Zustands auch immer als ursächlich im Auge behalten sollte.

Die Faszie kann im Körper hauchdünn oder bis zu mehreren Millimetern dick sein, sie wird von der Lymphe versorgt und eine gesunde, funktionale Bewegung des Körpers sorgt dafür, dass das Fasziengewebe beweglich und der Lymphfluss in Gang gehalten wird. In der Lymphflüssigkeit vorhandenes Fibrinogen kann unter bestimmten Umständen zu festem Fibrin werden, welches die Faszie unbeweglich werden lässt und sie verkleben kann. Ursache für solch einen Zustand kann Stress, Verletzungen (z.B. Sturz, Tritt- oder Bissverletzung), chirurgische Eingriffe ( z.B. Kastration) oder falsch erlernte und ausgeführte Bewegungsabläufe sein.

Eine weitere Eigenheit der Faszie ist ihre Fähigkeit, über die ihr innewohnenden Nervenendungen Einfluss auf das vegetative Nervensystem zu nehmen. So wirken sich nicht nur Stress und ein erhöhter Muskeltonus auf die Faszie aus, sondern eine verklebte, nicht mehr physiologisch funktionierende Faszie erzeugt Stresszustände im Körper. Entstandene Traumata können sich in der Faszie, quasi wie auf einer externen Speicherplatte des Computers, festsetzen und zum Teil erst Monate oder Jahre später , wenn eine normale Funktion wiederhergestellt ist, wieder ans Licht kommen – oftmals völlig unerwartet für den Reiter. Buckeln, Steigen, Durchgehen sind manchmal Reaktionen auf schon längst vergangene Erlebnisse, die sich aber erst jetzt lösen konnten – man spricht auch von der „Körpererinnerung“.

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen. (Johann Elias Ridinger, Galop gerade aus Rechts - mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Galopparbeit, richtig ausgeführt, hilft die Bauchfaszie zu lösen.
(Johann Elias Ridinger, Galop grad aus links – mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Neben der psychologischen Bedeutung der Faszie ist ihre Bedeutung für den gesunden Bewegungsapparat des Pferdes nicht zu unterschätzen. Durch ihre Fähigkeit, Nervenimpulse schneller und effektiver als die Nerven an die Muskulatur und die Gelenke weiterzugeben – man stelle sich in etwa den Unterschied zwischen einem Kupferkabel und einem Glasfaserkabel vor – ist die Faszie für das effektive Training des Pferdes also unerlässlich, bzw. sind Störungen ihrer Tätigkeit so schnell wie möglich zu beseitigen und in Zukunft vorzubeugen. Dies kann durch verschiedene manuelle Tätigkeiten, wie z.B. bestimmte TTouches oder ostheotherapeutische Griffe, jedoch auch Tens-Therapie oder physiotherapeutische Behandlungen und Massagen („Black Roll“- Technik) erfolgen, man kann aber auch gezielt mit der Faszie arbeiten. Die in der humanen Sporttherapie neuerdings so wichtige und neudeutsch betitelte „Core“- Arbeit ( Arbeit mit der tiefen Rumpfmuskulatur zur Verbesserung von Haltung und Balance) wird in unserer Arbeit mit dem Pferd maßgeblich mit der Arbeit mit der Schulparade erreicht, die unter anderem das für das Reiten wichtige Faszialgewebe rings um die Wirbelsäule – übrigens der Grund, warum Pferde vom Reiten keinen Bandscheibenvorfall bekommen – und die Bauchfaszie kräftigt.

Verklebungen in der Bauchfaszie, ausgelöst z.B. durch falschen oder übermäßigen Einsatz von Sporn und/oder Schenkel, haben oft fatale Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Pferdes, seine Atmung ist oftmals flach, es kann unter Verdauungsbeschwerden leiden, ist nicht mehr in der Lage, sich zu biegen und kann keine gesunde Rückentätigkeit mehr zeigen. Dieser Zustand wird bei den alten Meistern oft als „Spornstätigkeit“ bezeichnet und, so rät schon Guérinière, darf keinesfalls durch noch mehr Engagement des Reiterbeins, sondern durch vermehrtes lockeres Gehen lassen des Pferdes kuriert werden. Ein erstes äußeres Anzeichen kann fehlendes Fell in der Schenkellage oder aber optisch enger anliegendes Fell in diesem Bereich sein.

