Von Fehlerguckern und Bandentuschlern oder: raus aus der Krise

Nur die Meinung von Príncipe zählt: Caveson und diese Kandare für schlecht befunden. Was er mag: snaffle bit und Mecate...

Nur die Meinung von Príncipe zählt: Caveson und diese Kandare für schlecht befunden. Was er mag: snaffle bit und Mecate…

Lange habe ich nicht geschrieben. Angefangen hat die Krise mit dem Kurs von Christofer Dahlgren bei Sabine Oettel in Wendlmuth. „Oh mein Gott, war der so schlecht?“ Nein, er war so gut.

Also, was ist passiert? Wie Ihr wisst, ist die akademische Reitweise mein Leitbild. All die Tänzchen und Sperenzchen, die ich drum herum mache, dienen nur dazu, noch tiefere Einsichten zu bekommen. Doch wie jede Reitweise kann auch sie fehlinterpretiert werden. Die Gründe hierfür mögen Unwissenheit, das Phänomen der „stillen Post“, Ideologismus (gibt es dieses Wort überhaupt?) oder auch schlicht und ergreifend der Einfluss sein von anderen fehlinterpretierten Reitweisen, wie z.B. das, was zurzeit immer noch unter der Flagge der FN gezeigt wird.

Für mich ist die akademische Reitweise etwas sehr großartiges und alle „Hate-erei“ tat mir da sehr weh. Wenn ich nun also schreibe, wie Christofer Dahlgren die typischen Fehler bei der AR korrigiert, dann möchte ich damit den Hate-rn keine Munition liefern.

Doch eigentlich kann es mir gleich sein. Wenn jemand etwas herunter machen will, wird er immer etwas finden, wo er ansetzt. Dabei ist es völlig egal, um dieses nun berechtigt ist oder nicht. Auch die Gründe hierfür sind vielfältig, meiner Beobachtung – auch aus meinem Beruf – lassen für mich den Schluss zu, dass diese Menschen sehr unsicher sind und über die Hate-erei sich mit anderen zusammenschließen wollen, um sich nicht so einsam zu fühlen. Konrad Lorenz schrieb darüber.

Dieses unreife Verhalten hat leider auch die meisten der großen Reiter und Vorbilder aus Facebook vertrieben, erst vor ein paar Tagen gab wieder einer auf. Sollte ich also auch aufgeben (nicht, dass ich mich nun zu den großen Reitern zähle)?

Auch die Szene um die AR ist vor einem Hate-Verhalten nicht gefeit, wir alle sind halt Menschen. Erst neulich wurde in die AR-Gruppe in Facebook ein Video hineingestellt mit den Worten „Meinung dazu?“. Dies ist eine direkte Aufforderung für viele, den oder die Gezeigte fertig zu machen. Wie gesagt, es lässt sich immer etwas finden und wenn es nur die Farbe der Reithose ist.

Verändern kann ich dieses Hate-Verhalten der Menschen nicht, es scheint uns angeboren zu sein und wir haben es mit vielen Wirbeltieren gemeinsam. Nur durch reflektierte Einsicht kann der einzelne selbst darüber wegkommen.

„Aber man wird doch kritisieren dürfen!“ Nein, das ist keine Kritik. Das ist Hate.

Kritik erfüllt 3 Voraussetzungen:

  1. Sie muss berechtigt sein.

    Der Kritiker muss die Berechtigung dazu haben. Ein Lehrer hat diese z.B. seinen Schülern gegenüber. Die Berechtigung ergibt sich NICHT daraus, dass das Gezeigte nicht dem eigenen Wertesystem entspricht.

  2. Sie muss wahr sein.

    Wahr im Gegensatz zur Meinung. Wahr ist also nur, was man messen kann. Uppsss – und schon sind wir bei einem Bruchteil aller Aussagen, welche wirklich wahr sind. Wenn die Kritik also lautet: „das Pferd geht auf die Vorhand“, dann kann man auf Fotos sehen, dass die Hinterhand im Trab bereits den Boden verlassen hat, während die diagonale Vorhand noch das Gewicht auf dem Boden hält.

  3. Sie muss spezifisch sein.

    Was genau ist nicht richtig? Aussagen wie: „was für eine schlechte Reiterin“ oder gar „die spinnt doch“ oder „bei dem wundert mich gar nichts mehr“ sind einfach nur Beleidigungen, sonst nichts.

Traurig ist es dann, wenn beim gemeinsamen Abendessen die Kollegen, die Hengsthalter oder wen anderes man sonst so findet, schlecht geredet werden, anstatt sich über das Thema auszutauschen, weswegen die Teilnehmer gekommen sind, nämlich die Besonderheit einer Reitweise. (An dieser Stelle muss ich lobend die Escuela Equitabilis um und von Sabine Oettel erwähnen, welche hier eine große Wertschätzung von anderen Meinungen lebt!)

Zurück zur Krise und zur Erkenntnis. Entgleitungen kann man nur erwachsen, sachlich und gelassen begegnen. Herum zu diskutieren hat überhaupt keinen Sinn. Man kann nur hoffen, dass das Gegenüber irgendwann ebenfalls erwachsen wird, reflektiert und dann seinen eigenen Weg findet.

Und so ist es auch nun für mich mit dem Umgang von Missverständnissen und Fehlern, welche – noch – gemacht werden auf dem Weg zur nie erreichten Perfektion. Sei es nun, dass das Pferd hinten – noch – sichtbar schlurft und eine entsprechende Schleifspur im Hallensand hinterlässt, sei es, dass es – noch – verkrampft ist, weil die Reiterin/der Reiter selbst – noch – nicht losgelassen ist, usw. Wer diese Noch-Fehler dazu verwendet, sich über andere zu stellen, wird niemals daraus lernen. Wer sie verwendet um sich selbst zu reflektieren, hat eine sehr gute Chance dazu.

Also werde ich weiter schreiben, werden meine Sicht der Dinge darlegen und sie begründen. Meine Schlüsse daraus ziehen und sie von meinen Pferden prüfen lassen, ob sie auch wahr sind. Denn letztendlich ist es nicht die mögliche Meinung anderer, welche entscheidend ist, sondern einzig und allein die meiner Jungs, welche in meinem Leben wirklich zählt.

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Der One-Rein-Stop

Vor ein paar Tagen schrieb mich eine junge Frau an, welche meinen Artikel „ANGST“ gelesen hatte. Nun ist meine Antwort so umfangreich geworden, dass ich die Mail an sie in meinen Blog stelle.

Liebe Silke, ich verwende einfach mal Deinen Vornamen hier, ich denke, dass Du Dich erkennst, für die anderen aber anonym bist.

Liebe Silke,

Deine Angst hat einen sehr konkreten Grund: Dein Pferd stürmt einfach los.

Ich hole mal ein bisschen aus: mein Reitideal ist das nach Pluvinel, welcher in der Renaissance Ludwig XIII unterrichtete. Ich suchte daher, um zu ihm einen besseren Zugang zu bekommen, Reitweisen, welche nicht von der FN/H.DV.12 beeinflusst – vielleicht sollte ich besser: verseucht sagen? – waren. Auf meiner Suche über die kalifonische Reitweise, welche sogar noch vor Pluvinel praktiziert wurde und direkt von den Spaniern kam, stieß ich auf Buck Brannaman. Der Artikel, auf den Du Dich beziehst, ging auch über den Kurs bei dessen Schüler Paul Dietz.

Buck Brannaman sagt: Gegen Angst hilft Wissen.

Du musst nun wissen, wie Du dieser Situation, wenn Dein Pferd losstürmt, begegnest.

Dazu habe ich den ONE-Rein-Stop mit Príncipe geübt. Er war damals 4,5 Jahre alt, und wir beide leider alleine mit ihm auf meinem Reitplätzchen. Es war also auch eine Frage meiner Sicherheit und der meines geliebten jungen Pferdemanns. Ich kann Dir hier meine Erfahrung mitteilen. Wie Dein Pferd das aufnimmt, weiß ich allerdings nicht. Die Gefährdung für Dich und Dein Pferd musst Du einschätzen, dafür kann ich natürlich keine Verantwortung übernehmen.

Besonders schön mit dieser Technik finde ich, dass sie Dein Verhältnis zum Pferd nicht trübt. – Ich gehe davon aus, dass Eure „Rangfolge“ geklärt ist, und er nur dieses Losstürmen zeigt, Dich sonst nicht rempelt und vom Boden aus kooperativ ist. – Es ist letztendlich seine Entscheidung, loszustürmen um dann im kleinen Kreis im One-rein-Stopp zu landen. Er kann es ja auch sein lassen – was er mit Sicherheit bald tun wird.

Ziel ist es, durch die Menge der anderen Pferde entspannt am durchhängenden Zügel zu reiten.