Die faszialen Verklebungen, vor allem im Bereich der Gelenke, können einen arthrose- oder gichtartigen Schmerz verursachen, der von einer leichten „Fühligkeit“ bis zur Lahmheit des Pferdes führen kann – und auch das Lösen dieser Verklebungen kann unangenehm und schmerzhaft sein.

Verknotungen im Gewebe, Löcher in der Muskulatur, Atrophien von Muskeln gehen immer auch einher von pathologischen Veränderungen im Faszialgewebe. Diese müssen sorgfältig, langsam und behutsam gelöst werden – auch diesen Rat finden wir in etlichen Werken der alten Meister von Xenophon bis Seunig, die jede Exaltiertheit und plötzliche Bewegung ablehnen, die die Qualität der Bewegung in ihrer Langsamkeit und Formbarkeit sehen, um den maximalen gymnastischen Benefit und den größten Schulungseffekt zu erhalten.

Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight.

Moderne Pilarenarbeit- die Arbeit am stehenden Pferd und in Versammlung Autorin Stefanie Niggemeier mit ihrem 9-jährigen Morgan Horse Wallach Glenmorgan Final Hylight, genannt „Finn“.

Die optimale Arbeit mit der Faszie schafft uns die moderne Pilarenarbeit, bei der der Mensch an der Hand und später eventuell auch unter dem Sattel mit dem stehenden Pferd arbeitet. En detail und in aller Ruhe werden dem Pferd die Hilfen von Hand, Körper/Sitz, Gerte und Schenkel erklärt, es gibt keine Möglichkeit zu Ausweichbewegungen. So kann schon am stehenden Pferd geübt werden, den Brustkorb schulterhereinartig (versal) oder kruppehereinartig (traversal) aus der Hinterhand zu heben oder aber das Gewicht des Pferdes in Richtung Hankenbeugung (Schulparade) auf die Hinterhand zu verlagern. Hier haben wir die Reitkunst sozusagen auf das Absolute konzentriert, der „Brühwürfel“ der Pferdeausbildung. Diese Methode, ersonnen von Bent Branderup („Akademische Reitkunst- eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter“ Cadmos Verlag, 2013), ist vor allem deswegen so empfehlenswert, weil sie deutlich weniger Gefahrenpotential birgt als das Fixieren des Pferdes in den fest installierten Pilaren.

Im Gegensatz zur traditionellen Arbeit an den oder dem Pilaren haben wir bei dieser Art der Arbeit jederzeit die Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes ins Vorwärts zu lösen, falls das notwendig werden sollte – sie könnten ja auch in diese Richtung verklebt sein.

So sehen wir schon eine andere Möglichkeit, die Faszien rund um die Gelenke, vor allem der Hinterhand und im Schulter-/Widerristbereich zu lösen: Seitengänge wie das Schulterherein, Kruppeherein , Renvers und die Traversale können helfen, den Pferdekörper wieder in den Fluss zu bringen und Schlackenstoffe abzutransportieren, während Sauerstoff und Nährstoffe in Muskulatur und Gelenke transportiert wird.

Der Schulschritt - ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Der Schulschritt – ebenfalls eine gute Möglichkeit, die Gelenke der Hanken zu mobilisieren und das Pferd Versammlung zu lehren. Autorin Stefanie Niggemeier

Eine weitere Möglichkeit, die Gelenke des Pferdes zu lösen, ist die Arbeit mit der Piaffe oder dem Schulschritt, bei entsprechender Ausbildung des Pferdes auch der Schulgalopp oder das Terre-à-Terre. Fällt hierbei auf, dass noch Steifheiten vorhanden sind, sollte man dazu zurückgehen, mit den oben beschriebenen Techniken die Faszie rund um das entsprechende Gelenk oder die Muskulatur zu bearbeiten.

So lösen die Seitengänge in eine Richtung, die Schulparade in einer weiteren Weise und die versammelnde Arbeit in Bewegung auf eine andere Art und Weise die Gelenke der Hinterhand des Pferdes, die aufgrund ihrer Bauweise als Motor des Pferdes gelten und dafür sorgen, in funktionaler Weise gearbeitet, dass das Pferd den Reiter auf Dauer gesund und auch bequem tragen kann.