Der One-Rein-Stop geht so:

Dazu verwende eine Trense. Die Kandare, das mechanisches Hackamore ist dafür ungeeignet. Wenn Du einen Nasenriemen verwendest, dann schnalle ihn ganz locker, am besten lässt Du ihn ganz weg. Baue im Maul keinerlei Druck auf, weder aktiv noch passiv. Die Trense darf sich nicht durch das Maul ziehen, wenn Du keine D- oder Knebeltrense hast, binde einen Kinnkiemen unter dem Kinn in beide Ringe, dieser verhindert ebenso das Durchziehen – wenn Du weißt, was ich meine. – Ach ja, fast vergessen: Reiten heißt in diesen Phasen Schritt am DURCHHÄNGENDEN Zügel. Nimm den Zügen nicht auf, versuche nicht Dein Pferd durch Zurückziehen zu stoppen. Er wird sich nur wehren und das nächste Mal mit noch mehr Kraft nach vorne reißen.

1. Das Pferd lernt sanft den Kopf zu den Seiten zu nehmen: Du bringst Deinem Pferd bei, den Kopf, auf die Seite (beide) zu nehmen, wenn Du den jeweiligen Zügel auf dieser Seite verkürzt. Merke! Du ziehst den Kopf des Pferdes NICHT! rum, es hat gelernt auf diese Signal den Kopf auf dieser Seite nach hinten zu nehmen. Auf diesem Video kannst Du es sehen: https://www.youtube.com/watch?v=3BWm2sz52sc DAS KANN MAN AM ANFANG SEHR GUT AUCH VOM BODEN AUS IHM BEIBRINGEN, sogar in der Box oder Stallgasse. Für alle Mobbingkritteler: Nein, das Pferd fällt nicht tot um, es wird auch nicht die Wirbelsäule beschädigt. Es bekommt dadurch keinen seelischen Schaden, weder explodiert es, noch implodiert es.

2. Zur Seite treten der Hinterhand – Entkoppeln der Hinterhand: Nun sitzt Du auf Deinem Pferd. Du nimmst den Kopf des Pferde wieder rum und lässt erst dann den Zügel auf der Seite fallen, wenn Dein Pferd mit der Hinterhand einen Schritt zur anderen Seite macht, sozusagen mit ihr „ausfällt“. (Hier wirst Du bestimmt die meisten blöden Worte von Kollegen hören) Es wird erst mal verschieden Sachen herumprobieren, bis es merkt, was Du meinst. Wichtig ist das Timing des Loslassens.

3. Du bringst ihm bei, anzuhalten: Nun geht Dein Pferd im Schritt. Setzte das Signal zum Zurseitenehmen des Kopfes Deinem Pferd. Das Pferd macht nun mit der Hinterhand ausfallende Schritte zur anderen Seite. Der Kopf Deines Pferdes bleibt so lange nach hinten gebogen, bis es anhält. Egal wie lange es im engen Kreis geht, bleibe emotional neutral. Irgendwann wird es ihm zu doof und es hält an. Wenn es anhält, lässt Du den Zügel sofort fallen, als ob er heiß wäre. Sehr schnell hat das Pferd gelernt, anzuhalten, denn es ist langweilig, lange so eng im Kreis zu gehen. Wichtig: DU bleibst emotional neutral – ich weiß, ist nicht einfach.

Die Phase am Anfang im Schritt ist wichtig, denn das Pferd muss erstmal darin seine Balance finden. Der One-Rein-Stop „entkoppelt“ die Hinterhand von der Vorderhand, das heißt, Du nimmst Deinem Pferd schlicht und ergreifend durch das Seitwärtstreten der Hinterhand die Kraft, mit dieser nach vorne zu schnellen. – Das ist natürlich das Gegenteil jedes Ziel des Reitens, bei dem man mit der korrekten Biegung die effizienteste Kraftrichtung steuert, das Gegenteil vom erstrebten Geraderichten.

Nach dem Schritt, übe das im Trab, so dass er auch lernt, hier seine Beine zu sortieren. Bedenke, wenn er es auch der einen Seite kann, heißt es noch langen nicht, dass er es auch auf der anderen Seite beherrscht.

Über das erstmal alleine, bis er verstanden hat und sicher macht.

4. Dann bitte eine Freundin mit ihrem Pferd dazu, welche sich erstmal auf Abstand hält. Über für Dich die One-Rein-Stops. Wenn das – schon Routine – klappt, sucht dann gemeinsam die Situation, wenn er losstürmen will, und Du machst seinen One-Rein-Stop. Sicher merkst Du, wenn Dein Großer wieder los will. Wenn es geht, mache also einen One-Rein-Stop, bevor er los düst. Das wäre das Beste. Doch es macht nichts, wenn Du ihn erst beim Losgehen so stoppst. Lass ihm hinten im kleinen Kreis weichen. Er kann nicht mehr losstürmen, buckeln, steigen. Du hast seinen Motor sozusagen entkoppelt. Mache das ohne Schimpfen oder dergleichen, bleibe neutral. Mir hat das eine sehr große Sicherheit gegeben, ich bekomme damit diese ganzen gefährlichen Situationen in den Griff. Wenn Du in der Halle bist, ist das sowieso kein Problem, schwierig würde es nur im Gelände auf einem Hang werden oder bei hohem Tempo auf rutschigen Boden.

Übt das so lange, auch in mehreren „Sitzungen“ bis er entspannt ist.

5. Nun kommen weiter Pferde dazu. Rede mit dem Reitlehrer/den anderen, erkläre Ihnen die Situation. Wenn einer Bedenken hat, lass ihn/sie außen vor.

6. Nun solltest Du so weit sein, dass Du entspannt auf dem Pferd sitzt, wenn auch mehrere in der Halle sind. Wenn Du merkst, er spannt die Muskeln zum Losstürmen an: One-Rein-Stop.

Beim Kurs damals bin ich dann schon ganz anders entspannt auf mein Pferd gestiegen. Am Anfang war ich sehr „streng“ und habe schon bei jedem kleinen hengstischem Aufgebaue den One-Rein-Stop gemacht, bis er geistig wieder bei mir war. Heute bin ich spannt. Allerdings achte ich immer noch darauf, dass der Boden meines kleinen Reitplätzchens nicht rutschig ist, so dass ich jederzeit meinen Stopp machen kann, ohne zu befürchten, dass wir beide gemeinsamen hinfallen.

Manche haben das als nicht echten Gehorsam bezeichnet, sondern als „in Hilflosigkeit bringen“ bezeichnet. Stimmt. Es ist eine Notbremse. Es ist gut, wenn ein Pferd das kann und, wenn man Glück hat, muss man sie nie anwenden. Bei unseren beiden eben leider doch.

Ich habe diese Technik mit Príncipe so geübt, dass er dabei immer seine Balance behielt. Wenn er sich mehr auf die anderen Pferde als auf mich konzentrierte, machte ich diesen One-Rein-Stop. Nach dem ersten Überwinden zum Aufsitzen dann, merkte ich, wie einfach es ist. Dadurch entspannt man sich und damit auch das Pferd.

Ich hatte in diesem Fall halt das Glück, dies vorher zu üben und dann beim Kurs einsetzen zu können, da unser Lehrer dies auch lehrte. Schwieriger wird es bestimmt, wenn man von anderen bekrittelt und mit guten Ratschlagen zu geschmissen wird.

Ich habe hier mal Videos über eine Stute rausgesucht, die buckelte. Tierarzt und alle anderen möglichen Leute haben keine Ursachen gefunden. Es schien einfach eine schlechte Angewohnheit zu sein.

https://www.youtube.com/watch?v=tiU5yufWchk

https://www.youtube.com/watch?v=R85JsLhZQKY

https://www.youtube.com/watch?v=bhHKY9JjlXM

Welche Trainer ich Dir empfehlen kann? Den oben genannten Paul Dietz, welcher im Sommer wieder nach Deutschland kommt. Aber auch Bernd Hackl, der von deutschen Reitern oftmals geschmäht wird. Ich überhöre sowas, da die anderen gar nicht wissen, was sie da beurteilen.

Sicher gibt es viele Weg Dein Problem mit Deinem Schatz zu lösen. Hier habe ich Dir einen aufgezeigt, der mir geholfen hat und mein Verhältnis zu Príncipe sogar noch vertiefte.

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Rezension: DVD „Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli“

Dieses ist der Artikel 8 von 8 in der Serie Rezensionen
Cover der DVD "Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli" - mit freundlicher Genehmigung des Kosmos-Verlags. Bei diesem Erscheint diese DVD nun.

Cover der DVD „Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli“ – mit freundlicher Genehmigung des Kosmos-Verlags. Bei diesem erscheint diese DVD nun.

Wie fange ich nur an? ALLES!
„Geballtes Wissen in Theorie und Praxis der Pferdeausbildung“, so der Untertitel. Stimmt!