Durch die Fähigkeit der Faszie, Bewegungsenergie zu speichern, nehmen gesunde Faszien den Muskeln einen großen Teil der Belastung ab oder können ihre Kraft um ein Vielfaches verstärken. Dabei gilt: je gleitfähiger sie sind, je höher ihr Anteil an Elastin und je geringer ihr Anteil an dem festen Kollagen, desto größer ihre Fähigkeit, große Kräfte schnell freizusetzen – die Carrière gilt bei Manoel C. de Andrade („Die edle Reitkunst- Luz da liberal e Nobre Arte da Cavalleria“) als die erstrebenswerteste Lektion, die ein geschultes Pferd lernen sollte. Auch die Arbeit mit den Passaden oder letztlich den Schulsprüngen erfordert ein schnelles, kraftvolles Entfalten des Könnens des Pferdes. In der französischen Reittradition finden wir diese körperliche Bereitschaft, die allerdings ebenso einen mentalen Zustand beschreibt, mit dem Begriff „l’Impulsion“ beschrieben – ins Deutsche oft als „Schwungkraft“ übersetzt.

Mit der Zeit wird das Pferd immer mehr auch im Ruhezustand in einer optischen Form sein, die wir ihm mit Hilfe von Muskulatur, vor allem aber der Faszien entsprechend seiner Arbeit gegeben haben. Hier zeigt sich das Können des Reiters: Ist die Form physiologisch? Ist das Pferd an den richtigen Stellen gerundet, an den richtigen Stellen formbar? Sieht es athletisch, fit und kraftvoll aus? Würde man nun nur die Faszien ansehen, könnte man sie aus dem Körper „herausbeamen“, würden wir wieder das von uns geformte Pferd sehen können. Sie sind dafür verantwortlich, welche Form der Körper annimmt, wo er sich streckt, wie die Organe in ihm zu liegen kommen, welche Partien straff und welche locker sind – und das mehr noch als die Muskulatur.

Da alle Faszien im Körper miteinander verbunden sind, ist eine Störung in einem Teilbereich des Körpers immer mit Auswirkungen auf den restlichen Körper verbunden. Man kann nicht einen Teil des Körpers vom anderen trennen, eine Form, die wir dem Pferdehals geben, findet immer ihren Niederschlag im Rücken und der Hinterhand des Pferdes, die Beine müssen entsprechend bewegt werden; Verspannungen oder mit Hilfszügeln erzwungene Haltungen führen zu körperlichem und auch emotionalem Stress – wir arbeiten immer mit dem ganzen Pferd. Ob nun eine Muskelgruppe, der Hals, der Rücken, die Hinterhand oder ein Organ, immer ist der gesamte Körper UND der Geist des Pferdes miteinbezogen, wenn wir arbeiten.

Unter den inneren Organen für die Faszie besonders bedeutend ist die Milz, da sie unter anderem für den Lymphfluss verantwortlich ist. Sie liegt anatomisch gesehen genau unter dem Sitz des Reiters und/oder dem hinteren Ende des Sattels und ist von den Rippen geschützt. Ein nicht passender Sattel oder ungeschickt sitzender Reiter kann zu Wirbelblockaden in diesem Bereich führen, was die Versorgung der Faszien im Körper durch eine gestörte Tätigkeit der Milz beeinträchtigen und behindern kann. Hier sollte neben entsprechender Schulung des Könnens des Reiters auch unbedingt Wert auf passendes Sattelzeug gelegt werden.

Wie wir sehen, ist die Arbeit mit dem Fasziengewebe so umfassend, dass wir jede Gelegenheit nutzen sollten, mit ihr zu arbeiten, um unsere Pferde noch beweglicher, noch geschmeidiger, noch stärker – und noch zufriedener zu machen.

Der Schlüssel hierzu liegt für uns in der Reitkunst, deren verschiedene Lektionen darauf abzielen, das Pferd langfristig gesund zu erhalten – weil die Erfahrung die Alten Meister diese Erkenntnis gelehrt hat.

Stefanie Niggemeier
Barocke Pferdeausbildung

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Links:
Stefanie Niggemeier: http://www.barocke-pferdeausbildung.de/

und wer die Autorin live erleben möchte, zum Beispiel am
12. Oktober Kurs „Schulparade“
26. Oktober Kurs „Moderne Pilarenarbeit“
http://www.barocke-pferdeausbildung.de/termine.html

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Das Zungenbein ( lat.: Os hyoideum) – oder das Gleichgewicht liegt in aller Munde

Dieses ist der Artikel 1 von 4 in der Serie BODY AND SOUL von Stefanie Niggemeier
Stefanie Niggemeier mit ihrem bezaubernden Finn.