Aber erstmal von vorne: Auf dem Landesgestüt Schwaiganger fand im Mai 2011 ein Seminar statt, welches der WuWei-Verlag initiierte und zu dem er Dr. Gerd Heuschmann und Jean-Claude Dysli eingeladen hatte. Auf den beiden DVDs ist ein Ausschnitt dieses Seminars aufgezeichnet. Auf der ersten DVD ist der theoretische Teil, mit dem Vortrag von Heuschmann und einem Gespräch zwischen ihm und Dysli. Auf der zweiten dann der praktische, mit verschiedenen Reitern und Dysli selbst auf dem Pferd, seinem zu diesem Zeitpunkt 26 jährigem Hengst Okie. Ich empfehle die zweite DVD vor der ersten anzusehen, weil man dann einen leichteren Einstieg in die Theorie hat, die nach Forenkritik über diese DVD vielen doch sehr langatmig erscheint.

Wie wir wissen kommt Heuschmann aus der Ecke der FN-Reiterei und Dysli aus der des Westernreitens. Wir sind ja „akademisch“ also kümmern wir uns nicht darum… und verpassen die einfachsten und grundlegendsten Wahrheiten über das Reiten. Heuschmann sagt in seinem Vortrag, dass sein vermitteltes Wissen aus uns keine besseren Reiter macht, es wäre nur eine interessante Zusatzinformation. Dem möchte ich hier heftig wiedersprechen. Ohne dieses Wissen kann man noch nicht mal ein guter Reiter werden.

Wenn man sich heutzutage Turniere der FN/FEI, als auch des „Westernreitens“ ansieht, wird der unabhängige, erwachsene Mensch dieses Reiten nicht zu seinem Ziel erklären. Beide Szenen sind in eine Sackgasse gelaufen. Dies hat mit freudigem Reiten, seelischer und körperlicher Gesundheit des Pferdes und, ich möchte hinzufügen, charakterlicher Integrität des Reiters nichts mehr zu tun. Und das ist das Tragische. Das Wissen, welches uns Heuschmann vermittelt, hat jeder. Es wurde nur abgetan, zugedeckt, verschlimmbessert oder gar als pferdeverderbend verteufelt.

Worum ging es in diesem Seminar? Erstmal um den langen Rückenmuskel des Pferdes, musculus longissimus dorsi, und seine zentrale Rolle für dessen Gesunderhaltung beim Reiten. In witzigen Worten und bildlich dargestellten Szenen erklärt Heuschmann, welche Funktion dieser hat, und wie diese vom falsch verstanden Reiten regelrecht torpediert wird.

Danach gibt er uns das Wissen an die Hand, wie wir es richtig machen können. Hier kommt Dysli mit ins Spiel. Was Heuschmann aus wissenschaftlicher Sicht erklärt, setzt die gute alte – kalifornische – Westernreitweise aus Empirik um. Beide sagen dasselbe: Hände weg vom Pferdemaul. Beide betonen, wie wichtig es ist, dass ein Pferd frisch mit einem Reiter auf seinem Rücken erstmal seine Balance wiederfinden muss. Wenn dabei im Maul angenommen wird, wird sich der Rückenmuskel verspannen. Für ein neu gerittenes Pferd eine schmerzhafte Erfahrung. Für ein verrittenes Pferd gilt dies natürlich ebenso. Durch die verschiedenen Umstände, die Ihr kennt, bin ich mit Príncipe nicht viel weitergekommen, wobei mir dieser Winter mal wieder sehr hinderlich ist, mein geliebtes Reitplätzchen ist trotz Entwässerung eine rutschige Angelegenheit. Er befindet sich meiner Meinung nach immer noch in der Balancephase. Bei Cortes ist der Körperumbau im vollen Gange, alleine schon davon, dass ich ihn richtig auf seine Hufe gestellt habe. Auch er findet sogar für sich selber eine neue Balance. So traf natürlich diese DVD bei mir auf fruchtbaren Boden. Ich habe es gut. Allein meine Pferde sind der Maßstab ihrer Ausbildung. Ich habe keinen Reitlehrer, keine Stall“kollegen“, keine Bekrittelung, kein Heulen mit den Wölfen. Und genau dies hält uns ja davon ab, das hier vermittelte Wissen anzuwenden.

Auch in der akademischen Reitweise geht die Behauptung rum, Heuschmann stelle die Pferde zu tief ein. Dies stimmt definitiv nicht, er warnt in der DVD sogar ausdrücklich davor und begründet dies – vor allem beim jungen Pferd. Auch die Anlehnung, wie sie die FN verlangt, wird hier beim ausgebildeten Pferd soweit verzartet, dass es wirklich eine Anlehnung ist, welche vom Pferd aus angeboten wird. Andererseits, kann ich das, was Dysli zeigt, auch mit „Anlehnung“ beschreiben, wenn auch nicht per Zügel, so doch geistig vom Pferd. Diese Art der Westernreiterei reitet ausschließlich vom Sitz aus, auch die „Paraden“. Es tut mir gut, zu sehen, dass der arbeitende Reiter, zum Beispiel mit „Lasso“, gar keine Maulanlehnung haben kann, ohne durch diese Arbeitsbewegungen das Pferd im Maul zu stören. Und ich stelle – auch mal wieder an dieser Stelle – die Behauptung auf, Pluvinel ging es genauso. Damit sind wir schon beim zweiten Thema der DVD, dem Sitz. Heuschmann setzt eine seiner Schülerinnen, und bei weitem keine Anfängerin, im praktischen Teil des Kurses richtig hin und lässt sie den Bewegungen des Pferdes folgen. Man kann schon nach kurzer Zeit die positive Veränderung im Pferd sehen. Auch bei Dyslis Schülern ist der Sitz das Thema. Offensichtlich – und das entspricht auch meinen eigenen Beobachtungen – wird das richtige Sitzen nicht mehr gelehrt. Wir als Betrachter der DVD profitieren vom Wissen beider Dozenten. Und dies ist der Vorteil einer Aufzeichnung, man kann sie immer wieder ansehen und entdeckt neue Informationen, neue Sichtweisen und Ansatzpunkte. Es darf nicht unerwähnt bleiben, das Dysli auf der DVD uns die höchste Schule auf dem seinem Hengst Okie zeigt, sogar eine Galopp-Pirouette um die Vorhand. Das verwirrte das Publikum hielt den Atem an, was dies denn wohl solle. Dysli löste es auf mit einer korrekten Galopp-Pirouette auf der Hinterhand. Erst dann wurde den Zuschauern klar, welch Außergewöhnliches hier gezeigt wurde.

Mir persönlich hat diese DVD unglaublich viel gebracht. Bestätigt sie mich in meinem Weg und knüpft an das an, was ich vor über vierzig Jahren gelernt habe und geritten bin. Auch hilft sie mir dabei, wieder über meine FN-Brille, welche ich leider immer noch aufhabe, bewusst zu werden. Wo habe ich sie mir nur eingefangen?

In den Foren habe ich mir natürlich diverse Kritiken vorher angesehen, auch von Leuten, welche beim Seminar damals dabei waren. Am Schluss dieses Tages tauschten die FN-Reiterin mit dem Westernreiterschüler die Pferde. Ich war schon gespannt, wie der Warmblüter damit zurechtkäme, mit freiem Hals zu gehen. Es ist schade, dass der Westerntyp nur Galopp in Wildwestmanier gezeigte – was das Pferd allerdings gerne mitgemacht hat – und damit leider eine Diskussion auslöste. Der eigentliche, wertvolle Inhalt wurde somit in den Foren nicht besprochen. Die Krittelfraktion war mal wieder voll in ihrem Element. Auch hier ein wunderschönes Schulbeispiel, dass nur die Klugen durch das Internet klüger werden, die Dummen aber da bleiben wo sie sind und sich darin auch noch gegenseitig bestärken.

Auch wenn wir weder FN reiten, noch Western, so finden wir hier doch die Grundprinzipien des guten Reitens, welche natürlich auch für uns gelten. Auch als „Akademiker“ dürfen wir nicht vergessen, dass wir immer noch die FN-Brille aufhaben. Es gilt, die eigenen Werte immer wieder in Frage zu stellen um zu sehen, ob man auf dem richtigen Weg ist.

In zukünftigen Artikeln hier werde ich mich immer wieder auf dieses aufgezeichnete Seminar berufen können, da hier mit wunderbaren Worten ausgedrückt ist, was „Reiten“ bedeutet. Daher oben das „ALLES“!

Am 15.12.2013 verstarb Jean-Claude Dysli und folgte seinem Hengst Okie Isma Dad († 08.12.2013). Vielleicht kann ich hier einen kleinen Beitrag leisten, dass sein Pferdewissen und seine Intensionen nicht verloren gehen.

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Buckaroos – gemeinsame Wurzeln mit Pluvinel

Kampf zu Pferd, Pluvinel, rasiere dem Kontrahenten den Federpuschel vom Kopf. Mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek. Ist mit der linken Hand eine feine Anlehnung möglich, wenn mit der rechten Aufmerksamkeit, Kraft und Geschick eingesetzt wird? Daher die These: Die Pferde folgten dem Gleichgewicht des Körpers und nicht der Hand. Selbst die kleinste "Anlehnung" barg die Gefahr von Verletzungen.