Stefanie Niggemeier, die Autorin dieses Artikels, mit ihrem bezaubernden Morgan Horse Glenmorgan Final Hylight, genannt  Finn.

von Stefanie Niggemeier

Das Zungenbein ist ein Knochen im Körper des Pferdes, den viele Reiter nicht kennen, obwohl die meisten von ihnen täglich im Training direkten Einfluß darauf nehmen.

Es handelt sich um einen – von oben besehen- fast H-förmigen Knochen, es erinnert an einen Schlitten, und befindet sich , an Bändern aufgehängt, im Unterkiefer des Pferdes. Von unten ist es zwischen den Unterkieferästen zu ertasten und sollte auch beweglich sein.

http://www.vetanat.uzh.ch/Praeparatorium/Shop/Zungenbein/Zungenbeinpferd-gros.jpg

Ein Video, beim dem alle Teile benannt werden:

Ist es das nicht, kann das verheerende Folgen für das Pferd haben. Ein blockiertes Zungenbein führt zu Taktunreinheiten und sogar Lahmheiten, kann der Grund sein für Anlehungsfehler, Mängel in der Durchlässigkeit, Stellungsfehler, mangelnde Fähigkeit zu Beizäumung und mangelnde Versammlungsfähigkeit. Es kann der Grund für ein plötzliches Abmagern des Pferdes sein, für Koordinationsschwierigkeiten und auch Wesensveränderungen wie Teilnahmslosigkeit oder starkes Abwehrverhalten ( Buckeln, Durchgehen, Steigen).

Wie kommt es, dass die Fehlstellung eines einzelnen Knochens solche massiven Auswirkungen haben kann? Das Zungenbein ist maßgeblich relevant für den Gleichgewichtssinn, als auch die Stabilität. Jeder kennt den Ausdruck: “ Die Zähne zusammenbeißen“- das bedeutet nichts anderes, als die Muskulatur, die das Zungenbein umgibt, anzuspannen, um es in eine stabile Position zu bringen. Trägt man Lasten mit aufeinandergepressten Kiefern, so ist das Tragevermögen deutlich größer. Mit einer Umpositionierung des Zungenbeins wird die gesamte Körperachse verschoben, bei Pferden spricht man in solchen Fällen auch von Zügellahmheit: sobald Druck auf das Zungenbein kommt, verspannt das Pferd die umgebende Muskulatur , es kommt zu dysfunktionalen Bewegungsabläufen und falscher Belastung der Gelenke.

Beim Menschen wissen wir, dass eine Fehlstellung des Zungenbeins für vegetative Beschwerden wie Tinnitus, Schwindel, migräneartige Kopfschmerzen, Seh- und Hörstörungen , Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Gliedmaßen verantwortlich sein kann; es gibt keinen Grund, warum wir nicht annehmen können, dass das Beschwerdebild beim Pferd ähnlich oder deckungsgleich ist. Ebenfalls zu erwähnen sei hier die sogenannte Cranio-Mandibuläre Dysfunktion, die mit einer speziell angepassten Zahnschiene ( „Knirscherschiene“ ) in der Humanmedizin behandelt wird.

Der sogenannte „Polizeigriff“ wird bei renitenten Personen deswegen verwendet, weil bei festgestelltem Zungenbein ein Laufen nahezu unmöglich ist: Probieren Sie es ruhig einmal aus!

Die mit dem Zungenbein verbundene Muskulatur zieht sich durch den Hals bis zum Rücken des Pferdes und findet ihren Ansatz in den Sehen des Vorderbeins. Eine falsche Hufkorrektur oder ein mangelhafter Beschlag können also schon Einfluss auf die Position und frei bewegliche Funktion des Zungenbeins haben. Auch eine ungeschickte Zahnuntersuchung, bei der die Zunge zu stark seitlich aus dem Pferdemaul gezogen wird, kann zu einer Blockade in diesem Bereich führen.

Natürlich hat auch die ungleichmäßige Abnutzung des Gebisses und eventuelle Hakenbildung Einfluss auf die reguläre Position des Zungenbeins, weshalb eine mindestens jährliche Kontrolle jedem Pferdebesitzer Pflicht sein sollte.