Kampf zu Pferd, Pluvinel, rasiere dem Kontrahenten den Federpuschel vom Kopf. Mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek.
Ist mit der linken Hand eine feine Anlehnung möglich, wenn mit der rechten Aufmerksamkeit, Kraft und Geschick eingesetzt wird? Daher die These: Die Pferde folgten dem Gleichgewicht des Körpers und nicht der Hand. Selbst die kleinste „Anlehnung“ barg die Gefahr von Verletzungen.

Auf der Suche nach „meiner“ Reitkultur, in welcher das Pferd – wie ich es jetzt formulieren will – OHNE Anlehnung selbsttragend geritten wird, stieß ich auf Jean-Claude Dysli. „Gerd Heuschmann trifft Jean-Claude Dysli“ heißt das Video, welches der Wuweiverlag herausgab. Über das Video und den Heuschmannpart werde ich einen eigenen Artikel schreiben. Nur ein kleiner Tipp hier: durch Zufall sah ich die Disk 2 zuerst an. Das ist der Praxisteil. Erst danach weiß man, vor allem, wenn man noch unberührt von der altkalifornischen Reitweise ist, worum es in den Gesprächen auf der 1. Disk überhaupt geht.

Zurück zu meiner Mission. Dysli wird meiner Meinung nach nicht die Beachtung geschenkt, die er verdient hat. Er starb am 15.12. 2013. Ich kann mich erinnern, ihn als Jugendliche gesehen zu haben. Doch meine Wahrnehmung damals sah das Besondere nicht, denn, wie er ritten wir in den Distanzkreisen alle mit dem Körper und den durchhängenden Zügeln. Anders konnte man die langen Strecken ohne den Pferden zu schaden gar nicht reiten. Dyslis Bestreben war es, den ganzen „Handreitern“ zu zeigen, wie elegant und leicht es ohne Hand geht. Wie ich aus dem Video „Zwei Legenden – eine Mission“, in dem er mit Manuel Jorge de Olivera über spezielle Pferdeausbildungssituationen diskutiert, heraus höre, schien er diese Mission als gescheitert zu betrachten. Kann ich sehr gut verstehen, wenn man sieht, was in der Wettbewerbsszene des Westernreitens gezeigt wird, und wie sich die sogenannte „FN-Reiterei“ im ihrer immer noch akzeptierten Rollkur als reine Pferdequälerei darstellt. Olivera tröstet ihn und meint: seine Mission ist dann nicht gescheitert, wenn er einem einzigen Reiter die Augen geöffnet hat.

Die altkalifornische Reitweise, wie sie Dysli zeigt und, für mich sehr wichtig, erklärt, hat so viel mit dem heute gezeigten Westernreiten zu tun, wie die akademische Reitweise mit der heutigen Turnierreiterei. Interessant ist dabei noch, dass die „modernen Westernreiter“ der damaligen, altkalifornischen Reitweise dieselben bösen Worte vorwerfen, wie es die moderne deutsche Reiterei gegenüber der authentischen Renaissance-/Barockreiterei tut. Die „Barockreiterei“ der FN ist für mich herkömmliches Reiten in Kostüm, mehr nicht.

Mit anderen Worten ist es sozusagen archäologisch interessant, Reitweisen zu betrachten, die durch die deutsche Kavalleriereiterei nicht beeinflusst sind. Unsere Beeinflussung geht so weit, dass wir nur mit der FN-Brille Pluvinel übersetzen und lesen. Wir können es uns gar nicht mehr anders vorstellen.

Hundert Jahre vor Pluvinel kamen die Spanier nach Amerika und brachten, in mehreren Schüben, ihre Pferde mit. Wie Dysli in seinem Buch „His way of Life, Ein Appell an das Gewissen der Reiter!“, erschienen im Wuweiverlag, erzählt, gibt es noch in Kalifornien große Ranches, welche Spanish Grants sind, da sie von der spanischen Krone verschenkt worden waren. Die Familien dort sprechen oftmals fast ausschließlich spanisch. Die Tradition wird dort hoch gehalten: „We ride the spanish way, we keep the spanish tradition!“

Diese altkalifornische Reitkultur hat mit der von Pluvinel gemeinsame Wurzeln. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu der herkömmlichen Reitweise können mir Rückschlüsse geben, wie Texte aus der Renaissance und vielleicht auch des Barocks zu interpretieren sind.

Und was ist nun der Unterschied? Die Reiter reiten mit dem Körper, mit dem Gleichgewicht. wenn es bei der Ausbildung in der Trensenphase eine Einwirkung auf das Maul gibt, ist dies nicht auf die Zunge oder den Laden, sondern ein leichtes Zupfen am Maulwinkel. Ansonsten liegt die Trense passiv im Maul. Das Nachgeben im Genick wird nicht durch Kraft erzwungen, sondern ist vom Pferd verstanden worden. Die Biegung und die Stellung werden aus der Hinterhand geritten, wieder aus dem Sitz/Körper heraus. Die Schulter, bei Bedarf über den dort anliegenden Zügel gelenkt. Die Beine werden, wenn überhaupt nur dann eingesetzt, kurz bevor das Pferd „ausfällt“. Warum keine Mauleinwirkung? Dysli zeigt es in dem Video. Wenn man mit der rechten Hand ein Rope arbeitet – oder, wie ich hinzufügen möchte, ein Schwert oder eine Lanze – ist die Gefahr einer falschen Einwirkung oder gar Verletzung mit der linken Hand im Maul viel zu groß, also Hand weg vom Maul. Das Pferd wird so weit ausgebildet, dass es sich selbst richtig biegt und stellt. Dass Pferde all dies können, kann man wunderbar bei ihnen beobachten, wenn sie auf der Weide zusammen spielen.

Meine These: auch unter Pluvinel, als Kampfreiter, hat man die Hand und die Einwirkung auf das Maul nicht benutzt. Die Pferde folgten dem Reiterkörper um immer wieder das Gleichgewicht herzustellen. Dass dies angeboren ist, konnte ich bei den Pferde, welche ich ausbildete und noch ausbilde, beobachten. Sie verstehen es von Natur aus.

Auch der Ausbildungsweg über die Trense, Bosal und dann Kandare ist letztendlich der gleiche wie bei Pluvinel.

So, nun muss ich es nur noch selbst im Sattel zeigen, damit man weiß, was ich meine.

PS: ach ja, was ist denn ein Buckaroo? Schlicht und ergreifend: das Wort leitet sich von „Vaquero“ ab, gemeint ist heutzutage ein Cowboy aus Passion, der in der Tradition der spanischen Reitkultur arbeitet.

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Der Sitz – der Sitz – der Sitz

Bent Branderup erklärt den Sitz. Im Hintergrund ein echter "Branderup" - eine Zeichnung, die sich im Laufe des Vortrages entwickelt und die komplexe Mechanik vom Reiter-Pferde-Paar erklärt.

Bent Branderup erklärt den Sitz. Im Hintergrund ein echter „Branderup“ – eine Zeichnung, die sich im Laufe des Vortrages entwickelt und die komplexe Mechanik vom Reiter-Pferde-Paar erklärt.

Bent Branderup war wieder in Wendlmuth, am 10, und 11.Oktober 2015 auf der Reitanlage der Familie Andraschko, deren wunderschöne Halle den geeigneten Rahmen bietet, und deren Seminarraum für solche Kurse unabdingbar ist. Rahmenbedingungen geschrieben, wie in der Schule gelernt: wer, wann, wo.

Und natürlich gab er wieder eine so große Vielzahl an Informationen, dass es unmöglich ist, alle hier zu erläutern. Darum setze ich – auch mal wieder – meine persönliche Brille auf und habe mir das herausgesucht, was mir in diesem Moment am wichtigsten erscheint.

Diesmal ist es der Sitz. Ich hatte schon mal darüber als Seminarthema von Bent Branderup geschrieben, möchte es diesmal aber in den tieferen Zusammenhang meiner eigenen Studien stellen.

„Der Sitz ist die Primärhilfe.“ Hand und Bein sind nur Sekundärhilfen, die dann angewendet werden, wenn das Pferd noch nicht so weit ist, allein auf den Sitz zu hören. „Ja“, sagt jeder – besser jede – und reitet munter mit Hand und Bein weiter. Und unter uns, es ist erstaunlich, wie katastrophal schlecht auch erfahrene Reiter auf dem Pferd sitzen. Aber davon mehr in weiteren Artikeln hier über dieses Thema.

Es mag vielen müßig erscheinen, sich immer wieder mit diesem Thema zu beschäftigen, doch die Worte dringen nicht in den Verstand. Bent Branderup versucht daher den Ansatz: „wenn Du es fühlst, weißt Du es“. Daher hat es mir sehr gut gefallen, wie Herr Branderup sozusagen „trocken“ zeigte, was er meinte. Und mir hat gefallen, dass er damit an seine alten Videos und Filme anknüpft. Die wirklich alten Meister sehen im Sitz das Reiten. Die Hände spielten in der Gebrauchsreiter gar keine Rolle. Sie wurden nur zu Ausbildung und Unterstützung verwendet.

Es ist sehr schwierig, das Gefühl für den Sitz zu vermitteln, wenn die Schüler in einem Kurs Wunder in den Gangarten erwarten. Der Weg ist lang.

Für mich selbst ist es schwierig, da ich mich mit dem Thema so intensiv beschäftige. Mit geht es fast wie dem Tausendfüßler, dem man erklärte, wie er seine Beine bewegt. Er fängt an, darüber nachzudenken und stolpert – natürlich – dann über seine eigenen Füße. Nur die Liebe brachte ihm in der kleinen Geschichte die Intuition zurück.

Nach all den letzten Jahren komme ich wieder in die aktive Reiterei zurück. Die Zeit dazwischen nutzte ich für ein regelrechtes Studium der Reitkunst. Und ich bin in der glücklichen Lage, zwei bezaubernde Pferde an meiner Seite zu haben, denen nicht nur das Nachdenken Spaß macht, sondern die – vor allem Príncipe – auch körperlich in der Lage sind, mit mir diesen Weg zu gehen.

Nur verlor ich meine Intuition. Verlor! Vergangenheit. Einer der Bausteine sie wiederzufinden war Bent Branderup in seinem Kurs. Auch er bereitete den Weg zurück, zu meinem Ursprung. Somit bin ich guter Dinge mich, größtenteils autodidaktisch, auf den Spuren von Pluvinel zu befinden, der von allen immer noch mein größtes Vorbild ist.

Pferd und Reiter gelassen in ihrem Können - das ist die Kunst Monsieur de Kraut (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Locker aus der Hüfte reiten – das ist die Kunst
Monsieur de Kraut
(mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Mehr über den Kurs ist bei Anna Eichinger zu erfahren:

http://annaeichinger.com/branderupkurs-oktober2015/

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ANGST

Dieses ist der Artikel 2 von 2 in der Serie Die innere Stärke des Reiters
Harmonie und innere Zufriedenheit bei Mensch und Pferd. Bild aus "Ecole de Cavalerie. (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek

Harmonie und innere Zufriedenheit bei Mensch und Pferd.
Bild aus „Ecole de Cavalerie. (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Eigentlich sollte dies ein Bericht werden über den Kurs mit Paul Dietz, welcher aus den Staaten nach Europa kam und hier Horsmanship im besten Sinne des Wortes unterrichtete. Er ist ein Schüler meines geschätzten Buck Brannaman (das hat so gar nichts mit Parelli zu tun, was man hier in Deutschland immer dazusagen muss) und kam auf Einladung von Karin Thümler auf den Kiesenhof bei Freystadt vom 7. Bis 10. August 2015. Doch, Ihr wisst ja, bei mir wird immer so eine ganz persönliche Sicht und Sache daraus.

Ich buchte den Kurs Monate zuvor, weil ich Príncipe beibringen wollte, sich gelassen zwischen fremden Pferde zu bewegen und auf mich zu hören. Príncipe ist ein nun 5 jähriger P.R.E., Hengst, und in seiner zweiten – schwierigen – Pupertätsphase. An alle, die es nicht wissen: ein Pferd ist erst mit ca. 6,5 Jahren wirklich ausgewachsen. Príncipe ist in den Alter, in dem ein Hengst seine Stellung in seiner Hengstgruppe festigt – das hat nichts mit der Stutenherde zu tun. Wo das steht? Meine Erfahrung aus 42 Jahre Hengsthaltung. Es ist immer das Gleiche. Und so dachte ich mir, dass Paul Dietz und seine Teilnehmer genau die Richtigen sind. Hengste werden im Übrigen ja als Monster angesehen.

Ich kam am Vorabend spät, schon nachts, am Stall an – mit der denkbar schlechtesten seelischen Verfassung. Seit dem Tod meines Mannes gibt es immer ein auf und ab. Und es gab sehr viel Aufregung in letzter Zeit, ich hatte Cortes gekauft. Dazu noch der Kurs, bei dem ich über 4 Tage von zuhause weg war. So dick muss es mir ja keiner nachmachen, aber Ihr kennt solche Zeiten bestimmt auch. Príncipe, dann endlich ausgeladen und in seiner Gastbox, stand natürlich nur noch auf zwei Beinen und versuchte über die Wände zu klettern, der Affe. All die Bedenken, welche die Stallbesitzerin aus schlechter Erfahrung hatte, schienen sich zu bewahrheiten und ich bedanke mich an dieser Stelle für die Geduld und Fürsorge für meinen Schatz. Als ich später im viel zu heißen Hotelzimmer war, nahm ich mir eigentlich vor, am nächsten Tag wieder abzureisen.

Und schon machte es mal wieder „klick“ – in den Ursulamodus geschaltet: das ziehe ich jetzt durch. Geholfen dabei hat mir auch die Unterstützung von Paul Dietz und seiner Frau Christine und die der anderen Teilnehmer. Ich bedanke mich hiermit bei ihnen für die Geduld und die Rücksichtnahme und – die Schokocroissants!

Das waren die Rahmenbedingungen, nun will ich endlich zum Thema kommen:

Am dritten Tag wollte ich Príncipe dann endlich reiten. Zuhause hatten wir geübt, dass ich ihn auch bei Aufregung unter Kontrolle habe und ihn in die Gelassenheit bringe. Ich stand also vor meinem Pferd und wollte aufsteigen – soweit der Plan – und bekam Angst.

Meine Knie wurden weich, die Muskel zittrig. Ich bekam schwer Luft. In meinem Kopf bildete sich das Bild eines explodierenden Pferdes und einer in tausend Teile zerbrochenen Ursula. Christine merkte dies und bot mir Ihre Hilfe an. Ich bat sie, Príncipe zu reiten, was sie nach einem Umsatteln auf einen ihr vertrauten Sattel tat. Príncipe war aufgeregt, aber sie ritten mitten zwischen den anderen Pferden. Und ich? Ich saß mit Tränen auf der Aufsteighilfe. So weit ist es mit mir gekommen. Ich traute mich nicht mein geliebtes Pferd zu reiten.

„Klick“ – Ursulamodus:

Was sagte Buck Brannaman? „Das beste Mittel gegen Angst ist Wissen.“

Also Analyse:

Erst einmal, was ist „Angst“ eigentlich? Zuerst muss zwischen „Angst“ und „Furcht“ unterscheiden. Ich will die Erklärung mit einem Wikipediazitat abkürzen: „Im Gegensatz zur Angst ist die Furcht meist rational begründbar und wirklichkeitsgerecht.“ Angst ist also nur ein Gespenst.

Und damit bin ich schon beim Kern des Problems. Natürlich ist Príncipe ein kraftvoller, junger Hengst, und natürlich bin ich körperlich noch nicht so fit, wie ich es wieder sein will. Und natürlich bin ich keine 20 Jahre alt mehr. All dies ist ein fruchtbarer Boden, denn das sind meine eigenen Bedenken. Sie lösen eine gesunde Furcht aus, welche dann in vorbeugenden Maßnahmen endet: Reithelm, Können des Pferdes, One-rein-stop, Ausrüstung.

Alles gemacht, dennoch diese Angst? Diese Bilder im Kopf? Und schon haben wir es: das sind nicht meine. Es sind fremde, welche nur auf diesen fruchtbaren Boden gefallen sind. Und jeden, den ich in den letzten Jahren um Rat gefragt habe, hat es nur noch schlimmer gemacht. Diese Ratschläge waren sicher gut gemeint, doch bewirkten sie das Gegenteil: „Weißt du, warum du nie wieder so entspannt reiten wirst? Du denkst zu viel, und damit ist das vorbei.“ Aha, ich werde also für immer angstvoll reiten? „Du bist eine tolle Theoretikerin, willst du dir das aber in der Praxis auch zumuten? Da kannst du doch nur verlieren…“ Hä? Sicher kennt Ihr solche Sprüche. Auch sind in letzter Zeit berühmte Reiter tödlich verunglückt, und die Aussage meines Helden „Steige nie aufs Pferd, wenn du ein ungutes Gefühl hast.“ kam ebenfalls erschwerend hinzu.

Weiter in der Analyse:

Wie groß ist die Gefahr denn wirklich? Der Kurs war in eine sehr gepflegten Reithalle, bei welcher die Türen trotz der enormen Hitze geschlossen blieben. Boden weich. Sehr hohe Bande.

Wann bin ich jemals vom Pferd gefallen? Ich erinnere mich in 47 Reitjahren an 4 mal. Nur einmal war es wirklich gefährlich, als ich auf Asphalt gefallen bin. Kein schlechter Schnitt für so viele Jahre.

Was kann ich tun, wenn Príncipe irgendwas Doofes macht? Ich kann den geübten One-rein-stop anwenden, der sowieso zum Kursprogramm gehört. Auch kann ich ihn gegen die Bande lenken und ihn zum Stehen bringen. Ich kann „Notabsteigen“.