Warum also nutzt der Reiter schon seit Jahrtausenden ein Gebiss, um auf diese empfindliche Struktur einzuwirken? Wäre dann konsequentes gebissloses Ausbilden nicht deutlich pferdefreundlicher?

Tief eingebettet in die das Zungenbein umgebende Muskulatur ist ein Hormonpunkt, der direkt und indirekt für das Wohlbefinden verantwortlich ist. Bekommt so manch einer unter Stress “ so einen Hals“, bleibt uns in Prüfungssituationen „die Spucke weg“ oder „ein Kloss im Hals stecken“, so ist all das ein Zeichen für eine Anspannung und/oder Verspannung im Bereich der das Zungenbein umgebenden Muskulatur.

Was lässt ich dagegen tun? Um vom Sympathikusmodus , der für Flucht, Angst und Aggression, sowie allgemeines Unwohlsein verantwortlich ist, wieder zum Parasympathikusmodus zurückzufinden, weiß der Körper sich zu helfen: man gähnt, schluckt, singt, isst oder , bei kleinen Kindern besonders beliebt, lutscht am Schnuller oder Daumen. Schon lockert sich die Muskulatur, Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet, man befindet sich im „Wohlfühlmodus“. Diese Gefühl können wie mit Hilfe eines Gebisses leichter im Pferd erzeugen, wenn wir es denn in der richtigen Art und Weise gebrauchen. Wenn wir es nutzen, um das Pferd mit vorsichtigen Hilfen in der Muskulatur zu lockern, machen wir ihm das Reiten quasi auch hormonell gesehen angenehm .

Das Auslösen des Kau- und Schluckreflexes findet in den Lehren vieler Alter Meister Erwähnung, allen voran Francois Baucher, der sich intensiv mit verschiedenen Abkauübungen beschäftigt hat ( zum Beispiel dem „Cession des Mâchoirs“ , bei dem mit dem Gebiss oder Finger so lange in den Maulwinkel in Richtung Genick eingewirkt wird, bis das Pferd beginnt zu kauen und man es den Kopf danach direkt senken läßt) . Indirekt lässt sich das Zungenbein über eine entsprechende Positionierung des Schädels , auch Stellung genannt, auch gebisslos lockern. Wir sprechen dann vom „descente d`Encolure“, bei dem wir das Pferd am Kappzaum auffordern, auf eine stellende Parade hin den Kopf tief und in eine Stellung zu bringen. Diese Übung findet schon bei Newcastle Erwähnung, der für den Anfang rät, diesen Impuls mit einem Büschel Gras in die Tiefe lockend in der Hand des Reiters zu unterstützen.

Vor allem das in der Pferdeausbildung so wichtige Geraderichten hat mit der korrekten Ausrichtung von Zungenbein zu Unterkiefer, vom Unterkiefer zum Atlaswirbel und durch die Wirbelsäule , „über den Rücken“ , und in umgekehrter Richtung von der Ausrichtung der Hüfte und des tragenden Hinterbeins auf den Unterkiefer des Pferdes einen enormen Einfluss auf das mit zunehmender Versammlung immer fragiler werdende Gleichgewicht und sollte den Reiter in seinem ganzen Tun und Streben bewegen. Bei Xenophon finden wir dazu folgenden Satz: “ Die Schule aber welche „Pede“ ( Zirkel) heißt, ist sehr lobenswert, denn sie gewöhnt ein Pferd daran, sich auf beiden Kinnladen wenden zu lassen. Auch das Wechseln in dieser Schule ist gut, damit beide Kinnladen durch beide Arten der Schule gleich werden.“ Die schon im Kindesalter beim Ponyreiten geübten Volten und Zirkel finden also unter Anderem in der Arbeit mit dem Zungenbein ihre ursprüngliche Bestimmung.

Hier findet sich eine gute Möglichkeit, dem Pferd zu helfen, eine funktionelle Lage des Zungenbeins zu finden ; weitere nützliche Lektionen finden wir in den Seitengängen oder dem Karrée.

Obwohl sprichwörtlich in aller Munde, ist die gesunde Funktion des oft so unbekannten Zungenbeins also maßgeblich für die Skala der Ausbildung des Pferdes und das korrekte Beeinflussen dieses für gesundes Reiten so wichtigen Körperteils sollte stets behutsam und achtsam geschehen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

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