Wann fühle ich mit besonders für Angst empfänglich? Das hatte ich an dem 3.Tag gemerkt: wenn mir jemand hilft. Für mich war es schon immer besser, mich mit etwas alleine auseinanderzusetzen. Meinen eigenen Stiefel zu machen, mein eigenes Tempo und Vorgehen.

Was will ich erreichen? Ich will mit Príncipe gelassen und aufmerksam die Übungen machen, welche Paul anweist, um den Pferde eine höhere körperliche Geschicklichkeit zu geben. Dabei soll sich mein Liebling auf mich konzentrieren, und, wie zuhause, Spaß am Lernen haben.

Und außerdem: ich bin ich – unabhängig, eigenständig, ich bestimme mein Leben, und ich lasse mir das doch nicht von so einer Angst verderben. Pferde sind mein Lebensinhalt, darum mache ich doch das ganze berufliche Zeugs. Und MEIN Príncipe gehört zu meinen Lebenstraum, denn ich nun umsetze. MEINS – ENDE.

Am nächsten und letzten Tag des Kurses in meiner Hallenecke ohne fremde Hilfe aufgestiegen und meinen Kleinen ganz einfach mit dem One-rein-stop gelassen gemacht. Wenn er ruhig war, die Übungen mit den anderen mitgemacht. Allerdings auch noch eigene, z. B. auf einen Punkt hin geradeaus zu gehen, was gar nicht so einfach ist, wenn noch Aufregung im Pferd ist. Und folgende Übung haben wir neu gelernt: Rückwärtsrichten (bitte nicht mit dem FN-Rückwärtsrichten verwechseln), so dass die Hinterhand unter dem Pferd ist und daraus einen Schritt mit der Vorderhand seitwärts.

So lange sind wir noch nie an einem Stück geritten, es waren bestimmt 2 Stunden. Doch sollte ich dazu noch sagen, dass beim Kurs viel gestanden wurde, als Paul Themen erklärte. Dies gab den Pferden Gelegenheit, immer über das Gelernte nachzudenken und war zugleich wiederum eine Gelassenheitsübung. Príncipe tut so was immer sehr gut.

Als dann Príncipe völlig in mir und unseren Übungen aufgegangen ist und die anderen Pferde vergessen waren, stieg ich ab. Paul fragte mich, was ich mache, und ich erklärte ihm, dass ich nun den Kurs beende, denn ich habe erreicht, was ich wollte. Es konnte von hier ab nur wieder schlechter werden. Ich nahm meinen Schatz und ging zum Stall.

Die anderen erzählten mir später, dass ihnen Paul gesagt hatte, als er Príncipe sah, wie schön er sich auf mich konzentrierte, er mit vorschlagen wollte aufzuhören, weil es nur wieder schlechter werden konnte. Doch da sah er mich schon absteigen. Wir hatten wohl das gleiche Timing.

In diesen Tagen bekam ich einen großen Teil meiner selbst zurück.

Es würde mich freuen, wenn ich durch die Analyse jemanden helfen konnte, der ebenfalls Angstprobleme hat.

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Gelassenheit – der Spiegel Pferd

Dieses ist der Artikel 1 von 2 in der Serie Die innere Stärke des Reiters
Pferd und Reiter gelassen in ihrem Können - das ist die Kunst Monsieur de Kraut (mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Pferd und Reiter gelassen in ihrem Können – das ist die Kunst
Monsieur de Kraut
(mit freundlicher Genehmigung der bayerischen Staatsbibliothek)

Das ist nun das dritte Mal, dass ich an diesem Artikel herumschreibe, immer wieder habe ich ihn verworfen, weil es mir nicht gelang, den richtigen Ton zu finden. Eigentlich sollte er ein Bericht über den Kurs von Bent Branderup in Wendlmuth vom 14. und 15. März diesen Jahres sein. Ein paar Tage nach dem letzten Kurs im Herbst starb mein Mann für uns unerwartet. Das ist einfach eine Tatsache, welche mein ganzes Leben und meine Weltsicht beeinflusst und es hat keinen Sinn das einfach auszublenden und zur Tagesordnung überzugehen.

Die akademische Reitweise und gerade die Kurse mit Bent Branderup sind und sollen mein Rückgrat in dem sein, was ich für Príncipe und mich erreichen will. Später will ich auch über meine „Reise“ in den wilden Westen berichten, über ein Horsemanship, welches von Ray Hunt und nun von Buck Brannaman gezeigt wird. Ruhiger, liebevoller, aber konsequenter Umgang mit dem Pferd. Doch letztendlich soll auch dies uns als Basis dienen, den akademischen Weg zur Vollendung zu beschreiten.

Ein bisschen habe ich mich auch vor diesem Artikel gedrückt, denn der Kurs war für mich nicht so einfach durchzustehen, beim letzten lebte mein Mann noch. Erinnerungen, Gefühle und die Unabänderlichkeit übermannten mich.

Und da bin ich schon beim Thema, welches ich hier vermitteln will.

Es gibt mehrere Aspekte von der Verfassung, in der man sich befindet. Ich werde in Laufe der Zeit alle behandeln, doch hier habe ich mir einen herausgesucht, welchen man in diesem Kurs besonders gut beobachten konnte. Wie sehr die eigene Verfassung nicht nur das eigene Weltbild, sondern auch das Verhalten anderer einem selbst gegenüber beeinflusst, habe ich am eigenen Leib in den letzten Monaten erfahren (müssen).

Der erste Aspekt ist die innere Stärke, die Gelassenheit.

Gelassenheit – das sagt sich so einfach. Wie schwer es ist, gelassen zu bleiben, habe ich durch die letzten Monate besonders erfahren müssen. Aus was setzt sich Gelassenheit denn zusammen? Ich habe mir hier meine eigenen Gedanken gemacht. Wikipedia sagt: „Gelassenheit, Gleichmut, innere Ruhe oder Gemütsruhe ist eine innere Einstellung, die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit, Nervosität und Stress.“ Diese Definition trifft aber auch auf ein: Miristallesegal zu. Daher möchte ich ergänzen: Gelassenheit setzt eine innere Stärke voraus. Und diese hat man meiner Meinung nach nur, wenn man sich „erwachsen“ benimmt.

Kurzer Ausflug: Habt Ihr schon mal von der Transaktionsanalyse gehört? Nach diesem Model nehmen Menschen eine der drei möglichen Haltungen ein. 1. Den Elternteil, der entweder kontrollierend („Hast du schon die Hausaufgaben gemacht?“) oder fürsorglich („Zieh dich warm an, es ist kalt draußen.“)ist. 2. Den Erwachsenenteil, auf den ich gleich zurückkommen werde und 3. den Kindteil, welcher sich ebenfalls in den des angepassten Kindes („Hoffentlich blamiere ich mich nicht… was werden die von mir halten?) oder des freien Kindes („Ihr könnt mich alle mal…“).

Nun sind wir wieder auf dem Kurs und natürlich wollen wir nichts falsch machen und gefallen – wir fallen in die Rolle des angepassten Kindes. Nicht umsonst wird diese Haltung als „Kind“ bezeichnet. Unser Pferd merkt natürlich, dass wir anders sind als sonst. Sein Mensch wird auf einmal unsicher. Als Fluchttier ist es daher ebenfalls in Alarmbereitschaft. Irgendwas ist da im Busch, denkt es. Erkennt Ihr das wieder? Und schon zappelt es herum, zeigt nicht, was man wochenlang geübt hat, was einem wiederum selber noch unsicher macht – und das ganze vor den Augen gerade des Menschen, dem man gefallen will. Zuhause wäre das nicht passiert, die paar dummen Zuschauer mit ihren Bemerkungen? Pffff…

Doch hier im Kurs ist das anders. Man will alle sein Können und Wissen in die Minuten stecken, in denen der Reitmeister zusieht. Herr Branderup kennt das natürlich und nimmt die Spannung aus dem Schüler. Siehe da, auf einmal wird die aufgeregte Stute ruhiger, als ob sie die Worte verstanden hätte. Hat sie natürlich nicht (ach wäre das schön), sondern die Reiterin entspannte sich. So einfach ist das. Und nochmal: so einfach ist das.

Nun wissen wir, dass nicht jeder Lehrer didaktisch so viel drauf hat wie Bent Branderup und die Situation und die Befindlichkeit eines aufgeregten Paares durch seine Killerbemerkungen noch schlimmer machen kann – wenn man es zu lässt. Und hier ist unser Ansatzpunkt. Wir müssen NIEMANDEM gefallen, die einzigen, die zählen, sind unser Pferd und wir. Unser Pferd muss sich wohlfühlen, und dazu müssen wir sein Fels in der Brandung sein, egal was ist. Wenn ich schon denke: „mein Pferd geht nie in den Hänger!“ wird es das auch nicht tun.

In Ermangelung an Pferdeleutengeschichten, weil ich hier nicht so viele Kontakte habe, möchte ich ein Erlebnis erzählen, dass ich mit Hunden hatte, denn bei Hunden ist es das gleiche Thema. Ich kannte einen sehr netten irischen Setter mit seinem älteren und besorgten Frauchen. Der arme Hund hatte vor Gewitter so viel Angst, dass er vom Tierarzt Beruhigungsmittel verschrieben bekam, weil dieser befürchtete, dass die Angstanfälle zu Epileptischen wurden. Eines Tages gingen wir spazieren, ich führte zufällig den irischen Setter und meinen englischen. Die Dame, wie gesagt schon älter und etwas schwerhörig lief neben uns und plapperte. Hinter uns baute sich ein ordentliches Gewitter auf, dessen Grummeln man schon hören konnte. Die Dame plapperte weiter, beide Hunde liefen entspannt neben mir. Eigentlich sollte nach Aussage der irische Setter schon längst zitternd auf dem Boden liegen. Das Gewitter kam näher, wurde lauter, die Dame plapperte. Nun war es so nahe, dass es die Dame auch hören konnte. „Oh, nein, OGOTT, WAS MACHE ICH NUR…“ legte sie ein Theater vom Feinsten hin. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich der Setter, er mutierte zum winselnden und zitternden Bündel Elend. Mein Hund sah mich an: „Was ist denn jetzt kaputt?“ „Wieso sagst du denn nicht, dass es gewittert?“ war der Vorwurf. Ob und was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr, aber was ich gedacht habe, das wisst Ihr.

Gelassenheit. Wie bleibt man gelassen? Auch meine Gelassenheit hat sehr gelitten, meine persönliche Reaktion sind allerdings nicht Unsicherheit, sondern spitze Bemerkungen, welche mir zugegebener weise dann fast immer auf der Zunge liegen, welche ich aber normalerweise seltenst herauslasse, um andere nicht zu verletzten.

Letztendlich ist es die Eigenverantwortlichkeit, die Eigenständigkeit. Für einen Kurs ist daher die Einstellung: „Ich bin hier um zu lernen und zu verstehen.“ Und nicht: „Ich bin hier um zu gefallen und Anerkennung zu bekommen.“

Und umso empfänglicher das Pferd und je weniger resilient, umso stärke und gelassener müssen wir für es sein.

Schließen will ich mit dem in letzter Zeit häufig geschriebenen Zitat:

Dein Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt auch seine Schwankungen. Ärgere dich nie über dein Pferd; du könntest dich genauso gut über dein Spiegelbild ärgern. (Rudolph C. Binding)

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Die Poesie des Augenblicks

Lange ist es her, das letzte Branderup-Seminar in Wendlmuth – und jetzt erst der Bericht? Mein Mann starb ein paar Tage später, unvermutet, einfach so, sein geliebtes Herz hörte auf zu schlagen. Nun sitze ich hier und blicke die letzten Monate zurück. Wir beide brauchten den Tod nicht um zu wissen, wie wertvoll der Augenblick ist. So haben wir gelebt und ich bin froh darum, dass wir nie etwas für „später“ aufgeschoben haben.

Unter diesem Eindruck schreibe ich nun einen Bericht über ein Reitseminar. Ein Wort aus dem Seminar klang in mir wider: Poesie. Erreichen wir die Übereinstimmung mit unserem geliebten Pferd, sind keine Hilfen mehr nötig, bilden wir beide eines, dann ist dies Poesie.

Und ist es nicht genau das, was wir in unserem Leben erreichen wollen? Ist das nicht das höchste Gut? Macht dies nicht das Leben so wertvoll, das ja doch nur eine Aneinanderreihung von Augenblicken ist?

Und doch beobachte ich, wie viele sich dieser Möglichkeit durch Ehrgeiz berauben, das Pferd in Unbehagen bringen, damit es eine Figur zeigt. Erreiche ich so Poesie? Nein, niemals. Natürlich kann ich dann sagen, diese Übung kann ich jetzt, abgehakt, nun kommt die nächste dran. Allgemeiner Beifall, ich bin ja so toll.

Die Poesie will reifen. Sie braucht ihre Zeit, wie die Liebe. Poesie ist still, sie bekommt keinen Beifall. Sie ist für sich, für uns, für mich und mein Pferd. Nichts muss bewiesen werden, sie ist jenseits von allgemeiner Anerkennung durch andere, denn letztendlich ist dies Tand.

An was wollen wir uns erinnern? An die Fertigsuppe aus der Tüte oder an die Zwiebelsuppe der Oma, welche sie morgens aufsetzte, den ganzen Tag köcheln ließ und uns abends servierte, wenn wir müde durch die lange Fahrt durch Eis und Schnee endlich an ihrem Haus ankamen um mit ihr Weihnachten zu feiern. Die Betten waren für uns Kinder mit heißen Backsteinen warm gemacht, wir krabbelten unter die Decken in dem kalten Zimmer und kuschelten uns ein. Das war vor achtundvierzig Jahren, und ich weiß es noch wie heute. Wertvolle Augenblicke.

Wir haben die Wahl. Jeder Wein muss reifen, wie unbekömmlich ist das schnelle Hefebrot gegenüber dem aus gereiftem Sauerteig. Ist nicht auch die Zubereitung des Mahls allein schon ein Genuss? Wie sich die Aromen in der Pfanne entwickeln, wenn man Gewürze und Kräuter hinzugibt? Wie armselig macht dagegen die Fertigmischung „Jägersoße“ jedes Gericht und jedes Leben. Wie armselig macht doch die schnelle „Lösung“ einer schwierigen Lektion das Leben mit dem Pferd.

Ich habe vom Kurs noch sehr schöne Fotos, doch ich finde es nicht angemessen, sie in diesen sehr persönlichen Artikel zu setzen. Bent Branderup zeigt den Teilnehmern das Fühlen des Pferdes, seines Schwungs, durch den Sitz. Das ist wie kochen mit Gewürzen. Welche passen zusammen, wie lange lasse ich sie in der blasenwerfenden Butter. Dazu gehören Wissen, Fähigkeit und Gefühl. Diese muss man sich erst erwerben und sie müssen reifen. All das braucht Zeit. Ich habe mich auf diesen Weg eingelassen, und wenn es länger dauert – ja und? Und wenn ich niemals das Essen selber erleben werde, so war doch das Kochen allein ein Genuss. Und wenn ich niemals die hohe Schule über der Erde erreichen werde, so habe ich doch jeden Augenblick der inneren Verbindung mit meinem Pferd bis zum letzten Tropfen ausgekostet. Denn letztendlich zählt nichts anderes als diese Poesie dieser Augenblicke.

 

 

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Alte italienische und französische Gewaltreiterei?

Mal eine Zwischenbemerkung.

Grisone-1558-1355  F. Grisone. Ordini di cavalcare, 1558 Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek

Grisone-1558-1355
F. Grisone. Ordini di cavalcare, 1558
Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek

Gerade recherchiere ich für meinen neuen Artikel. Dabei sind mir die Aussagen von Wikipedia – welche ich auch schon in Büchern gelesen habe – über den Weg gelaufen:

„Giovanni Pignatelli (* etwa 1540; † etwa 1600) war Reitmeister und Nachfolger von Federigo Griso, genannt Grisone, an der 1532 gegründeten und damals in Westeuropa einflussreichen Neapolitanischen Reitschule; nach ihm ist die von ihm verwendete extrem scharfe und schwere Kandare, Pignatelle, benannt, die das Pferd zu ständiger Beizäumung zwang.“ Wikipedia, Stand 14.8.14

Die Kandarenbäume waren damals so lang, damit sie, wenn der Reiter vom Gegner nach hinten gestoßen wurde, an der Brust aufsetzen und somit ein Brechen des Unterkiefers verhindert wird. Die Bäume waren miteinander verbunden, damit sie nicht auseinander gespreizt werden und sauber aufliegen konnten. Die Pferde waren damals anders gebaut als die heutigen Warmblüter. Bei diesen wendet man wirklich heutzutage Gewalt an, um offensichtlich die Kandarenbäume an die Brust zu ziehen, siehe „Rollkur“.

Oftmals wurden die Kandaren damals nicht nur mit Garnitur zum Spielen mit der Zunge versehen, sondern auch mit Honig oder Gewürzen. Allein daran kann man sehen, dass die natürlichen Funktionen des Mauls aufrechterhalten werden sollten. Das Pferd konnte nicht nur, sondern sollte sogar auch die Zunge bewegen. Seit dem wundervollen Artikel hier von Stefanie Niggemeier: http://www.reit-kultur.de/?p=472 wissen wir, wie wichtig das für das Pferd und das gute Reiten ist. Auch die Funktion des Schluckens konnte ausgeführt werden. Jeder, der seinem Pferd ein Leckerli mit einem Gebiss im Maul gibt, weiß das dies tatsächlich geht.

Und wie sieht es heute aus? Ich wette um eine Pizza, dass in 80 % aller Fälle in FN-Reitställen, der Nasenriemen so eng geschnallt ist und zugleich die Zunge des Pferdes durch die ach so milde Trense so sehr durch die falsch verstandene Anlehnung gequetscht wird, dass das Pferd weder die Zunge bewegen, geschweige denn schlucken kann. Es gibt ganze Universitätsstudien und Forschungsbericht darüber, dass dies am Gebiss alleine liegt. Nein, Reiter, das liegt ausschließlich an Euch!

Darin liegt auch der Irrtum über die alten Meister: es wird von der heutigen Handhabung der Kandare ausgegangen. Mit Sicherheit gab es, ebenso wie heute, sehr unschöne Szenen in der Reiterei. Dennoch, ein heutiger Reiter ist mit einer solchen Kandare wie ein Affe mit einem Rasiermesser, die alten Meister waren es nicht. Man soll nie anderen unterstellen, was man selber machen würde.

Ausschnitt: L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval

Ausschnitt:
A. de Pluvinel, L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval 1629

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Das Pferd muss die Lösung selbst finden.

Michaela Lieblein mit Sirius, ihrem 18 Jahre alten Hannoveraner. Seit über zwei Jahren sehe ich nun dieses Paar, welches Schüler bei Sabine Oettel sind. Welch eine unglaubliche Wandlung in dieser Zeit - und Wolfgang Krischke brachte sie zum Strahlen.

Michaela Lieblein mit Sirius, ihrem 18 Jahre alten Hannoveraner.
Seit über zwei Jahren sehe ich nun dieses Paar, welches Schüler bei Sabine Oettel ist. Welch eine unglaubliche Wandlung in dieser Zeit von beiden – und Wolfgang Krischke brachte sie zum Strahlen.

Dies war für uns das Motto des Kurses vom 2. und 3. August 2014 mit Wolfgang Krischke von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg zu dem Sabine Oettel, Meisterin der akademischen Reitkunst, einlud. Wieder versammelten sich die Lernenden mit und ohne Pferd in Wendlmuth, besser: im Waffengarten von Wendlmuth. Aber dazu mehr später.

Mit unnachahmlicher Geduld ging Wolfgang Krischke auf die Wünsche der Teilnehmer ein. Zuvor beurteilte er das Reiter-Pferd-Paar und sah mit einem Blick, wo das Problem sitzt, sei es sozusagen eine mentale Blockade, sei es aber auch einfach nur die Handhaltung oder auch der Sitz. Das Pferd spiegelt dabei den Reiter wider, denn das Pferd kann das alles, wie wir gesehen haben. Kaum hat der Reiter sein Problem im Griff, macht das Pferd alles richtig. Das sollte man sich immer bewusst machen. Nachdem dies geregelt war, ging es ans Neue. Mehrere Teilnehmer wollten gern mit ihren Pferden das Piaffieren lernen. Hier zeigte sich Wolfgang Krischke in seiner Genialität des richtigen Timings. In dem Moment, in dem das Pferd den richtigen Lösungsansatz zeigt: nachgeben, entspannen, loben. Ich habe den Eindruck, dass dies das Selbstvertrauen der Pferde stärkt, obwohl der Weg dahin für das Tier sehr aufregend ist. Fehlversuche werden einfach ignoriert und gelassen hingenommen. Gelassenheit seitens des Lehrers ist hierfür meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung. Die Pferde wurden in diesem Kurs zu aktiven Kursteilnehmern und nicht nur zum Werkzeug. Sie fanden die Lösung und zeigten die ersten Ansätze einer schön gesetzten Piaffe.

Hier sucht Sirius noch nach der Lösung. Die Beinfolge stimmt noch nicht für die Piaffe. Doch mal sieht hier besonders schön seine Entwicklung, Das ehemalige, eckige Springpferd wurde rund und zeigt eine wundervolle Hankenbeugung. Man beachte seinen Gesichtsausdruck, er ist ganz bei der Sache.

Hier sucht Sirius noch nach der Lösung. Die Beinfolge stimmt noch nicht für die Piaffe. Doch man sieht hier besonders schön seine Entwicklung, das ehemalige, eckige Springpferd wurde rund und zeigt eine wundervolle Hankenbeugung. Man beachte seinen Gesichtsausdruck, er ist ganz bei der Sache.

Das Zweite, was ich aus diesem Kurs mitnahm, ist die Beschäftigung mit der Fillis-Zügelführung. James Fillis (1834-1913) war ein Schüler Bauchers. Mir selbst gefällt es nicht, wie er auf dem berühmten Foto von ihm zu Pferd sitzt (Spohr sitzt ganz ähnlich), dennoch hat mir Wolfgang Krischke einen Weg für mich und Príncipe gezeigt, welchen ich die nächsten Tage ausprobieren will. Bei der Zügelführung nach Fillis wird beidhändig geritten, die rechten Zügel in die rechte Hand, die Linken in die Linke. Dabei wird der Zügel von Caveçon/Trense über den Zeigefinger durch die Hand nach unten geführt, der Kandarenzügel kommt von unter dem kleinen Finger entgegensetzt nach oben raus. Damit kann sehr leicht nur das Caveçon oder die Kandare allein angesprochen werden, oder beide zugleich. Mit dem Caveçon kann man den Kopf des Pferdes wieder hochnehmen, wenn dieser zu tief ist, mit der Kandare runter. Geht das Pferd in Selbsthaltung, so ist keine Einwirkung nötig. [Anmerkung: An dieser Stelle will ich eindringlich darauf hinweisen, dass es bei dieser Reiterei Ziel ist, mit sozusagen durchhängendem Zügel zu reiten, in Selbsthaltung des Pferdes. Diese zweihändige Zügelführung hat so überhaupt nichts mit der heutigen – falsch verstandenen Art – der „Anlehnung“ zu tun. Es wird keine Kraft in der Zügelhand, so wie es heutzutage üblich ist, angewendet. Und noch ein Unterschied zur heutigen Fahrradlenkstangenart: Das

Lehrer und Schüler, Wolfgang Krischke, Michaela Lieblein und Sirius

Lehrer und Schüler, Wolfgang Krischke, Michaela Lieblein und Sirius

Pferd wird nicht im Maul gelenkt, sondern mit den Zügeln am Hals.] Gerade für ein junges Pferd, welches die Grundhilfen des Reiters noch lernt, kann daher diese Art der Zügelführung einfacher zu verstehen sein. Ich hatte sie bisher verworfen, weil ich, einfach gesagt, kein Baucherist bin. Doch Wolfgang Krischke hat mich in diesem Kurs von der Zweckmäßigkeit dieser Führung überzeugt. Mal sehen, was Príncipe dazu sagt.

Im Theorieteil wurde auf die Fragen der teilnehmenden Reiter eingegangen. Ein hochinteressanter Blickwinkel, denn wir als Zuschauer sehen ähnlich wie der Lehrer von außen. Das Reitgefühl der Reiter kann da natürlich nicht vermittelt werden. Dies nun auch aus Reiterperspektive zu hören, erklärte manches noch eindringlicher.

Die Familie Andraschko, die Hausherren der wunderschönen Anlage, versorgte uns, unter anderem mit fantastischem Kuchen, Kaffee und Bratwürstchen. Und ich nehme an, dass die Utensilien für den Waffengarten von Herrn Andraschko gebaut wurden.

Der Waffengarten. Am Ende der beiden Tage ging es dann endlich in den Waffengarten. Er wurde in der Halle aufgebaut, zwei Stelen mit je einem Blumenstrauß oben eingesteckt und ein Galgen, der geschickterweise an der Hallenwand befestigt war, damit kein Ständer in der Halle und damit den Pferden im Weg steht. Alle Reiter nahmen daran natürlich teil. Zuerst die Stichwaffe (Florett/Degen?), es wurde ein Blumenstrauß aus einer Säule durchbohrt und gehoben, dann die Lanze, welche durch einen Ring gestoßen wurde, um diesen vom Galgen zu holen. Es war fantastisch zu sehen, wie es bei den Pferden „Klick“ machte. Todesmutig hielt Herr Krischke dann, nach einigen Übungsläufen, beim Abschlusslauf durch den gesamten Garten den auf ihn zu galoppierende  Reitern die einzelnen Waffen zum Aufnehmen  hin. Reiter und Pferd sind zu einer Einheit geworden, welche ein gemeinsames Ziel haben. AAATTTAAACCCKKKKKEEEEEE!

Ach wie schnell waren doch die Tage schon wieder vorbei.

 

Michaela und Sirius auf dem Weg zum Kriegspferd.

Michaela und Sirius auf dem Weg zum Kriegspferd.

Alle Fotos: Oliver Oettel – Danke dafür!

Links:

Wolfgang Krischke: http://www.hofreitschule.de/

Sabine Oettel: http://www.akademische-reitkunst.at

Familie Andraschko: http://www.pferdesportartikel-andraschko.de/

https://www.facebook.com/pages/Sabine-Oettel-Akademische-Reitkunst/340448562678208?ref=ts&fref=ts

 

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